Wenn Menschen eine vorgeschlagene Lösung ablehnen oder sofort ein neues Problem darin sehen, kann das schlicht daran liegen, dass die Lösung rein logisch, mathematisch oder strukturell das gewünschte Ergebnis verfehlt.
Es handelt sich dann nicht um ein psychologisches Problem oder mangelnden Willen, sondern um eine korrekte, analytische Feststellung.
Hier sind die sachlichen Gründe, warum eine Lösung das gewünschte Ergebnis oft nicht bringt – und warum das anschließende „Problem-Aufzeigen“ völlig berechtigt ist:
1. Das Phänomen der „Verschlimmbesserung“ (Unbeabsichtigte Nebenwirkungen)
Eine Lösung kann zwar das primäre Problem isoliert lösen, aber an anderer Stelle einen so großen Schaden anrichten, dass das Gesamtergebnis negativ ausfällt. In der Systemtheorie spricht man hier von unvorhergesehenen Nebenwirkungen in komplexen Systemen.
- Das Problem: Ein Unternehmen will Kosten senken (Wunsch-Ergebnis).
- Die vorgeschlagene Lösung: Entlassung von Mitarbeitern im Kundenservice.
- Das reale Ergebnis: Die Kosten sinken kurzfristig, aber die Servicequalität bricht ein, Kunden wandern ab, der Umsatz sinkt drastisch. Die Lösung hat das eigentliche Ziel (wirtschaftlicher Erfolg) verfehlt und ein weitaus größeres Problem geschaffen.
2. Scheinlösungen (Symptom vs. Ursache)
Sehr häufig bekämpfen Lösungen nur das sichtbare Symptom, nicht aber die eigentliche Ursache (Root Cause). Wenn die Ursache weiterbesteht, poppt das Problem unweigerlich in neuer Form wieder auf.
- Wenn eine Person chronisch gestresst und ausgebrannt ist, ist die Lösung „ein dreiwöchiger Urlaub“ zwar nett, bringt aber nicht das gewünschte Ergebnis (langfristige Erholung), wenn sich an der Überlastung im Alltag danach nichts ändert. Das Aufzeigen dieses „neuen“ Problems ist hier schlicht der realistische Blick auf die Nachhaltigkeit.
3. Falsche Annahmen in der Theorie (Der Labor-Effekt)
Viele Lösungen funktionieren hervorragend auf dem Papier, in der Theorie oder in einer geschützten Testumgebung – scheitern dann aber krachend an der Komplexität der Praxis.
- Kontext-Blindheit: Was in System A perfekt funktioniert hat, kann in System B völlig versagen, weil die Kultur, die Ressourcen oder die Rahmenbedingungen anders sind. Wer hier sagt: „Das wird bei uns aus Grund X nicht funktionieren“, hat oft recht, weil er den Kontext besser kennt als derjenige, der die Lösung vorschlägt.
4. Ziel-Inkongruenz (Man redet am eigentlichen Ziel vorbei)
Oft bringt eine Lösung deshalb nicht das gewünschte Ergebnis, weil die Beteiligten stillschweigend völlig unterschiedliche Definitionen von „Ergebnis“ haben.
- Wenn der Berater unter dem Ergebnis „Prozessoptimierung und Automatisierung“ versteht, der betroffene Mitarbeiter unter dem Ergebnis aber „Sicherheit und Behalt meines Arbeitsplatzes“ versteht, dann wird jede Automatisierungslösung für den Mitarbeiter das gewünschte Ergebnis verfehlen. Das Aufzeigen von Problemen ist in diesem Fall der (oft unbewusste) Versuch, die Ziel-Definition zu korrigieren.
Fazit für die Praxis: Wenn jemand für jede Lösung ein Problem hat, lohnt sich immer zuerst der sachliche Blick, bevor man psychologisiert: Hat die Person vielleicht einfach recht? Übersieht die Lösung die Komplexität der Realität? Wenn ja, ist das vermeintliche „Meckern“ in Wahrheit ein wertvoller Risikobericht.