„Alles für die Sekte“: Der Unterschied zwischen einem unterstützenden und einem abhängigmachenden Umfeld

Wenn wir über gesellschaftliche Veränderungsprozesse, berufliche Weiterbildung und persönliche Weiterentwicklung sprechen, dann spielt das persönliche, berufliche und familiäre Umfeld sicherlich früher oder später eine ganz besondere Rolle. Natürlich spielen auch Ängste, Sorgen und Unsicherheiten dort mit rein.

Vielleicht kennen wir das von uns selbst: Wir kommen von einem Seminar oder aus einem Gespräch und sind vielleicht voller Begeisterung. Wir wollen das neue Wissen sofort weitergeben und in die Umsetzung bringen. Mit viel Leidenschaft wollen wir Kollegen oder Familienmitglieder anstiften neue Wege zu gehen oder sich bestimmte Strukturen oder Prozesse anzuschauen. Diese Personen hingegen fragen sich was es spannendes auf dem Seminar gab.

In diesem Artikel wird das Thema etwas näher beleuchtet. Ich beschreibe den Unterschied zwischen einer Sekte und einer Community. Darüber hinaus gebe ich dir 2-3 Tipps wie du selbst besser mit neuem Wissen und Kompetenzen umgehen kannst – egal ob nach einem Seminar oder einem Coaching.

Die Kraft der Gemeinschaft

Neues Wissen, neue Ansätze und damit zusammenhängende Bewegungen. Ich glaube, ich kenne das ganz genau. Schon 2010 konnte ich das beobachten als die Welle von begeisterten „Agilisten“ in die Unternehmen strömten. So viele Projekte waren am Ende. Führungskräfte und Mitarbeiter brannten aus. Kunden waren unzufrieden, die Produkte wurden einfach nicht fertig, die technischen Herausforderungen waren oftmals riesig groß und Deathlines mussten immer wieder und wieder verschoben werden. Die Qualität war mies, die Zahlen im Keller und der Zynismus hoch. Die Software- und Produkt-Entwickler waren müde, Manager verzweifelt und Kunden strömten in die überfüllten Hotlines. Dann kam die Welle von „Scrum„. Eine Projektmanagement-Methode die die Entwicklungs- und Arbeitsweise verändern sollte.

Die Seminare, Workshops und Trainings stifteten an. Sie brachten vollkommen neuen Wind ins Projektmanagement und revolutionierten wirklich ein stückweit die Arbeitswelt. Warum? Weil Teamarbeit plötzlich ganz anderes gedacht, Teamstrukturen völlig anders konstruiert waren. Es ging um Lösungen, statt Probleme, ums Tun statt Reden, um Ergebnisse statt die perfekte Methodik. Plötzlich ging es um Menschen statt um Prozesse.

Mein erstes Seminar dazu war „Wow“. Ich weiß das noch ziemlich genau. Es war in Nürnberg bei Martin Heider und ist mir noch viele viele Jahre im Gedächtnis geblieben. So sehr, das ich irgendwann selbst Trainer für die Methodik geworden bin. Aber das ist ein anderes Thema…

Wenn Wandel beginnt…

Das war 2010. In der Phase der nachfolgenden Jahre konnte ich immer wieder sehen wie in Gesprächen, Coachings und Seminaren plötzlich das Leuchten in den Augen der Menschen entfacht wurde. Sie blühten plötzlich auf. Menschen fühlten sich verstanden. Sie bekamen Modelle, Theorien und Tools an die Hand mit denen sie weiterkamen. Das erzeugte natürlich ein inneres Gefühl von Zufriedenheit. Das war stimmig und völlig neu.

Wieso? Die Art des Lernens war einfach eine völlig andere. Auch die Art und Weise wie große Projekte zu bewegen sind: völlig anders.

Die Menschen waren im wahrsten Sinne „Feuer und Flamme“… und dann… dann stießen sie nach einem Seminar auf ihr „altes Umfeld“. Da prallte schließlich hohe Energie auf „Ja, aber…“-Energie. Wow.

Zeitgleich wurden Communities aufgebaut die sich mit Erfahrungsaustausch, Wissensverteilung und praktischen Erfahrungen beschäftigen. Sogenannte „Communities of practices„. Ein Konzept was ich dann im Buch „Agil moderieren“ näher beschrieben habe. Dort ist geschildert wie man solche Communites aufbauen und interaktiv gestalten kann.

Diese Art der „offenen Wissens-Gemeinschaften“ haben sich oftmals unternehmensintern oder auch extern entwickelt. Ich habe solche Communities oftmals begleitet, mit unterstützt und dann später auch selbst vor Ort in Kassel ins Leben gerufen. Begonnen hat alles beim Agile Monday in Nürnberg, zog dann in die DATEV eG und schließlich mit nach Kassel. Der „Agile Monday“ Kassel hatte nach einigen Jahren mehr als 250 Interessenten in der xing-Gruppe. Wir führten mehr als 50. Live-Meetups durch.

Damals wäre ich nie auf die Idee gekommen sektenähnliche Vergleiche aufziehen. Klar, manche „Agilisten“ in Deutschland waren vielleicht etwas „predigend“ unterwegs. Das gehörte aber auch irgendwie zur Sache. Sie fühlten sich berufen und begeistert dieses Wissen zu verteilen und weiterzugeben. Es diente allen. Aber von einer Sekte hätte keiner sprechen wollen. Dieser Vergleich kam auch niemals auf.

Anders ist das offenbar im persönlichen Bereich

Im Interview des Satirikers Kurz Krömer mit dem Erfolgstrainer Jürgen Höller stieß ich das erste Mal auf harsche Kritik der Sekteninfo NRW. Jürgen Höller kam dort für seine Seminare und Angebote im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung ziemlich unter Beschuss.

Etwas später hörte ich auch von weiteren Behauptungen gegen andere Trainer und Coaches.

Sicherlich ist der Coachingmarkt gerade einer der schnellwachsenden Bereiche und die Qualität mag unterschiedlich sein. Fakt ist aber, das die meisten Trainer, Coaches und Berater in aller Regel sehr gut bis hervorragend ausgebildet sind. Insebsondere natürlich diejenigen die vor großen Gruppen agieren. Das vergessen die meisten Menschen offenbar die voreilige Schlüsse ziehen – wie es beispielsweise in dem Interview gezeigt wurde.

Aus eigener Ausbildung und Erfahrung kann ich sagen das dort eher bewusste Menschen unterwegs sind. Natürlich gibt es überall auch schwarze Schafe oder Coaches die mit einem 2-Tageskurs ausgebildet wurden. Aber in aller Regel ist der Standard nach einer guten Coaching- und Trainerausbildung der, das mit Zielen, Geld, familiären Umfeld einschließlich Kindern sehr bewusst umgegangen wird.

Nicht umsonst umfassen Zielkriterien oftmals die Aspekte wie Ökologie und Ökonomie. Der Aspekt des Umfelds (Ökologie) darf nie vergessen oder vernachlässigt werden. Das bedeutet konkret das man sich immer mit oder in seinem laufenden Umfeld weiter nach vorne bewegt. Das kann manchmal schneller gehen und manchmal langsamer oder auch zu Turbulenzen führen.

Natürlich aber trägt jeder Teilnehmer selbst auch eine gewisse eigene Verantwortung. Eine Selbstverantwortung für sein Handeln und sein Tun. In jedem geschützten Seminarrahmen gilt das.

Wenn wir also von Wissens- und Kompetenzentwicklung im persönlichen Leben sprechen, dann gelten hier sicherlich noch einmal ganz andere Kriterien wie in beruflichen Weiterentwicklung. Natürlich spielen hier die Werte wie Sicherheit, Ethik und Moral eine viel größere Rolle. Es ist nun mal etwas anderes ob wir einen neuen Prozess in einem Unternehmen etablieren oder einen persönlichen Glaubenssatz verändern der möglicherweise ein ganzes Familiensystem verändert.

Das stellt Trainer und Coaches in diesen Bereichen natürlich an ganz andere Herausforderungen. Weiterentwicklung erfordert hier einen gefestigten Rahmen und ein ausgefeilteres Setup. Das ist klar. Aber auch Teilnehmer können auf bestimmte Dinge achten:

Tipps während oder nach einem Seminar / Coaching

  1. Aufkommende Fragen immer direkt stellen, selbst wenn sie noch so kleinlich oder unrelevant scheinen. Wenn du an einem Punkt gedanklich stehen bleibst, nützt dir meist auch der darauffolgende Teil nichts und du trägst Unsicherheiten möglicherweise mit nach Hause
  2. Seminar- oder Coachinginhalt zunächst sortieren und in Ruhe verarbeiten: häufig empfiehlt es sich 1-2 Nächte über das ganze zu schlafen bevor du über Seminarinhalte erzählst. In dieser Phase kann dein Unterbewusstsein das Wissen sortieren, verankern und besser verarbeiten. Das verhindert Unklarheiten.
  3. Wesentliche Erkenntnisse kommunizieren: Gehe ins Gespräch mit den wichtigsten Informationen, teile deine wesentlichen Erkenntnisse. Das schafft Sicherheit und vermittelt in deinem Umfeld was du neues gelernt hast, welche neue Ansichten und Werte sich entwickelt haben. Nimm dir die Zeit für Austausch, Fragen und Dialog.
  4. Änderungen und lebenswichtige Entscheidungen immer auf Augenhöhe treffen: Sein Leben neu zu strukturieren oder zu verändern kann eine Entscheidung nach einem Seminar sein. Auch der Kauf eines weiteren Seminars oder zu einer Ausbildung. Du solltest solche Entscheidungen aber auf Augenhöhe mit deinem Partner oder deiner Partnerin treffen. Binde sie mit ein und nimm dir die Zeit auch eventuelle Vergleichsangebote einzuholen. Berücksichtige aber das deine intuitive Entscheidung aus dem Bauch heraus oftmals die bessere Wahl ist.
  5. Höre auf deine innere Stimme: Du solltest dich nicht aus Sorgen anderer gegen eine Ausbildung oder ein Seminar entscheiden. Sie kennen natürlich nicht alle Vorteile und den Nutzen. Sie kennen nicht das wo es dich hinzieht. Binde Familienmitglieder ein und vereinbare das ihr in engem Kontakt bleibt.

Die meisten Menschen wissen nicht wirklich welche Inhalte auf einem Seminar vermittelt werden. Welche Kompetenzen die Redner haben und wo sie stehen – bevor sie nicht selbst dabei gewesen sind. Das kann natürlich abschrecken und zu vielen Vorurteilen führen. Der Wert dieser Arbeit wird dann möglicherweise nicht gesehen und Vorurteile die oft aus der Angst heraus geboren werden, führen vielleicht zu Verleumdung oder Ablehnung. Wichtig ist, sich immer möglichst selbst ein Bild von etwas zu machen.

Quelle: google-Rezensionen

Nichtsdestotrotz ist es natürlich wichtig, trotzdem bestimmte Bewegungen im Auge zu behalten und näher unter die Lupe zu nehmen. Skepsis und Achtsamkeit sind vollkommen in Ordnung, aber sollten auch relativiert werden und realistisch bleiben.

Der Unterschied zwischen einem negativen und einem positiven Umfeld

Sekte bzw. abhängigmachende StrukturenUnterstützendes Umfeld
schwächststärkt
verringert das Selbstwert und hält kleinSteigert den Selbstwert, macht Mut und fördert
destruktiv, hält zurückkonstruktiv, entwickelt und schöpft
lässt keine oder kaum WahlmöglichkeitenOptionen und freie Wahlentscheidung
AbwertungAufwertung
führt in die Abhängigkeitführt in die Entwicklung und persönliche Freiheit
macht pleiteführt zu Einkommenszuwachs

Viele Seminar- und Weiterbildungsträger bieten modernste Medien, Bücher und echte Rezensionen. Sie sind völlig offen und geben Einblicke in ihre Seminare und Ausbildungen. Preise und Inhalte sind transparent und vergleichbar. Diese kann man sich oftmals kostenlos anschauen und weitere Eindrücke gewinnen.

Beispiel:

Fazit

Ich hoffe das ich dir einen kleinen Einblick in die Weiterbildungsbranche geben konnte, das sich die ein oder andere Angst möglicherweise verringert hat und das du jetzt etwas näher weißt worauf es nach bzw. während einem Seminar ankommt.

Vielleicht nimmst du einige Aspekte mit wie du besser mit der eigenen Verantwortung umgehen und dein Umfeld mitnehmen kannst.

Abschließend findest du hier noch weitere Informationen über charakteristische Eigenschaften einer Sekte: Definition und Merkmale einer Sekte

Ich kann glücklicherweise sagen das mir in mehr als zehn Jahren Weiterentwicklung – bis auf das einmalige Klingeln von Scientology vor der Haustür – noch keine Sekte begegnet ist. Das darf auch weiterhin so bleiben 🙂

Viel Erfolg und viel Spaß bei deiner persönlichen Weiterentwicklung.

Lass dir die Freude am Lernen nicht nehmen.