In den letzten Jahren sind jede Menge Quereinsteiger in die deutsche IT geströmt. Darüber hinaus kamen viele neue ausgebildete junge Leute nach. Auch aus dem Aus- und Umland.
Ein Traum für die BWLer: Günstigere Arbeitskräfte aber auch internationale Projekte und Outsourcing was günstigere und schnellere Umsetzung verspricht. Oft zu kurz gedacht.
Wer länger im Markt ist, der weiß das dies nur eine Seifenblasen-Traum ist und oft an Zeitzonen, Qualität und multilingualer Entwicklung scheitert, Mehrkosten erzeugt oder nicht den entsprechenden Nutzen bringt. Eine Herausforderung für die IT. Gleichzeitig stößt es erfahrene Arbeitskräfte vor den Kopf. Etwas besser, günstiger oder leichter zu lösen ist schnell gesagt. Die Wahrheit sieht mittelfristig meist nicht anders aus: neue Lösungen stoßen an ähnliche Punkte und Herausforderungen wie bisherige Ansätze. Das Problem verlagert sich nur. Die Komplexität und das damit verbundene Risiko zu scheitern bleibt. Daher ist das, was erfahrene Fachkräfte voraussagen oder anmerken oftmals richtig, wertvoll und wichtig.
Auch Bundeskanzler Merz hat bereits mehrfach auf die „Wettbewerbsfähigkeit“ und Preise in Deutschland hingewiesen. Wir sind aber kein Billigland. Deutschland ist bekannt für Ingenieurskunst, Qualität, Substanz und Stabilität.
Der Seifenblasen-Traum von billig, billig
Gleichzeitig haben einige Firmen die Standorte ins Ausland verlagert, unterschiedliche KI-Lösungen haben sich am Markt etabliert und die Automatisierung ist vorangeschritten.
Genau in dieser Phase stagnierte die Entwicklung in der IT. Immer mehr Projekte wurden durch fehlende Gelder, ständige Gesetzesänderungen, mangelnde Förderung oder bürokratische Verbote und ständige Gesetzesänderungen gebremst, z.B. Autonomes Fahren: Deutschland bleibt stehen
Die Wertschätzung für IT und digitale Lösungen ist niedrig
Von IT-Lösungen wird nicht nur erwartet das sie möglichst billig hergestellt werden, nein – sie werden auch teilweise sehr forsch von der Bevölkerung abgelehnt. eCommerce-Lösungen stehen ständig in Konkurrenz mit dem Handel. Digitale Kommunikation steht im fortlaufenden Wettbewerb mit Face-to-Face-Kommunikation und Software-Lösungen wird wegen ihrer Effizienz oder Überwachungscharakteristik oft abgelehnt.
Ein Kampf zwischen Generationen? Was wäre, wenn uns beides weiterbringt: vorhandenes und neues?
Gleichzeitig wird von Anwendern und Auftraggebern hohe Digitalisierungskompetenz, Komfort und maximale Sicherheit erwartet. Das alleine ist aber ein großer Widerspruch. Innovation und gute Lösungen entstehen nicht in der Komfortzone oder wo wir bewährten Standards und vorhandenen Lösungen folgen. Innovation entsteht im mutigen Bereich „außerhalb der Box zu denken“. Dort ist häufig weniger Sicherheit, mehr Unsicherheit und damit verbunden auch mehr Potential: sozusagen ein Innovationsabenteuer.
Ein Bereich der häufig belächelt wird. Da gibt es wenig Wertschätzung. Warum? Dort entstehen die meisten Fehler. Da tummeln sich die innovativen „Spinner“, die Visionäre und Großdenker. Das ist auch der Bereich wo Prototypen entstehen. Die sind nicht perfekt. Da funktioniert nicht alles. Das ist nicht super schick, oft eher funktional und auf Basis von Grundfunktionalität.
Für diese Innovationskraft fehlt oft dazugehöriges Verständnis, Anerkennung und Bewusstein. Erst lachen sie, dann gehen sie dagegen an und dann fragen sie wie das jemand geschafft hat.
Fortschritt entsteht durch neue Wege – nicht in der Komfortzone
Während IT-Administratoren ganz komfortabel und mit einem charmanten Lächeln im Sakko die Druckerprobleme im Büro lösen und defekte Tastaturen austauschen können, weil sich das praktisch 40 Jahre nicht verändert hat sind Software-Entwickler, IT-Projektmanager und Igenieure oftmals mit wesentlich komplexeren Herausforderungen konfrontiert:
- Ständig neue Innovationen, Standards und Technologien im 6-Monatshytmus
- Schwer kalkulierbare IT- und Software-Projekte in einem dynamischen Markt
- Große Anzahl an Kunden- und Unternehmensanforderungen
- Oftmals in Kombination mit hohen Hardware-Anforderungen und -Eingrenzungen
- Immer stärker werdende Interoperabilität der Systeme und Komponenten
- „Nicht angreifbare„-Software-Lösungen die sich den Kundenanforderungen annähern müssen
- Rasch ändernde Standards, Datenaustauschformate und Kommunikationsverbindungen
- Hohe Innovation und internationaler Druck der Märkte
- Projekte die On-, Off- und Nearshoring realisiert werden können
- Viele mögliche Programmiersprachen und Hardwarekomponenten
- Umfassende Anforderungen an Qualitäts- und Sicherheitsstandards
- Marketing- und Vertriebsgenies die das blaue vom Himmel versprechen
- Projekte die aufgrund falscher Planung scheitern oder nicht weiter gewartet werden können
- Mitarbeiterwechsel und Verlagerung von Neuentwicklung, Betrieb und Wartung
- Teamführung quer über den Erdball
- Weltweiter Kundensupport in einem internationalen Wettbewerb
Die ersten Experten sprechen inzwischen davon, das die IT in Deutschland tot wäre. Dabei würde ich eher sagen, das sie eine neue innere Haltung braucht.
„Das haben wir schon immer so gemacht“
Wir zerdenken neue Lösungen oft und zerreden die Innovationskraft oder Vorteile digitaler Lösungen. Das entmutigt und wir verlieren den Anschluss im internationalen Markt. Gleichzeitig ruiniert die Erwartung komplexe Problemstellungen mit einem freundlichen charmanten Lächeln auf den Lippen zu lösen, jeglichen Raum für Innovationskraft und die damit verbundene „Unsicherheit“.
„Innovation kann selten mit Stabilität, Gewohnheit und maximaler Sicherheit einhergen. Innovation bedeutet immer erstmal ’neu, anders, ungewohnt.„
Auch die Forderung nach „Leichtigkeit“ und der Wunsch hohe Anstrengung vermeiden zu wollen, führt uns ganz sicher nicht im internationalen Wettbewerb voran.
Wir werden ruiniert durch falsche Erwartungen
Innovationskraft entsteht nicht durch komplizierte Ansätze oder Vermeidung von Leistung, sondern durch intelligente Herangehensweise, kluge Lösungen und das Verlassen der Komfortzone: smarte Lösungen, Unsicherheit, Mut, Experimentieren, neue Wege gehen und voranschreiten.
Das bedeutet keine „dummen“, riskante, naive und plumpe Lösungen zu entwickeln, sondern ausgeklügelt und auf konkrete Anwendungsfälle ausgerichtet aber ohne Erwartung sofort den perfekten Lösungsentwurf zu haben.
Deshalb braucht die deutsche IT sowie Software-Entwicklung mehr Mut, Substanz, Ermutigung aber natürlich auch Kapital und Investoren. Es braucht Menschen und Unternehmen die den Standort Deutschland nicht abschreiben, sondern daran glauben und bereit sind den Wirtschaftsstandort zu halten, statt aufzugeben.
Menschen und Experten, die bereit sind die Ärmel hochzukrempeln und nicht bei der ersten Hürde aufgeben, weil sie vielleicht zu anstrengend ist. Muskeln wachsen mit dem Gewicht, Flugzeuge starten gegen den Wind. Von nichts kommt nichts.