„Das ist halt so.“
Ein Satz, der erstaunlich viel rechtfertigen kann.
Schlechte Behandlung. Übermäßige Härte. Ungerechte Regeln. Druck. Abwertung. Fehlende Anerkennung. Oder schlicht Situationen, in denen ein Mensch unnötig leiden musste.
Und manchmal folgt direkt danach:
„Ich hatte es damals auch nicht besser.“
Genau hier wird es interessant.
Denn eigentlich müsste die eigene Erfahrung zu einem anderen Schluss führen: Ich weiß, wie sich das anfühlt. Deshalb möchte ich verhindern, dass jemand anderes dasselbe erleben muss.
Doch Menschen machen häufig etwas anderes.
Sie geben das weiter, was ihnen selbst widerfahren ist.
Wenn Leid zur Normalität wird
Ein Kind wird ständig angeschrien und später selbst laut gegenüber seinen Kindern.
Ein Auszubildender wird von seinem Vorgesetzten klein gemacht und behandelt später seine eigenen Mitarbeiter genauso.
Jemand musste sich seinen Erfolg unter extremem Druck erarbeiten und erwartet anschließend von anderen, dass sie ebenfalls „durch müssen“.
Ein Mensch bekommt nie Anerkennung und entwickelt später die Haltung:
„Mich hat damals auch niemand gelobt. Also brauchen die das auch nicht.“
Das Problem ist nicht, dass Menschen schwierige Erfahrungen machen.
Das Problem entsteht dort, wo aus einer schlechten Erfahrung eine Norm gemacht wird.
Aus:
„Das war damals schwierig für mich.“
wird:
„Das gehört eben dazu.“
Und aus:
„Ich hätte mir gewünscht, dass jemand anders mit mir umgeht.“
wird:
„Andere müssen da jetzt eben auch durch.“
Damit wird Leid nicht verarbeitet, sondern weitergegeben.
Die eigene Vergangenheit wird nachträglich verändert
Dabei kommt noch etwas hinzu: Unsere Erinnerung ist keine objektive Videoaufnahme der Vergangenheit.
Menschen erinnern sich nicht nur an das, was tatsächlich passiert ist. Sie interpretieren ihre Vergangenheit immer wieder neu.
Und genau hier kann eine bemerkenswerte Wahrnehmungsverzerrung entstehen.
Man erinnert sich beispielsweise daran, dass man selbst hart arbeiten musste. Man erinnert sich daran, dass niemand Rücksicht genommen hat. Man erinnert sich daran, dass man sich „durchbeißen“ musste. Aber man vergisst möglicherweise die Menschen, die geholfen haben. Man vergisst die Chancen, die man bekommen hat. Man vergisst die Unterstützung. Man vergisst die Situationen, in denen jemand einem etwas erleichtert hat.
Und manchmal wird aus einer objektiv schwierigen, aber trotzdem unterstützten Situation rückblickend eine Geschichte von:
„Ich musste alles alleine schaffen.“
Diese Erzählung ist emotional sehr wirksam.
Denn wenn ich überzeugt bin, dass ich alles alleine geschafft habe, erscheint es plötzlich auch gerechtfertigt, von anderen dasselbe zu verlangen.
„Bei mir ging es doch auch“
Das ist eine der gefährlichsten Formen dieser Verzerrung.
„Bei mir ging es doch auch.“
Dieser Satz klingt zunächst nach einem Argument.
Ist aber häufig keines.
Denn dass du etwas ausgehalten hast, beweist nicht, dass es notwendig, sinnvoll oder gesund war.
Vielleicht hast du es geschafft.
Vielleicht bist du sogar daran gewachsen. Vielleicht hat es dich stark gemacht. Aber vielleicht hat es dich auch geprägt, obwohl du dir das heute nicht mehr eingestehen möchtest. Und genau deshalb kann ein Mensch später sagen:
„Das hat mir auch nicht geschadet.“
Obwohl sein Verhalten, seine Ängste, seine Beziehungen oder sein Umgang mit anderen möglicherweise noch heute von genau diesen Erfahrungen beeinflusst werden.
Aus Überleben wird eine Philosophie
Besonders interessant ist der Moment, in dem aus einer persönlichen Überlebensstrategie eine allgemeine Lebensphilosophie wird.
„Ich musste hart werden.“
wird zu:
„Das Leben ist nun einmal hart.“
„Ich durfte keine Schwäche zeigen.“
wird zu:
„Schwäche kann man sich nicht leisten.“
„Ich musste mich unterordnen.“
wird zu:
„Respekt muss man sich verdienen.“
„Niemand hat mir etwas geschenkt.“
wird zu:
„Andere sollen auch nichts geschenkt bekommen.“
Damit wird die eigene Vergangenheit nicht nur erklärt.
Sie wird zur Rechtfertigung dafür, andere genauso zu behandeln.
Der Kreislauf könnte eigentlich hier enden
Das Entscheidende ist:
Du bist nicht verpflichtet, das weiterzugeben, was dir selbst angetan wurde.
Im Gegenteil.
Wer selbst erfahren hat, wie sich etwas anfühlt, besitzt einen besonderen Vorteil:
Er weiß bereits, was nicht funktioniert.
Ein Mensch, der selbst ständig unter Druck gesetzt wurde, kann später bewusst anders führen.
Ein Mensch, der nie gehört wurde, kann lernen zuzuhören.
Ein Mensch, der ständig kritisiert wurde, kann konstruktives Feedback geben.
Ein Mensch, dem Fehler nicht erlaubt waren, kann anderen einen sicheren Raum zum Lernen geben.
Und jemand, der selbst unnötig leiden musste, kann entscheiden:
Bei mir endet diese Geschichte.
Das ist kein Zeichen von Schwäche.
Das ist Entwicklung.
Nicht alles, was du erlebt hast, war notwendig
Vielleicht ist das die unangenehmste Erkenntnis:
Manches, worauf wir rückblickend stolz sind, hätten wir gar nicht erleben müssen.
Du kannst stolz darauf sein, etwas überstanden zu haben – ohne deshalb zu behaupten, dass es gut war.
Du kannst anerkennen, dass du daran gewachsen bist – ohne anderen denselben Schmerz aufzuerlegen.
Und du kannst deine Eltern, Lehrer, Vorgesetzten oder andere Menschen verstehen – ohne ihr Verhalten zu entschuldigen.
Denn: Nur weil etwas früher normal war, muss es nicht richtig gewesen sein.
Und nur weil du es ausgehalten hast, musst du nicht dafür sorgen, dass andere es ebenfalls aushalten müssen. Vielleicht ist genau das echte Stärke:
Nicht zu sagen:
„Ich hatte es auch nicht besser.“
But rather:
„Ich weiß, wie es sich anfühlt. Deshalb mache ich es bei dir besser.“