„Das macht doch gar keinen Sinn!“
Ein Satz, der in Meetingräumen, Führungsetagen und privaten Diskussionen schnell gesagt ist.
Er klingt nach einer objektiven Feststellung, nach logischer Schlussfolgerung, selbstbewusster Haltung und klarem Verstand. Doch in den allermeisten Fällen ist das Urteil „sinnvoll“ oder „unsinnig“ keine neutrale Beobachtung, sondern eine Abkürzung unseres Gehirns – gefiltert durch individuelle Werte, unbewusste Faustregeln und die eigene Perspektive. Eine Art „Totschlagargument“ der neuen Zeit.
Wer Aussagen über Sinn differenziert verstehen will, muss Denken verstehen und wo die denklogische Fallstricke liegen.
Wie das Gehirn Sinn „pauschal“ zuschreibt
Menschen sind Bedeutungssucher. Unser Nervensystem ist darauf ausgelegt, Reize aus der Umwelt zu strukturieren, Ursache-Wirkungs-Koppelungen herzustellen und Unsicherheit zu reduzieren. Wir lieben Vereinfachung und meiden Auseinandersetzung. Warum? Denken kostet Energie. Vor allem wenn es darum geht andere Menschen, Sichtweisen, Verhaltensweisen oder Handlungen einzustufen. Insbesondere dann, wenn sie ausserhalb unserer Komfortzone liegen.
Wenn wir eine Handlungsweise, eine Methodik oder eine Entscheidung als sinnvoll oder sinnlos einstufen, geschieht das selten über eine tiefgründige, vielschichtige Analyse. Stattdessen nutzen wir mentale Abkürzungen (Heuristiken):
- Der Effizienz-Filter (Zweckrationalität): Was ein klares Ziel auf dem schnellsten Weg erreicht, gilt als sinnvoll. Der blinde Fleck: Wenn der Kontext nicht rein mechanisch ist, greift reine Effizienz zu kurz.
- Der Passungs-Filter (Werte & Identität): Sinnvoll erscheint uns, was zu unserem Weltbild, unseren Glaubenssätzen und unserer Identität passt. Was unseren Grundüberzeugungen widerspricht, wird blitzschnell als „unsinnig“ entwertet.
- Der Komplexitäts-Reflex (Cynefin-Modell): In klaren, kausalen Zusammenhängen gibt es ein eindeutiges Richtig und Falsch. Wenden wir diese Denkweise jedoch auf komplexe oder dynamische Systeme an, stufen wir Maßnahmen pauschal als unsinnig ein, nur weil sie kein sofort vorhersagbares Ergebnis liefern.
Die drei Ebenen von Sinn: Eine differenzierte Betrachtung
Um die Pauschalität zu durchbrechen, hilft die Unterscheidung von drei grundlegenden Dimensionen, die beim Begriff „Sinn“ oft unbewusst vermischt werden:
| Dimension | Fokus | Fragestellung | Typischer Fehlschluss |
|---|---|---|---|
| Zweckursache (Kausalität) | Logik & Ausrichtung | Führt Maßnahme A verlässlich zu Ergebnis B? | Wenn die Wirkung nicht sofort sichtbar ist, gilt es pauschal als nutzlos. |
| Zusammenhang (Konnektivität) | System & Einbettung | Fügt sich die Handlung in das Gesamtsystem ein? | Eine lokal sinnvolle Handlung wird isoliert bewertet, obwohl sie global Schaden anrichtet. |
| Bedeutung (Existenz) | Motivation & Werte | Stimmt die Handlung mit den inneren Werten überein? | Fehlt die persönliche Identifikation, wird der sachliche Nutzen abgesprochen. |
Viktor Frankls Perspektive: Sinn ist keine Eigenschaft von Dingen
Nach dem Wiener Psychiater und Begründer der Logotherapie, Viktor Frankl, ist Sinn nichts, was wir einer Sache rein intellektuell „zuschreiben“ oder künstlich erzeugen. Sinn entsteht in der Interaktion zwischen Person und Umwelt durch das Aufgreifen von Möglichkeiten.
Frankl unterscheidet drei Wegen, wie Sinn erfahren oder beurteilt wird:
- Schöpferische Werte: Indem wir etwas erschaffen, ein Werk schaffen oder eine Aufgabe verwirklichen.
- Erlebniswerte: Indem wir etwas erleben (Natur, Kunst) oder jemandem begegnen (Liebe, Zuwendung).
- Einstellungswerte: Die Haltung, die wir gegenüber unveränderbarem Leid oder Einschränkungen einnehmen.
Wer Sinn rein auf den „schöpferischen Nutzen“ oder wirtschaftlichen Ertrag reduziert, übersieht die zwei anderen Dimensionen komplett.
Das Misstrauen gegenüber dem schnellen Urteil
Wenn jemand das nächste Mal eine Idee, einen Prozess oder ein Verhalten pauschal als „sinnlos“ bezeichnet, lohnt sich das Hinterfragen der Bezugsgrößen:
- Bezug auf welches Ziel? (Sinnvoll gemessen an welchem Maßstab?)
- Bezug auf Wen? (Sinnvoll für die Einzelperson, das Team oder das Gesamtsystem?)
- Bezug auf Welchen Kontext? (Handelt es sich um ein einfaches Ursache-Wirkungs-Problem oder um ein komplexes Umfeld?)
Sinn ist keine Eigenschaft, die einer Handlung fest anhaftet. Er ist das Ergebnis einer Relation zwischen einem Akteur, einer Handlung und einem spezifischen Kontext. Wer diese Variablen trennt, gelangt von vorschnellen Pauschalurteilen zu echten, handlungsfähigen Erkenntnissen.
Ich würde sogar noch etwas weitergehen: Wer anderen den „Sinn“ abspricht, beleidigt sie indirekt und ist nicht bereit entsprechende Beweggründe zu verstehen. Das widerspricht auch dem Prinzip der guten Absicht aus dem NLP.