Warum Online-Hilfe kein Coaching ist oder wie du als Coach in der Sichtbarkeit bestehen bleibst

Für mich fühlt es sich komisch an, wenn ich Storytelling mit geänderten Namen oder herbeigedachten Beispielen betreibe. Am Liebsten teile ich aus meiner eigenen Erfahrung. Nicht um mich in den Vordergrund zu stellen oder das Ego zu vergrößern, sondern um ganz „bei mir zu bleiben“ und authentisch aus meiner Wahrnehmung zu berichten.

Seit meinem 14. oder 15. Lebensjahr bin ich online unterwegs und berufstätig. Neben der Schule habe ich gejobbt und Webseiten gebaut. Das sind jetzt 20 Jahre. Man könnte sagen das ich das Internet ganz gut kenne.

Facebook hat mit dem Gruppenkonzept eine ganz neue Möglichkeit der Kommunikation und des Austausches geschaffen. Einerseits ist das toll, andererseits lässt sich ziemlich stark wahrnehmen das es nicht immer reinste Qualität ist, was dort online geteilt wird. Scharf gesprochen könnte man sagen, das nun jegliche Meinung und Ansicht ungefiltert ins Netz geschossen wird. Aus allen Gesellschaftsschichten.

Das was vorher in Foren hinter versteckten Namen und Pseudonymen kommuniziert wurde, erlaubt sich heute jeder mit seinem Klartextname.

Plötzlich wird jeder zum Experten. Das ist gut, denn im Grunde kann jeder damit ganz aus seiner Erfahrung berichten. Wenn wir es als Menschen intelligent und clever anstellen würden, dann würde jeder damit sein Potential nutzen, bei sich bleiben und Mut, Kraft, Inspiration und Hoffnung weitergeben. Passiert aber nicht, sondern wir giften uns an, schmeißen uns die Bewertungen um die Ohren und nutzen jede mögliche Gelegenheit um um unseren Deckel (unsere Ansicht) möglichst vielen überzustülpen.

Nicht selten erlebe ich es dabei sogar das Menschen aufgrund ihres Berufes angegriffen werden. Ein Aspekt der Thematik. Aber da ist noch etwas.


Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen.

Es sind mitunter Binsenweisheiten wie diese die uns als Menschen prägen. Und so entsteht, wenn wir nicht aufpassen, ein Korsett aus Binsenweisheiten und waisen Persönlichkeiten um uns herum die uns in die Zange nehmen.

Plötzlich will jeder etwas von uns. Wir werden von unseren Chefs, Kollegen, Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten gemustert, begutachtet und ins Auge genommen. Wir wollen möglichst allen gefallen und allen Erwartungen, Ansprüchen und Gepflogenheiten gerecht werden. Ich glaube ein Unterfangen das in dieser neuen Welt, Jahr 2022, gar nicht mehr möglich ist.

Warum? Vielfalt.

Wie? Naja, Diversität. Das Internet hat praktisch alle Limitierungen aufgehoben. Wir kommunizieren mit China, England oder Mexiko. Englisch und die weltweite Vernetzung macht es möglich. Gut, wir wissen manchmal nicht ob die Person am anderen Ende wirklich „echt“ und kein Fake ist, aber tendenziell ist es möglich.

Plötzlich rasseln Millionen von Informationen zusammen

Auf instagram und Co. zeigen uns Influencer was diese Vernetzung bedeutet: Wir werden mit abertausenden Bildern, Videos und Einflüssen konfrontiert. Manchmal fühle ich mich dabei wie das kleine Kind im Spielzeugland das gerne alles hätte: Das Auto ist toll, dieses Motorrad gefällt mir, die Schuhe sind klasse und das kann ich noch gebrauchen. Und so machen es Cookies und personenbezogene Daten im Grunde möglich, das ich immer genau das angezeigt bekomme, was ich im vorher gesucht habe.

Plötzlich habe ich also nicht mehr nur die Meinung meiner Großmutter die Wünsche an mich stellt und meinen Chef der Erwartungen hegt, sondern werde mit den Bewertungen und Ansichten von 100, 1.000 oder sogar 10.000 Menschen konfrontiert. Ist das nicht logisch, das hier alte Ansichten und Gesetzmäßigkeiten nicht mehr „funktionieren“ können? Das müsste doch relativ schnell einleuchten, das dies kollabiert.

Aber was tun?

Zurück zum „ICH“ – „mental skalieren“

Wenn du 50, 100, 500 oder gar potentiell 50.000 Meinungen ausgesetzt bist dann darfst du „mental skalieren„. Was ist damit gemeint? Du darfst anerkennen und dir bewusst machen, das jede Ansicht einfach nur eine Ansicht darstellt. Es ist nicht NUR eine fremde Sicht von außen die aus eigener Prägung entsteht, sondern gleichzeitig ist es ein Blickwinkel der NUR einen Aspekt von dir beleuchtet.

Im Internet kannst du nicht ganzheitlich gesehen werden. Und das ist ein großes Problem.

Gut, deine Tante oder Schwiegermutter kann dich auch nicht ganzheitlich betrachten und sieht auch nur einen Teilaspekt von dir, aber hier wirkt auf Dauer eine Beziehung. Es gibt eine Geschichte. Und Beziehung wird geprägt. Dort sind schon Informationen, Werte und soziale Gesetzmäßigkeiten miteinander verhandelt worden. All das liefert das unbekannte weite Internet typischweise nicht.


Wie ein Shitstorm meine Sicht auf Coaching verändert hat

Naja und was bedeutet das in der Praxis? Du wendest dich vielleicht mit einer Herausforderung in eine dieser besagten Gruppen. Möglicherweise suchst du einen Rat, vielleicht einen Tipp oder Ansatzpunkt was du machen kannst – eine Lösung für dein Problem. Es könnte ja sogar sein, das Menschen gar nicht mehr weiter wissen und für einen Moment einfach kurz blind für ihre eigene Situationen sind.

Also schildest du mal eben dein Thema. Vielleicht in ein paar wenigen Zeilen. Gibst eben das so rein, was du denkst was wichtig sein könnte um den Sachverhalt neutral zu verstehen und zu lösen.

Tja nun – wenn es mir nicht selbst schon mehrfach passiert wäre: Innerhalb von weniger Minuten kann es dir passieren das 10, 20, 30, 50 oder vielleicht 150 Meinungen auf dich einprasseln. Ungefiltert, unbekannt, unsensibel, unsachlich bis unverschämt. Du gerätst in eine Art „Shitstorm“ und fängst dir einen Vorwurf, eine Bewertung und eine Verurteilung nach der anderen ein.

Gut, denke ich mir. Ich bin Coach. Ich bin trainiert. Ich weiß wer ich bin, was ich kann und schon bewältigt habe. Aber was würde meine Tochter in einigen Jahren in einer solchen Situation wohl tun?

Das ist der Moment, in der ich auf tieferer Ebene verstanden habe, was es bedeutet, sich von einem Experten beraten zu lassen der dich längerfristig an deiner Seite begleitet, statt wildfremde Menschen einen Aspekt von vielen beurteilen zu lassen. Die meisten sind anonym unterwegs. Geben nichts preis. Kein Beruf, kein Bildungsstand, kein Bild, kein richtiger Name, kein gar nichts. Aber die schmeißen dann mit Dreck auf diejenigen die vielleicht gerade nach Hilfe fragten.

Mir ist somit auch klar geworden, warum sehr viele Menschen mit ihrem Selbstwert zu kämpfen haben. Meine Wertschätzung gegenüber Coaching, Therapie und professionelle Beratung ist damit um ein weiteres gestiegen.