Wenn Erwartungen zur Abwertung werden

Es gibt eine Form von Unfairness, über die erstaunlich wenig gesprochen wird: Menschen werden nicht nur danach beurteilt, was sie tatsächlich geleistet und schon erreicht haben, wer sie sind und wie sie sich verhalten, sondern danach, wie sie im Vergleich zu anderen abschneiden.

Gerade in Beziehungen kann daraus ein zerstörerisches Muster entstehen.

Guck doch mal, wie der das macht.

Ein scheinbar harmloser Satz. Tatsächlich steckt darin eine komplette Bewertung.

Der andere ist erfolgreicher. Der andere verdient mehr. Der andere sieht besser aus. Der andere ist souveräner. Der andere hat sein Leben besser im Griff.

Und du?

Du bist offenbar nicht genug.

Das Problem ist nicht, dass Menschen Vorbilder haben oder voneinander lernen. Das Problem entsteht dort, wo der Vergleich nicht mehr zur Orientierung dient, sondern zur Abwertung des eigenen Partners.

Der Vergleich ist selten neutral

Wer ständig mit anderen verglichen wird, lebt irgendwann nicht mehr nach seinen eigenen Maßstäben.

Er versucht, eine fremde Erwartung zu erfüllen. Besonders problematisch wird es, wenn völlig unterschiedliche Ausgangslagen miteinander verglichen werden. Ein 40-Jähriger Familienpapa wird mit einem 25-Jährigen verglichen.

Ein Mensch mit zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren Berufserfahrung wird mit jemandem verglichen, der gerade am Anfang seiner Karriere steht. Ein Mensch mit einer völlig anderen Persönlichkeit, anderen Möglichkeiten, anderem sozialen Umfeld und anderen Prioritäten wird mit einem vermeintlichen Idealbild konfrontiert.

Das ist kein fairer Vergleich.

Es ist eine Konstruktion von Unzufriedenheit.

Je jünger, desto besser?

Auch hier entsteht eine merkwürdige gesellschaftliche Dynamik.

Jüngere Menschen werden teilweise zum Maßstab für Eigenschaften gemacht, die überhaupt nichts mit Lebensleistung zu tun haben: Aussehen, Energie, Spontaneität, Risikobereitschaft, Aufmerksamkeit oder die Fähigkeit, sich unkompliziert zu präsentieren.

Dabei kann der Vergleich geradezu grotesk werden.

Man hat manchmal den Eindruck:

Je weniger reflektiert, je weniger kompliziert, je weniger differenziert jemand denkt, desto leichter funktioniert er in bestimmten sozialen Situationen.

Ein Mensch, der nicht ständig analysiert, hinterfragt und abwägt, kann sehr souverän wirken.

Ein Mensch, der viel erlebt hat, Zusammenhänge erkennt und Dinge differenziert betrachtet, wirkt dagegen manchmal komplizierter. Das bedeutet nicht, dass Dummheit besser ist.

Es bedeutet vielmehr, dass Komplexität nicht automatisch belohnt wird.

Manchmal wird sie sogar bestraft.

Männer sollen gleichzeitig alles sein

Interessant wird es bei den Erwartungen an Männer.

Sie sollen erfolgreich sein, aber nicht arrogant. Selbstbewusst, aber nicht dominant. Emotional verfügbar, aber nicht schwach. Attraktiv, aber nicht eitel. Unternehmerisch, aber verfügbar. Belastbar, aber verständnisvoll.

Und wenn irgendwo ein anderer Mann auftaucht, kann die Erwartung plötzlich noch höher gelegt werden.

„Der macht das doch auch.“

Aber der andere Mann ist eben nicht du. Er hat eine andere Geschichte, ein anderes Alter, andere Voraussetzungen, andere Fähigkeiten, eine andere Familie und andere Probleme.

Ein fairer Partner / eine faire Partnerin fragt deshalb nicht ständig:

„Warum bist du nicht wie dieser andere?“

Er fragt: „Wer bist du? Wo liegen Deine Stärken? Wie können wir gut harmonieren – und was können wir miteinander aufbauen?“

Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Anerkennung ist keine Einbahnstraße

Natürlich dürfen Frauen Erwartungen haben.

Natürlich darf eine Frau sagen, dass sie sich einen ambitionierten, zuverlässigen, attraktiven oder erfolgreichen Partner wünscht. Genauso darf ein Mann Erwartungen haben.

Unfair wird es dort, wo die eigenen Ansprüche als selbstverständlich gelten, während die Ansprüche des anderen als störend betrachtet werden.

Eine Beziehung ist kein Bewerbungsverfahren, bei dem eine Person permanent prüft, ob die andere den Anforderungen noch genügt.

Sie ist auch kein Casting.

Wer ständig bewertet, erzeugt beim anderen irgendwann eine permanente Prüfungssituation:

Bin ich gut genug?

Bin ich erfolgreich genug?

Sehe ich gut genug aus?

Verdiene ich genug?

Bin ich interessant genug?

Und irgendwann verändert sich etwas Grundsätzliches.

Der Mensch versucht nicht mehr, sein eigenes Leben zu leben.

Er versucht, die Bewertung des anderen zu bestehen.

Das macht Menschen klein

Ständige Vergleiche können einen Menschen paradoxerweise sogar von seiner besten Entwicklung entfernen.

Denn Kreativität braucht Freiheit.

Unternehmertum braucht Eigenständigkeit.

Persönlichkeit braucht Selbstvertrauen.

Und Selbstvertrauen entsteht nicht dadurch, dass jemand permanent hört, wie weit er noch hinter anderen zurückliegt.

Wer ständig mit anderen verglichen wird, beginnt irgendwann, sich selbst durch die Augen seines Kritikers zu betrachten.

Dann wird aus:

„Was will ich eigentlich?“

die Frage:

„Was muss ich tun, damit ich endlich genüge?“

Das ist ein schlechter Ausgangspunkt für ein erfülltes Leben.

Der vielleicht größte Irrtum

Der größte Irrtum besteht darin, zu glauben, dass ein Mensch durch ausreichend Druck automatisch besser wird.

Manchmal wird er dadurch nur angepasster.

Er funktioniert.

Er erfüllt Erwartungen.

Er verdient vielleicht mehr.

Er sieht vielleicht erfolgreicher aus.

Aber innerlich entfernt er sich immer weiter von sich selbst.

Und genau deshalb ist ein Satz wie „Guck doch mal, wie der das macht“ nicht zwangsläufig Motivation.

Er kann auch bedeuten:

„Ich akzeptiere dich so, wie du bist, nicht.“

Das ist eine völlig andere Botschaft.

Fairness bedeutet nicht Anspruchslosigkeit

Fairness bedeutet nicht, keine Erwartungen zu haben.

Fairness bedeutet, den anderen nicht permanent gegen ein Idealbild auszuspielen.

Man darf mehr erwarten.

Man darf Entwicklung erwarten.

Man darf Veränderung verlangen.

Aber man sollte dabei den Menschen noch sehen.

Denn vielleicht ist die wichtigste Frage in einer Beziehung nicht:

„Ist dieser Mensch so gut wie der andere?“

Sondern:

„Ist dieser Mensch mit seinen tatsächlichen Eigenschaften, Erfahrungen, Stärken und Schwächen jemand, mit dem ich mein Leben gestalten möchte?“

Wenn die Antwort Nein lautet, ist Ehrlichkeit besser als permanente Abwertung.

Und wenn die Antwort Ja lautet, sollte man irgendwann aufhören, den eigenen Partner mit einem imaginären besseren Exemplar der Menschheit zu vergleichen.

Denn niemand gewinnt eine Beziehung, indem er den anderen dauerhaft davon überzeugt, dass er nicht gut genug ist.

Ein Mensch wird nicht wertvoller, weil ein anderer Mensch schlechter behandelt wird.

Und ein Partner wird nicht besser, weil man ihm ständig zeigt, wer angeblich besser ist.

Manchmal braucht es weniger Vergleich.

Und wesentlich mehr Anerkennung für das, was tatsächlich vor einem steht.