Hilfe! Wir sind dumm und die KI ist schuld! Warum wir die falschen Fragen stellen

Ein Fachbeitrag über menschliche Intelligenz, kognitive Entlastung, gesellschaftliche Überforderung und die Verantwortung in einer zunehmend komplexen Welt.

„Die KI ist schuld!“

Ich denke mir: Was? Und lese weiter.

„Die KI ist schuld daran, dass die Menschen immer dümmer werden.“

Spannend. Ich lese weiter.

„Die Menschen denken nicht mehr selbst, weil sie KI benutzen.“

Ein interessanter Gedanke. Nur halte ich die Schlussfolgerung für falsch.

Warum? Menschen sind nicht erst „intelligent“, bevor es künstliche Intelligenz gab. Ebenso wenig waren sie zuvor grundsätzlich kritischer, reflektierter oder besser in der Lage, Informationen einzuordnen. Fehlendes Wissen, mangelnde Urteilskraft, Vorurteile und unreflektierte Überzeugungen sind keine Erfindungen des digitalen Zeitalters.

Was sich verändert hat, ist vor allem die Sichtbarkeit dieser Unterschiede und die Geschwindigkeit, mit der sich ihre Auswirkungen entfalten.

Künstliche Intelligenz macht Menschen nicht zwangsläufig dümmer. Sie kann allerdings sichtbar machen, wo eigenständiges Denken, Medienkompetenz und kritisches Urteilsvermögen fehlen. Gleichzeitig kann sie diese Fähigkeiten sowohl fördern als auch beeinträchtigen.


Was passiert, wenn plötzlich jeder eine öffentliche Stimme hat?

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren die Möglichkeiten, eine größere Öffentlichkeit zu erreichen, stark begrenzt. Presse, Radio und Fernsehen waren durch redaktionelle, institutionelle und technische Strukturen geprägt. Das bedeutete keineswegs, dass veröffentlichte Informationen grundsätzlich richtig, objektiv oder frei von wirtschaftlichen und politischen Interessen waren. Es bedeutete jedoch, dass der Zugang zu einer größeren Öffentlichkeit häufig an bestimmte Voraussetzungen gebunden war.

Mit dem Internet hat sich diese Situation grundlegend verändert. Heute kann nahezu jeder Videos produzieren, Inhalte veröffentlichen, Meinungen verbreiten und potenziell gesellschaftlichen Einfluss nehmen. Soziale Medien ermöglichen es Einzelpersonen, innerhalb kürzester Zeit große Reichweiten zu erzielen. Künstliche Intelligenz senkt zusätzliche technische und sprachliche Hürden und vereinfacht die Produktion digitaler Inhalte.

Das ist zunächst eine erhebliche Erweiterung individueller Möglichkeiten. Menschen können sich unabhängig informieren, Wissen teilen, eigene Perspektiven veröffentlichen und gesellschaftliche Debatten mitgestalten. Gleichzeitig stehen fachliche Expertise, persönliche Meinungen, wirtschaftliche Interessen, Desinformation und Unterhaltung zunehmend unmittelbar nebeneinander.

Die Fähigkeit, Informationen zu produzieren und zu verbreiten, ist allerdings nicht gleichbedeutend mit der Fähigkeit, ihre Qualität zu beurteilen. Wer eine überzeugende Präsentation erstellen kann, verfügt nicht automatisch über fundiertes Wissen. Wer komplexe Sachverhalte verständlich erklären kann, muss sie nicht zwangsläufig richtig verstanden haben. Und wer eine große Reichweite erzielt, ist deshalb noch lange kein Experte.

Die Herausforderung besteht folglich nicht allein darin, dass heute mehr Menschen sprechen können. Vielmehr müssen wir uns in einem Informationsraum orientieren, in dem die Unterscheidung zwischen belegbaren Tatsachen, Interpretationen und unbelegten Behauptungen zunehmend eigene Kompetenzen erfordert.

Medienkompetenz ist damit weit mehr als die Fähigkeit, digitale Anwendungen zu bedienen. Sie umfasst auch die Bewertung von Quellen, das Erkennen von Interessen, den Umgang mit Unsicherheit und die Fähigkeit, eigene Überzeugungen kritisch zu hinterfragen.



Warum digitale Technologien unser Denken verändern können

In der Kognitionswissenschaft wird unter Cognitive Offloading, also kognitiver Entlastung, die Auslagerung geistiger Aufgaben auf externe Hilfsmittel verstanden. Menschen nutzen beispielsweise Kalender, Notizen, Suchmaschinen oder Navigationssysteme, um Informationen nicht vollständig im eigenen Gedächtnis behalten oder bestimmte Aufgaben nicht ausschließlich selbst bewältigen zu müssen.

Diese Form der Entlastung ist keineswegs grundsätzlich problematisch. Im Gegenteil: Sie kann kognitive Ressourcen freisetzen, die dann für anspruchsvollere Aufgaben zur Verfügung stehen. Entscheidend ist allerdings, welche Denkprozesse ausgelagert werden und welche Fähigkeiten dadurch möglicherweise weniger trainiert werden.

Mit generativer künstlicher Intelligenz erhält diese Entwicklung eine neue Dimension. Während eine klassische Suchmaschine in erster Linie Informationen auffindbar macht, können KI-Systeme bereits formulierte Erklärungen, Argumentationen, Zusammenfassungen und Lösungsvorschläge bereitstellen. Damit wird nicht mehr nur die Suche nach Wissen erleichtert, sondern unter bestimmten Bedingungen auch ein Teil der eigentlichen Denk- und Interpretationsarbeit übernommen.

Der OECD zufolge kann generative KI die Qualität von Arbeitsergebnissen verbessern, ohne dass daraus zwangsläufig ein entsprechender Lernzuwachs entsteht. Der OECD Digital Education Outlook 2026 beschreibt Risiken, wenn Lernende kognitive Aufgaben ohne pädagogische Anleitung an allgemeine KI-Systeme auslagern. Gleichzeitig zeigt der Bericht, dass gezielt gestaltete Lernumgebungen mit KI Kompetenzen wie kritisches Denken, Kreativität und Zusammenarbeit fördern können.

Das ist ein wesentlicher Unterschied: Ein gutes Ergebnis ist nicht automatisch ein Beleg für einen guten Lernprozess.

Wer eine komplexe mathematische Aufgabe mithilfe einer KI korrekt löst, hat damit noch nicht zwangsläufig verstanden, wie die Lösung zustande gekommen ist. Wer einen juristischen Sachverhalt zusammenfassen lässt, verfügt dadurch nicht automatisch über die Fähigkeit, die rechtliche Argumentation selbstständig zu prüfen. Und wer einen wissenschaftlich klingenden Text erzeugt, hat noch keine wissenschaftliche Kompetenz erworben.

Das eigentliche Risiko besteht daher nicht in der Nutzung künstlicher Intelligenz, sondern in der unreflektierten Übertragung geistiger Aufgaben, die für den Aufbau eigener Kompetenzen entscheidend sind.



Was die Wissenschaft über KI und kritisches Denken sagt

Die bisherige Forschung zeichnet kein einheitliches Bild, nach dem KI grundsätzlich zu einer Abnahme menschlicher Intelligenz führt. Vielmehr hängen die beobachteten Effekte unter anderem von der konkreten Aufgabe, der Gestaltung des Lernprozesses, dem Vorwissen und der Art der Nutzung ab.

Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit im Fachjournal Computers and Education: Artificial Intelligence untersuchte 67 empirische Studien aus den Jahren 2022 bis 2025 zum Einfluss von ChatGPT auf kritisches und kreatives Denken bei Studierenden. Die Ergebnisse zeigen, dass KI in strukturierten, forschungsorientierten Lernumgebungen unter anderem argumentative Fähigkeiten, metakognitive Reflexion und Ideenentwicklung unterstützen kann. Bei unstrukturierter Nutzung wurden dagegen auch oberflächliche Informationsverarbeitung, kognitive Auslagerung und eine geringere eigenständige Auseinandersetzung mit Argumenten beobachtet.

Eine weitere systematische Übersichtsarbeit in Frontiers in Education aus dem Jahr 2026 untersuchte die Auswirkungen generativer KI auf die epistemische Eigenständigkeit im Hochschulbereich. Die Autoren beschreiben ein Spannungsfeld: KI kann als kognitive Unterstützung dienen, zugleich aber bei unkritischer Nutzung die eigenständige Bewertung von Informationen und die analytische Auseinandersetzung beeinträchtigen. Auch diese Untersuchung hebt die Bedeutung von KI-Kompetenz, didaktischer Gestaltung und bewusster Überprüfung KI-generierter Ergebnisse hervor.

Diese Forschungsergebnisse müssen allerdings differenziert betrachtet werden. Ein großer Teil der bisherigen Forschung konzentriert sich auf Studierende und bestimmte Bildungskontexte. Daraus lässt sich nicht ohne Weiteres ableiten, dass dieselben Effekte in gleicher Stärke bei Berufstätigen, Führungskräften oder der gesamten Bevölkerung auftreten. Ebenso wenig belegen die bisherigen Studien einen allgemeinen oder langfristigen Rückgang menschlicher Intelligenz durch KI.

Die wissenschaftlich tragfähige Schlussfolgerung ist daher deutlich differenzierter als die verbreitete Behauptung, KI mache Menschen dümmer: KI kann kognitive Fähigkeiten unterstützen, aber auch dazu führen, dass Menschen wichtige Denkprozesse seltener selbst ausführen. Entscheidend ist, wie und wofür sie eingesetzt wird.


Warum unsere Bildungssysteme vor neuen Herausforderungen stehen

Unsere Bildungs- und Ausbildungssysteme sind in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen entstanden, die sich von der heutigen digitalen Lebens- und Arbeitswelt teilweise erheblich unterscheiden. Zwar wurden sie kontinuierlich weiterentwickelt, dennoch besteht eine zentrale Herausforderung darin, Menschen nicht nur auf bekannte Anforderungen vorzubereiten, sondern ihnen auch den Umgang mit Unsicherheit, Mehrdeutigkeit und dynamischen Veränderungen zu vermitteln.

Wissen allein reicht in einer zunehmend vernetzten Welt immer seltener aus. Informationen verändern sich, technologische Möglichkeiten entwickeln sich weiter und Entscheidungen haben häufig Auswirkungen auf mehrere miteinander verbundene Systeme. Die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und fundierte Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen, gewinnt deshalb an Bedeutung.

Ein OECD-Bericht aus dem Jahr 2025, der die Forschung zum Einfluss digitaler Technologien auf das Lernen auswertet, kommt zu dem Ergebnis, dass digitale Werkzeuge das Engagement und die Individualisierung des Lernens fördern können. Ihr Nutzen ist jedoch nicht automatisch gegeben, sondern hängt maßgeblich von der pädagogischen und organisatorischen Einbindung ab. Zu den identifizierten Herausforderungen zählen unter anderem Ablenkung und ungleiche Zugangsvoraussetzungen.

Damit wird deutlich, dass die bloße Bereitstellung technischer Hilfsmittel keine ausreichende Bildungsstrategie darstellt. Entscheidend ist, ob Menschen lernen, diese Werkzeuge reflektiert einzusetzen und ihre Ergebnisse kritisch zu überprüfen.

Ein zeitgemäßes Bildungssystem sollte deshalb nicht nur vermitteln, wie Informationen beschafft und verarbeitet werden. Es sollte ebenso die Fähigkeit fördern, unterschiedliche Quellen zu bewerten, Argumente logisch zu prüfen, eigene Denkfehler zu erkennen und bei unzureichender Informationslage begründete Unsicherheit auszuhalten.

Das gilt nicht nur für Schulen und Hochschulen. Auch Berufsausbildung, betriebliche Weiterbildung und Führungskräfteentwicklung stehen vor der Aufgabe, Kompetenzen zu fördern, die über die reine Anwendung technischer Systeme hinausgehen.


Wer profitiert von den neuen Möglichkeiten?

Technologische Entwicklungen schaffen nicht nur neue Möglichkeiten, sondern verändern auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Machtverhältnisse. Wer über Wissen, Kapital, technische Infrastruktur, rechtliche Expertise oder den Zugang zu relevanten Netzwerken verfügt, kann neue Handlungsspielräume häufig schneller erschließen als andere.

Das ist grundsätzlich kein neues Phänomen. Unternehmen haben schon immer versucht, Wettbewerbsvorteile zu identifizieren, Kosten zu reduzieren, rechtliche Gestaltungsmöglichkeiten auszuschöpfen und neue Märkte zu erschließen. Auch staatliche Institutionen und Einzelpersonen verfolgen eigene Interessen und nutzen vorhandene Handlungsspielräume.

Künstliche Intelligenz kann solche Prozesse jedoch erheblich beschleunigen. Sie erleichtert die Analyse großer Datenmengen, automatisiert administrative Abläufe, unterstützt die Auswertung rechtlicher Sachverhalte und hilft dabei, wirtschaftliche Potenziale zu identifizieren.

Damit entstehen auch neue Möglichkeiten, bestehende Regelungslücken zu erkennen und strategische Vorteile auszubauen. Ob die Nutzung solcher Möglichkeiten legitim, problematisch oder rechtswidrig ist, hängt dabei von den konkreten Handlungen und den geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen ab.

Problematisch wird es insbesondere dann, wenn wirtschaftliche oder institutionelle Vorteile auf Kosten anderer systematisch maximiert werden und die daraus entstehenden gesellschaftlichen Folgen unberücksichtigt bleiben. Wenn beispielsweise Produktivitätsgewinne ausschließlich einzelnen Akteuren zugutekommen, während soziale, ökologische oder gesundheitliche Folgekosten von der Allgemeinheit getragen werden, entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht.

Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob wirtschaftliche Interessen verfolgt werden dürfen. Vielmehr geht es darum, wie diese Interessen mit gesellschaftlicher Verantwortung, fairen Wettbewerbsbedingungen und langfristiger Wertschöpfung in Einklang gebracht werden können.


Wenn Effizienz zum Selbstzweck wird

Wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Nutzen müssen sich nicht widersprechen. Unternehmen können durch Innovation, gute Arbeitsbedingungen, effiziente Prozesse und nachhaltige Geschäftsmodelle einen erheblichen gesellschaftlichen Beitrag leisten.

Allerdings entsteht ein Spannungsfeld, wenn wirtschaftliche Kennzahlen zum alleinigen Maßstab für Entscheidungen werden. Eine Organisation kann kurzfristig Kosten reduzieren und gleichzeitig langfristig Wissen, Vertrauen, Motivation oder Gesundheit ihrer Beschäftigten beeinträchtigen. Ein Geschäftsmodell kann hohe Renditen erwirtschaften, während seine gesellschaftlichen Folgekosten an anderer Stelle entstehen.

Aus der Perspektive des Lean Thinking ist deshalb zwischen tatsächlicher Wertschöpfung und bloßer Ressourcenoptimierung zu unterscheiden. Effizienz bedeutet nicht zwangsläufig, möglichst viele Leistungen mit möglichst wenig Personal zu erbringen. Vielmehr geht es darum, Verschwendung zu reduzieren, Prozesse sinnvoll zu gestalten und nachhaltigen Nutzen für die relevanten Anspruchsgruppen zu schaffen.

Das gilt ebenso für den Einsatz künstlicher Intelligenz. Eine automatisierte Anwendung, die zwar Arbeitszeit einspart, gleichzeitig jedoch Fehler produziert, Abhängigkeiten schafft oder die Qualität von Entscheidungen verschlechtert, ist nicht automatisch effizient.

Die Bewertung einer Technologie sollte deshalb nicht allein anhand ihrer kurzfristigen Einsparungen erfolgen. Vielmehr sind auch die langfristigen Auswirkungen auf Arbeitsqualität, Entscheidungsfähigkeit, organisatorisches Wissen und gesellschaftliche Teilhabe zu berücksichtigen.

Technologischer Fortschritt ist erst dann nachhaltiger Fortschritt, wenn die erzielten Effizienzgewinne auch zu einer tatsächlichen Verbesserung der relevanten Lebens- und Arbeitsbedingungen beitragen.


Warum gesellschaftliche Verantwortung mehr als individuelle Anpassung bedeutet

Wenn gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen als ungerecht, unverhältnismäßig oder problematisch wahrgenommen werden, entsteht häufig das Gefühl, den entsprechenden Strukturen ausgeliefert zu sein. Dieses Gefühl kann sich verstärken, wenn Menschen nicht wissen, welche rechtlichen, politischen oder gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen.

Dabei gibt es unterschiedliche Wege, Einfluss zu nehmen. Je nach Situation können rechtliche Beratung, Widerspruchsverfahren, Beschwerden bei zuständigen Stellen, demokratische Beteiligung, organisierte Interessenvertretung oder friedliche Demonstrationen geeignete Möglichkeiten sein.

Gesellschaftliche Teilhabe bedeutet nicht, jede Entwicklung grundsätzlich abzulehnen. Sie bedeutet vielmehr, sich mit bestehenden Verhältnissen auseinanderzusetzen, eigene Interessen zu erkennen und sich dort einzubringen, wo Entscheidungen getroffen werden.

Allerdings wäre es zu einfach, die Verantwortung für strukturelle Probleme ausschließlich auf das Verhalten einzelner Menschen zu übertragen. Individuelle Entscheidungen finden immer innerhalb bestehender wirtschaftlicher, rechtlicher und sozialer Rahmenbedingungen statt. Nicht jeder Mensch verfügt über dieselben finanziellen Ressourcen, zeitlichen Möglichkeiten oder gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten.

Eigenverantwortung und strukturelle Verantwortung schließen sich deshalb nicht aus. Sie müssen gemeinsam betrachtet werden.

Manchmal bedeutet Eigenverantwortung, neue Kompetenzen zu erwerben oder eigene Überzeugungen zu hinterfragen. In anderen Situationen kann sie bedeuten, rechtliche Möglichkeiten auszuschöpfen, öffentlich zu widersprechen, sich mit anderen zu organisieren oder bewusst Grenzen zu setzen.

Es ist nicht automatisch Ausdruck mangelnder Anpassungsfähigkeit, wenn Menschen bestimmte Entwicklungen nicht mittragen möchten. Ebenso wenig ist jede technische oder wirtschaftliche Veränderung allein deshalb sinnvoll, weil sie möglich ist.

Eine verantwortungsvolle Gesellschaft sollte deshalb nicht nur fragen, wie Menschen sich an neue Bedingungen anpassen können, sondern ebenso, wie diese Bedingungen gestaltet werden müssen, damit möglichst viele Menschen daran teilhaben können.


Wie wir kritisches Denken im Zeitalter der KI fördern können

Die Forschung zur KI-gestützten Bildung verdeutlicht, dass kritisches Denken nicht allein durch den Zugang zu Informationen oder technischen Werkzeugen entsteht. Es benötigt Lernumgebungen, in denen Menschen aktiv argumentieren, Informationen überprüfen, unterschiedliche Perspektiven vergleichen und ihre eigenen Schlussfolgerungen begründen müssen.

Die OECD und die Europäische Kommission haben 2026 einen gemeinsamen Rahmen für KI-Kompetenz in der Primar- und Sekundarbildung veröffentlicht. Dieser betont neben dem Verständnis künstlicher Intelligenz insbesondere die Fähigkeit, KI-Ergebnisse kritisch zu bewerten und die Technologie verantwortungsvoll, kreativ und ethisch einzusetzen.

Für die praktische Anwendung bedeutet das, KI nicht ausschließlich als Antwortmaschine zu nutzen, sondern als Werkzeug für die eigene Auseinandersetzung mit einem Thema.

Anstatt eine KI lediglich um eine fertige Lösung zu bitten, können Lernende beispielsweise verschiedene Argumentationslinien entwickeln lassen, Widersprüche identifizieren, alternative Hypothesen untersuchen oder die Grenzen einer bestimmten Erklärung herausarbeiten. Entscheidend bleibt dabei, die Ergebnisse eigenständig zu überprüfen und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen selbst zu verantworten.

Auch in Unternehmen lässt sich dieser Ansatz übertragen. Führungskräfte können KI einsetzen, um strategische Optionen zu untersuchen, Risiken systematisch zu erfassen und Entscheidungsgrundlagen zu erweitern. Die eigentliche Führungsaufgabe besteht jedoch weiterhin darin, Zielkonflikte zu bewerten, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen im jeweiligen organisationalen Kontext zu treffen.

Damit verändert sich auch das Verständnis von Kompetenz. Es geht zunehmend weniger darum, sämtliche Informationen selbst verfügbar zu haben, sondern vielmehr darum, relevante Informationen zu erkennen, ihre Qualität zu beurteilen und sie sinnvoll in Entscheidungsprozesse einzubinden.

Künstliche Intelligenz kann diesen Prozess unterstützen. Sie ersetzt jedoch weder fachliche Expertise noch die Notwendigkeit eigenständiger Urteilsbildung.


Die KI ist nicht schuld. Aber wir sind verantwortlich.

Es ist bequem, technologische Entwicklungen für gesellschaftliche Probleme verantwortlich zu machen. Schließlich sind technische Systeme sichtbar, ihre Funktionsweisen häufig komplex und ihre Auswirkungen nicht immer unmittelbar nachvollziehbar.

Doch künstliche Intelligenz entscheidet nicht eigenständig darüber, welche gesellschaftlichen Ziele wir verfolgen, welche wirtschaftlichen Interessen wir priorisieren oder welche rechtlichen Rahmenbedingungen wir schaffen. Diese Entscheidungen werden weiterhin von Menschen und Institutionen getroffen.

Damit verschiebt sich die Verantwortung weg von der pauschalen Verurteilung einer Technologie und hin zur konkreten Auseinandersetzung mit den Menschen, Organisationen und Strukturen, die ihren Einsatz bestimmen.

Das bedeutet nicht, jede technologische Entwicklung begrüßen oder jede gesellschaftliche Veränderung akzeptieren zu müssen. Es bedeutet vielmehr, sich differenziert mit den tatsächlichen Ursachen und Auswirkungen auseinanderzusetzen und dort Verantwortung zu übernehmen, wo Handlungsmöglichkeiten bestehen.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, ob künstliche Intelligenz uns das Denken abnimmt, und mehr darüber, warum eigenständiges Denken, kritische Reflexion und der verantwortungsvolle Umgang mit Wissen in einer zunehmend komplexen Welt so entscheidend geworden sind.

Denn die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, mit jeder technologischen Entwicklung Schritt zu halten. Sie besteht darin, die Fähigkeit zu bewahren, selbstständig zu urteilen, Verantwortung zu übernehmen und die Bedingungen unseres Zusammenlebens aktiv mitzugestalten.

Technologie ist ein Werkzeug. Wie wir sie einsetzen, welche Interessen wir damit verfolgen und welche gesellschaftlichen Konsequenzen wir in Kauf nehmen, bleibt eine menschliche Entscheidung.


Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur

1. OECD (2026): OECD Digital Education Outlook 2026: Exploring Effective Uses of Generative AI in Education. OECD Publishing, Paris. Der Bericht untersucht Chancen und Risiken generativer KI im Bildungsbereich, insbesondere die Unterscheidung zwischen besserer Aufgabenleistung und tatsächlichem Lernzuwachs. https://doi.org/10.1787/062a7394-en

2. Diverse Autoren (2026): The cognitive impact of ChatGPT in higher education: A systematic review of critical and creative thinking outcomes. Computers and Education: Artificial Intelligence, Volume 10, 100571. Systematische Übersichtsarbeit über 67 empirische Studien zum Einfluss von ChatGPT auf kritisches und kreatives Denken im Hochschulbereich. https://doi.org/10.1016/j.caeai.2026.100571

3. Suazo, I. et al. (2026): Between Cognitive Offloading and Critical Autonomy: A Systematic Review of the Epistemic Implications of Generative AI in Higher Education. Frontiers in Education. Systematische Übersichtsarbeit zu kognitiver Entlastung, epistemischer Eigenständigkeit und den Auswirkungen generativer KI auf Lernprozesse. https://doi.org/10.3389/feduc.2026.1878665

4. Forsström, S. et al. (2025): Key findings and integration strategies on the impact of digital technologies on students’ learning: Results from a literature review. OECD Education Working Papers, No. 336. Überblick über die Auswirkungen digitaler Technologien auf Lernergebnisse, Motivation und Bildungsgerechtigkeit. https://doi.org/10.1787/ab309c32-en

5. OECD / Europäische Kommission (2026): Empowering Learners for the Age of AI: An AI Literacy Framework for Primary and Secondary Education. Ein Kompetenzrahmen zur Förderung von KI-Kompetenz, kritischer Bewertung und verantwortungsvollem Technologieeinsatz. https://doi.org/10.1787/65cd27d4-en

Wissenschaftliche Einordnung: Die herangezogenen Studien untersuchen überwiegend Lern- und Bildungskontexte. Ihre Ergebnisse erlauben keine pauschalen Aussagen über die Intelligenzentwicklung der Gesamtbevölkerung oder einen langfristigen gesellschaftlichen Intelligenzverlust durch KI.