Der „Narzisst“ und der „Energievampir“ – ein destruktives Denkmodell

Er ist ein Narzisst.“ „Sie ist toxisch.“ „Dieser Mensch ist ein Energievampir.“ Solche Aussagen sind inzwischen fast alltäglich. Das Internet ist voll davon.

Was früher vielleicht einfach ein schwieriger Mensch, eine schwierige Beziehung oder ein ungelöster Konflikt war, bekommt heute schnell ein psychologisches Etikett. Warum? Menschen lieben Vereinfachung und Schuldzuweisung. Es klingt nach Erklärung und gibt zunächst sogar ein Gefühl von Klarheit.

Endlich versteht man, warum ein Mensch sich so verhält. Endlich gibt es einen Namen für das, was man erlebt hat. Ich bin nicht schuld. Es liegt an der anderen Person.

Genau darin liegt allerdings die Gefahr.

Denn mit dem Etikett verändert sich nicht nur die Beschreibung eines Menschen. Es verändert sich die gesamte Wahrnehmung dieses Menschen. Aus einer konkreten Handlung wird eine Charaktereigenschaft, aus einem Konflikt wird ein Persönlichkeitsproblem und aus einer unterschiedlichen Wahrnehmung wird plötzlich ein Kampf zwischen einem vermeintlich gesunden Menschen und einem vermeintlich gestörten Gegenüber.

Narzisst, Energievampir, toxisch – wenn ein Denkmodell Menschen zu Feinden macht

Aus Sicht des NLP ist genau dieser Prozess interessant. Eine der grundlegenden Annahmen lautet, dass Menschen nicht auf die Realität selbst reagieren, sondern auf ihre innere Repräsentation der Realität. Wir nehmen wahr, filtern, bewerten und geben Dingen Bedeutung. Unsere persönliche Landkarte ist dabei niemals identisch mit der Landkarte eines anderen Menschen.

Und genau das wird beim Narzissmus- und Energievampir-Modell häufig vergessen.

Wenn Eine Frau ihren Partner als „Energievampir“ bezeichnet, beschreibt sie zunächst ihr eigenes Erleben. Vielleicht fühlt sie sich nach Gesprächen mit ihm erschöpft. Vielleicht fordert er viel Aufmerksamkeit. Vielleicht spricht er häufig über seine Probleme. Vielleicht fällt es ihm schwer, ihre Grenzen zu akzeptieren. All das kann real sein und sollte ernst genommen werden.

Aber daraus folgt nicht automatisch, dass dieser Mensch ihr „Energie raubt“.

Das ist bereits eine Interpretation.

Und diese Interpretation kann anschließend zum Filter für alles werden, was der andere tut. Wenn er Fragen stellt, kontrolliert er. Wenn er Nähe sucht, klammert er. Wenn er Abstand braucht, manipuliert er. Wenn er widerspricht, ist er narzisstisch. Wenn er seine eigenen Bedürfnisse vertritt, ist er egoistisch.

Das Problem ist nicht, dass diese Verhaltensweisen niemals vorkommen. Natürlich gibt es Manipulation, Egoismus, Kontrolle und destruktives Verhalten. Das Problem entsteht dort, wo aus einer möglichen Beschreibung eine universelle Erklärung gemacht wird.

Denn plötzlich muss das Verhalten nicht mehr verstanden werden. Es reicht, den Menschen zu kategorisieren.

Genau hier bietet das NLP mit dem Konzept der positiven Absicht einen interessanten Gegenpol. Die Annahme der positiven Absicht bedeutet nicht, dass jedes Verhalten positiv oder akzeptabel ist. Sie bedeutet auch nicht, dass Menschen andere nicht bewusst verletzen können. Sie fordert vielmehr dazu auf, Verhalten und dahinterliegende Funktion voneinander zu unterscheiden.

Ein Mensch kann kontrollieren, weil er Sicherheit sucht. Ein Mensch kann ständig nachfragen, weil er Angst vor Verlust hat. Ein Mensch kann sich zurückziehen, weil er Konflikte nicht aushält. Ein Mensch kann übermäßig helfen, weil er gebraucht werden möchte. Ein Mensch kann langsam Entscheidungen treffen, weil er Risiken vermeiden will. Und ein Mensch kann ständig seine Meinung durchsetzen, weil er gelernt hat, dass nur Durchsetzungsfähigkeit ihn ans Ziel bringt.

Das Verhalten kann trotzdem unangenehm oder sogar destruktiv sein. Aber die Frage verändert sich.

Nicht mehr: „Was stimmt mit diesem Menschen nicht?

Sondern: „Was versucht dieser Mensch mit seinem Verhalten zu erreichen?

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Denn Menschen handeln häufig nicht gegen uns, sondern aus ihrer eigenen inneren Logik heraus. Diese Logik muss nicht mit unserer übereinstimmen. Sie muss uns nicht gefallen. Sie muss nicht einmal sinnvoll erscheinen. Aber wenn wir sie verstehen, können wir wesentlich differenzierter mit dem Menschen umgehen.

Nehmen wir beispielsweise das Thema Grenzen. Es gibt Menschen, die sich außerordentlich schlecht abgrenzen können. Sie sagen zu, obwohl sie Nein meinen. Sie übernehmen Verantwortung, die eigentlich nicht ihre ist. Sie helfen ständig, wollen niemanden enttäuschen und fühlen sich irgendwann ausgenutzt. Irgendwann entsteht die Überzeugung: „Alle anderen saugen mich aus.“

Natürlich kann es Menschen geben, die diese Bereitschaft tatsächlich ausnutzen. Aber manchmal liegt ein Teil des Problems auch darin, dass die eigene Grenze nie klar kommuniziert wurde.

Dann wird aus fehlender Abgrenzung ein vermeintliches Problem der anderen.

Ähnlich verhält es sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Manche Menschen entscheiden schnell, denken schnell und wollen Dinge sofort umsetzen. Andere brauchen Zeit, Sicherheit und ausführliche Abwägung. Der schnelle Mensch erlebt den langsamen Menschen als Bremser. Der langsame Mensch erlebt den schnellen Menschen als rücksichtslos oder hektisch.

Wer hat Recht?

Vielleicht keiner.

Vielleicht funktionieren beide einfach unterschiedlich.

Dasselbe gilt für Kommunikation, Nähe, Ordnung, Risiko, Veränderung, Leistung, Geld, Familie und unzählige andere Lebensbereiche. Menschen haben unterschiedliche Werte, unterschiedliche Erfahrungen und unterschiedliche Strategien entwickelt, um mit ihrem Leben zurechtzukommen.

Trotzdem besteht eine starke gesellschaftliche Tendenz, Andersartigkeit zu pathologisieren. Was nicht zur eigenen Realität passt, wird schnell als falsch betrachtet. Wer anders kommuniziert, ist schwierig. Wer anders denkt, ist kompliziert. Wer langsamer ist, blockiert. Wer schneller ist, überfordert. Wer sich abgrenzt, ist kalt. Wer viel Nähe benötigt, ist abhängig. Wer seine Interessen vertritt, ist egoistisch.

Und irgendwann wird daraus: „Der ist toxisch.“

Das ist keine besondere Erkenntnis. Es ist häufig nur eine besonders moderne Form der Vereinfachung.

Ein gutes psychologisches Denkmodell sollte jedoch nicht dazu führen, dass wir immer schneller einen Schuldigen finden. Es sollte unsere Wahrnehmung erweitern.

Genau deshalb ist es sinnvoll, den Fokus von „Narzisst oder Opfer?“ auf „Was passiert zwischen diesen beiden Menschen?“ zu verschieben.

Was nimmt der eine wahr? Was nimmt der andere wahr? Welche Bedürfnisse stehen dahinter? Welche Werte kollidieren? Welche Erwartungen wurden nie ausgesprochen? Welche Grenzen wurden nicht gesetzt? Welche Bedeutung gibt der eine dem Verhalten des anderen? Und welche Bedeutung gibt der andere demselben Verhalten?

Damit entsteht etwas, das im Narzissmus- und Energievampir-Modell häufig verloren geht: gegenseitiges Verstehen.

Verstehen bedeutet dabei ausdrücklich nicht, alles zu akzeptieren. Liebe bedeutet nicht, keine Grenzen zu haben. Verständnis bedeutet nicht, sich schlecht behandeln zu lassen. Und positive Absicht bedeutet nicht, negative Auswirkungen zu ignorieren.

Ich kann verstehen, warum ein Mensch kontrolliert, und trotzdem sagen: „Ich lasse mich nicht kontrollieren.“

Ich kann verstehen, warum ein Mensch ständig Aufmerksamkeit benötigt, und trotzdem sagen: „Ich kann dir diese Aufmerksamkeit nicht geben.“

Ich kann verstehen, warum ein Mensch langsam ist, und trotzdem entscheiden, dass ich mit seiner Geschwindigkeit nicht leben möchte.

Ich kann verstehen, warum ein Mensch anders denkt, und trotzdem feststellen, dass wir nicht zusammenpassen.

Das ist wesentlich stärker, als jemanden zum Narzissten oder Energievampir zu erklären.

Denn für eine Grenze brauche ich keine Diagnose.

Ich muss einen Menschen nicht entwerten, um mich abzugrenzen.

Ich muss ihn nicht zum Bösewicht machen, um eine Beziehung zu beenden.

Und ich muss seine Realität nicht übernehmen, um sie verstehen zu können.

Genau darin liegt für mich das bessere Modell: Der Fokus liegt nicht darauf, Menschen zu entlarven, sondern darauf, Menschen zu verstehen. Nicht darauf, herauszufinden, wer Energie nimmt und wer Energie gibt, sondern darauf, zu verstehen, was zwischen zwei Menschen tatsächlich passiert.

Der entscheidende Perspektivwechsel lautet deshalb: Nicht „Wie kann ich beweisen, dass der andere toxisch ist?“, sondern „Wie sieht die Welt aus der Perspektive des anderen aus?“

Was ist seine Realität?

Was ist meine Realität?

Wo unterscheiden sie sich?

Und gibt es einen gemeinsamen Nenner?

Manchmal gibt es ihn. Dann entsteht durch Verständnis, Kommunikation und klare Grenzen eine bessere Beziehung.

Manchmal gibt es ihn nicht. Dann kann eine Trennung oder ein klarer Abstand die richtige Entscheidung sein.

Aber auch dann muss der andere nicht zum Monster gemacht werden.

Das ist vielleicht die größte Schwäche des Narzissmus- und Energievampir-Narrativs: Es verspricht Befreiung, indem es den anderen zum Problem erklärt. Kurzfristig kann das erleichternd sein. Langfristig kann es jedoch verhindern, dass ein Mensch seine eigene Wahrnehmung, seine eigenen Grenzen, seine eigenen Muster und seinen eigenen Anteil an einer Dynamik untersucht.

Ein Modell, das ausschließlich den anderen erklärt, macht uns nicht automatisch freier.

Ein Modell, das unsere eigene Wahrnehmung erweitert, kann das dagegen sehr wohl.

Deshalb sollte die Frage nicht sein, ob wir Narzissmus, toxisches Verhalten oder Energievampire überhaupt benennen dürfen. Natürlich dürfen wir schwieriges Verhalten benennen. Wir sollten sogar sehr klar sein, wenn Grenzen überschritten werden.

Die entscheidende Frage ist vielmehr, was wir aus dieser Beschreibung machen.

Macht sie uns verständnisvoller oder feindseliger?

Macht sie uns handlungsfähiger oder abhängiger von der Schuld des anderen?

Erweitert sie unsere Wahrnehmung oder bestätigt sie nur das, was wir ohnehin glauben?

Wer Menschen nur noch in „Narzissen“ und „Opfer“ einteilt, verliert etwas Entscheidendes aus den Augen: Hinter jedem Verhalten steht ein Mensch mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Wahrnehmung, eigenen Bedürfnissen und eigenen Strategien.

Das macht jedes Verhalten nicht automatisch richtig.

Aber es macht die Welt komplexer als ein Etikett.

Und vielleicht liegt genau darin ein wesentlich gesünderer Ansatz: Liebe und Verständnis statt vorschneller Verurteilung. Klare Grenzen statt Schuldzuweisung. Neugier statt Unterstellung. Die eigene Realität ernst nehmen, ohne die Realität des anderen zu leugnen.

Denn das Ziel sollte nicht sein, den anderen zu besiegen.

Das Ziel sollte sein, die Realität des anderen verstehen zu lernen, die eigene Realität klar zu vertreten und dort, wo es möglich ist, einen gemeinsamen Nenner zu schaffen.

Und wenn das nicht möglich ist, darf man gehen.

Nicht weil der andere ein „Energievampir“ ist.

Sondern weil zwei Menschen manchmal einfach nicht miteinander funktionieren.