Es gibt einen Satz, der im Coaching inzwischen fast schon zum Allgemeinplatz geworden ist: „Falsches Umfeld, falsche Schwingungsfrequenz.“
Gemeint ist meistens: Wenn du dich mit den falschen Menschen umgibst, ziehst du die falschen Erfahrungen in dein Leben. Wenn du dich innerlich veränderst, soll sich auch dein äußeres Umfeld verändern.
Du erntest, was du aussendest. Du bekommst die Menschen, die zu deiner Energie passen. Und wenn in deinem Leben immer wieder etwas schiefläuft, müsse man zunächst bei sich selbst nach der Ursache suchen. Das klingt zunächst plausibel. Es klingt sogar motivierend. Und es enthält einen kleinen wahren Kern: Unser Umfeld beeinflusst unser Denken und Verhalten, und unsere eigenen Entscheidungen beeinflussen wiederum, mit welchen Menschen und Organisationen wir zu tun haben.
Die wissenschaftliche Forschung beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit genau dieser Wechselwirkung zwischen Person und Umwelt. Unter dem Begriff „Person-Environment Fit“ wird beispielsweise untersucht, wie gut persönliche Eigenschaften, Bedürfnisse, Werte und Fähigkeiten zu den Eigenschaften eines Arbeitsplatzes, einer Organisation oder eines sozialen Umfelds passen.
Die Forschung zeigt durchaus Zusammenhänge zwischen wahrgenommener Passung und verschiedenen Ergebnissen wie Zufriedenheit, Bindung und Engagement. Aber daraus folgt etwas völlig anderes als die Behauptung: „Du bekommst, was du aussendest.“ Dafür gibt es keine belastbare wissenschaftliche Grundlage. Es gibt keinen evidenzbasierten Nachweis für ein universelles Gesetz, nach dem Menschen aufgrund einer bestimmten inneren „Schwingung“ automatisch bestimmte Menschen, Ereignisse oder Lebensumstände anziehen. Das Problem beginnt bereits bei der Frage, was diese Schwingung überhaupt objektiv messen soll. Ist es deine Stimmung, deine Persönlichkeit, deine Gedanken, deine Körpersprache, deine Erwartungen, dein Verhalten oder deine soziale Position? Oder handelt es sich um eine hypothetische Energie, die außerhalb dieser beobachtbaren Faktoren existiert?
Solange nicht klar definiert ist, was genau gemessen werden soll und über welchen Mechanismus diese „Schwingung“ äußere Ereignisse verursachen soll, handelt es sich nicht um eine wissenschaftlich überprüfte Erklärung, sondern um eine Deutung.
Love it, leave it or change it
Und genau hier wird es gefährlich. Denn aus „Dein Umfeld beeinflusst dich“ kann sehr schnell „Du bist selbst schuld an deinem Umfeld“ werden. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Ein Mensch kann ein hervorragendes Mindset besitzen und trotzdem in einem toxischen Unternehmen landen. Er kann reflektiert, leistungsbereit und loyal sein und trotzdem an einen schlechten Vorgesetzten geraten.
Er kann kommunikativ sein und trotzdem Teil eines Teams werden, in dem Misstrauen, Konkurrenz und interne Machtspiele herrschen. Er kann alles richtig machen und trotzdem feststellen, dass die Zusammenarbeit mit bestimmten Kollegen nicht funktioniert. Warum? Weil ein Unternehmen kein monolithisches Wesen ist.
Auf einer Unternehmenswebsite stehen Werte wie Respekt, Innovation, Teamgeist und offene Kommunikation. In der Realität arbeiten dort Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Persönlichkeiten, Machtpositionen, Ängsten, Ambitionen und privaten Problemen.
Zwischen dem offiziellen Unternehmensleitbild und der tatsächlichen sozialen Realität können Welten liegen. Du kannst von außen nicht vollständig erkennen, wie ein Team wirklich funktioniert. Du kannst im Bewerbungsgespräch nicht zuverlässig beobachten, wie ein Vorgesetzter unter Druck mit seinen Mitarbeitern umgeht.
Du kannst nicht wissen, wie zwei Kollegen miteinander umgehen, wenn der Chef den Raum verlässt. Du kannst nicht auf einer Karriereseite erkennen, ob Informationen zurückgehalten werden, ob Mitarbeiter gegeneinander ausgespielt werden oder ob eine Abteilung intern von Misstrauen geprägt ist. Du kannst es erst erleben. Und manchmal bemerkst du die tatsächliche Kultur erst dann, wenn du bereits Teil des Systems bist.
Genau deshalb ist die Aussage „falsche Frequenz“ so problematisch. Sie individualisiert ein systemisches Problem. Wenn in einem Unternehmen ein dysfunktionales Anreizsystem existiert, hilft dir ein positives Mindset nicht automatisch dabei, es zu beseitigen. Wenn Führungskräfte Verhalten belohnen, das Konkurrenz statt Kooperation erzeugt, entsteht eine bestimmte Dynamik unabhängig davon, wie positiv einzelne Mitarbeiter denken. Wenn Machtstrukturen dazu führen, dass Fehler vertuscht werden, kann ein einzelner Mitarbeiter diese Kultur nicht einfach durch seine persönliche Energie auflösen. Das System wirkt auf den Menschen und der Mensch wirkt gleichzeitig auf das System.
Genau diese Wechselwirkung ist auch Gegenstand der Person-Environment-Fit-Forschung. Passung ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess gegenseitiger Anpassung. Menschen verändern sich durch ihre Umwelt, Organisationen verändern sich durch die Menschen in ihnen, und beide Seiten beeinflussen sich über die Zeit. Das ist wesentlich interessanter als die Vorstellung einer mystischen Schwingung. Denn es bedeutet: Du bist weder vollständig Opfer deines Umfelds noch vollständig dessen Verursacher. Du bist Teil eines Systems.
Und genau deshalb lohnt sich die Auseinandersetzung mit deinem Umfeld. Das gilt nicht nur für den Beruf. Auch in Beziehungen können wir die Qualität eines Systems nicht vollständig von außen erkennen.
Du kannst einen Menschen kennenlernen, der freundlich, aufmerksam und sympathisch wirkt. Du kannst mit ihm lachen, dich verstanden fühlen und eine starke Verbindung erleben. Erst später bemerkst du vielleicht, wie er mit Kritik umgeht, wie er sich in Konflikten verhält, wie er mit Verantwortung umgeht oder wie er über Menschen spricht, die ihm nicht mehr nützlich sind.
Du kannst nicht vollständig in ein Familiensystem hineinschauen. Genauso wenig kann eine Partnerin vollständig alles über Dich wissen. Jeder Mensch trägt unbewusstes mit sich, was für andere zunächst unsichtbar ist.
Deshalb ist auch die Vorstellung problematisch, man müsse lediglich „die richtige Energie aussenden“, um automatisch den richtigen Partner anzuziehen. Beziehungen entstehen nicht in einem Vakuum. Sie entstehen durch Begegnungen, Entscheidungen, soziale Netzwerke, Gelegenheiten, Timing, gegenseitige Wahrnehmung, Interaktionen, Ziele und letztlich durch das Verhalten zweier Menschen.
Die Qualität einer Beziehung zeigt sich nicht daran, was jemand über sich sagt. Sie zeigt sich daran, wie Menschen miteinander umgehen: unter Druck, bei Konflikten, bei Geld, bei Macht, bei Enttäuschung, bei Erfolg und dann, wenn niemand zusieht.
Das Gleiche gilt für Freundschaften: Der Freund, der mit dir feiert, wenn du Erfolg hast, ist nicht zwangsläufig derjenige, der dich wirklich unterstützt. Vielleicht erkennst du die Qualität einer Freundschaft erst dann, wenn du dich veränderst und dein bisheriges Umfeld mit deiner Entwicklung nicht mehr umgehen kann. Manchmal wird dein Erfolg nicht gefeiert, sondern relativiert.
Manchmal wird deine neue Selbstständigkeit belächelt. Manchmal wird dein Wunsch nach Veränderung als Überheblichkeit interpretiert. Und manchmal wirst du nicht deshalb abgelehnt, weil du „falsch schwingst“, sondern weil deine Entwicklung bestehende Beziehungen und Rollenverteilungen verändert.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Wenn du dich entwickelst, verändert sich dein Verhältnis zu deinem Umfeld. Manche Menschen wachsen mit dir. Andere bleiben stehen. Manche unterstützen dich. Andere versuchen möglicherweise – bewusst oder unbewusst –, dich wieder in deine alte Rolle zurückzuführen. Dafür braucht es keine mystische Erklärung. Soziale Systeme entwickeln Erwartungen. Menschen gewöhnen sich aneinander. Rollen stabilisieren sich. Wenn eine Person ihr Verhalten verändert, kann das Gleichgewicht des Systems gestört werden.
Die Frage lautet deshalb nicht: „Welche Schwingung sende ich aus?“ Die bessere Frage lautet: „In welchem System befinde ich mich – und was macht dieses System mit mir?“
Diese Frage verändert die Perspektive vollständig. Sie nimmt dir nicht die Verantwortung ab. Im Gegenteil: Sie gibt dir eine zusätzliche Ebene von Verantwortung. Du musst nicht nur dich selbst analysieren. Du musst auch dein Umfeld analysieren. Welche Menschen fördern deine Entwicklung? Welche bremsen sie? Welche Beziehungen beruhen auf gegenseitigem Respekt? Wo herrscht Abhängigkeit? Wo wirst du ernst genommen? Wo musst du dich ständig kleiner machen? Wo kannst du Fehler eingestehen, ohne abgewertet zu werden? Wo werden Leistung und Verantwortung tatsächlich belohnt? Wo werden sie nur behauptet?
Und vielleicht die wichtigste Frage: Wer wirst du, wenn du lange genug in diesem Umfeld bleibst?
Denn dein Umfeld ist nicht neutral. Es bietet bestimmte Möglichkeiten und erschwert andere. Ein Umfeld kann Wissen fördern oder Ignoranz belohnen. Es kann Mut unterstützen oder Vorsicht erzwingen. Es kann Kooperation fördern oder Konkurrenz erzeugen. Es kann Verantwortung stärken oder Opferdenken stabilisieren.
Das bedeutet nicht, dass du nur noch Menschen um dich herum haben solltest, die dir zustimmen. Das wäre ebenfalls ein Fehler. Ein gutes Umfeld ist nicht unbedingt eines, in dem du dich immer wohlfühlst. Manchmal ist das beste Umfeld dasjenige, das dich herausfordert. Menschen, die dir widersprechen, können wertvoller sein als Menschen, die dich permanent bestätigen. Ein guter Mentor wird dir nicht immer sagen, was du hören möchtest. Ein guter Geschäftspartner wird deine Ideen kritisch prüfen. Ein guter Freund wird dich unterstützen, aber dich auch auf deine eigenen Fehler hinweisen. Entscheidend ist deshalb nicht Harmonie. Entscheidend ist Qualität.
Und Qualität lässt sich beobachten.
Das ist der Kern meines Buches „Falsches Umfeld – Vom Opfer der Umstände zum Entscheider“. Es geht nicht darum, dir einzureden, dass du nur deine Gedanken verändern musst und anschließend automatisch das perfekte Leben bekommst. Es geht auch nicht darum, dir für jede negative Erfahrung die Verantwortung zuzuschieben. Es geht um etwas Nüchterneres und gleichzeitig Anspruchsvolleres: Lerne, dein Umfeld zu erkennen.

Lerne, Systeme zu verstehen. Lerne, Menschen nicht nur nach ihren Worten, sondern nach ihrem Verhalten zu beurteilen. Lerne, zwischen einem einmaligen Konflikt und einem wiederkehrenden Muster zu unterscheiden. Lerne, zwischen Mitgefühl und Abhängigkeit zu unterscheiden. Lerne, zwischen Loyalität und Selbstaufgabe zu unterscheiden. Und lerne vor allem, die Frage zu stellen, ob dein aktuelles Umfeld überhaupt zu dem Menschen passt, der du werden möchtest.
Denn manchmal ist nicht dein Mindset das Problem. Manchmal ist es dein Umfeld. Und manchmal ist beides miteinander verbunden. Ein Mensch kann sich verändern und trotzdem noch jahrelang in einem Umfeld bleiben, das diese Veränderung nicht unterstützt. Er kann an sich arbeiten, Seminare besuchen, Bücher lesen, meditieren und seine Glaubenssätze verändern – und anschließend jeden Tag wieder in dasselbe System zurückkehren, das ihn in seine alten Muster drückt. Dann reicht persönliche Entwicklung allein nicht aus. Dann braucht es eine Umweltentscheidung. Vielleicht einen anderen Arbeitsplatz. Vielleicht neue Geschäftspartner. Vielleicht andere Freundschaften. Vielleicht eine andere Beziehung. Vielleicht klare Grenzen innerhalb bestehender Beziehungen. Vielleicht sogar den Mut, einen Ort zu verlassen, an dem man sich jahrelang selbst davon überzeugt hat, dass man einfach „anders schwingen“ müsse.
Die wissenschaftliche Forschung liefert durchaus Hinweise darauf, dass die Passung zwischen Person und Umfeld relevant ist. Sie zeigt Zusammenhänge zwischen wahrgenommener Passung und verschiedenen Arbeitsoutcomes. Gleichzeitig ist die Forschung keineswegs so simpel, dass man sagen könnte: „Gutes Umfeld gleich gutes Leben“ oder „schlechtes Umfeld gleich falscher Mensch“. Die Effekte sind komplex, dynamisch und von verschiedenen individuellen und situativen Faktoren abhängig.
Genau deshalb gefällt mir der Begriff „Falsches Umfeld“ besser als „falsche Frequenz“. „Falsche Frequenz“ klingt nach einer unsichtbaren Kraft, die dein Leben erklären soll. „Falsches Umfeld“ fordert dich auf, hinzusehen. Es fordert dich auf, Fragen zu stellen: Wer sind die Menschen um mich herum? Welche Regeln gelten in diesem System? Was wird belohnt? Was wird bestraft? Was wird verschwiegen? Welche Verhaltensweisen werden normalisiert? Was wünsche ich mir eigentlich? Was macht dieses Umfeld mit meinem Denken? Wie wird Anerkennung und Wertschätzung vergeben? Welche Interaktionsqualität gibt es? Und vor allem: Will ich in diesem Umfeld wirklich der Mensch werden, der ich sein möchte?
Vielleicht liegt deine nächste große Veränderung deshalb nicht darin, noch härter an dir selbst zu arbeiten. Vielleicht liegt sie darin, dein Umfeld zum ersten Mal genauso ernst zu nehmen wie dich selbst.
Denn du bist nicht nur das Ergebnis deiner Entscheidungen. Du bist auch das Ergebnis der Systeme, in denen du deine Entscheidungen triffst.
Und genau dort beginnt Life Engineering: nicht bei der Behauptung, dass du alles kontrollieren kannst, sondern bei der nüchternen Erkenntnis, dass du lernen kannst zu unterscheiden, was du verändern kannst, was du akzeptieren musst und welches Umfeld du wählen solltest.
Falsches Umfeld. Falsche Frequenz?
Vielleicht ist die bessere Frage:
Ist es wirklich Deine Energie – oder ist es einfach das falsche System oder ein schlechtes Interaktionszusammenspiel?