Ayahuasca klingt für viele nach „Erwachen„. Nach Heilung. Für manche bestimmt auch nach Nervenkitzel und „Kick„. Nach einer Reise zu sich selbst. Nach einer höheren Ebene des Bewusstseins. Und genau deshalb sollten wir einmal einen Schritt zurücktreten.
Denn hinter dem spirituellen Versprechen steckt eine psychoaktive Substanz, deren Hauptwirkstoff DMT in Deutschland als nicht verkehrsfähiges Betäubungsmittel eingestuft ist.
Das bedeutet nicht, dass Ayahuasca automatisch eine hochgefährliche Substanz ist.
Aber es bedeutet sehr wohl: Der Staat behandelt den Wirkstoff nicht wie einen harmlosen Kräutertee.
Und das sollte man vielleicht ernst nehmen.
DMT ist in Deutschland kein Wellnessprodukt
DMT steht in Deutschland in Anlage I des Betäubungsmittelgesetzes.
Damit gehört es zu den Stoffen, die grundsätzlich nicht legal gehandelt oder frei abgegeben werden dürfen. Ausnahmen bestehen insbesondere für wissenschaftliche beziehungsweise bestimmte im öffentlichen Interesse liegende Zwecke.
Der Grundgedanke des Betäubungsmittelrechts ist dabei nicht: „Alles, was ungewöhnlich wirkt, muss verboten werden.“ Es geht unter anderem um Wirkungsweise, Missbrauchspotenzial und mögliche gesundheitliche Gefahren. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn ein gesetzliches Verbot ist kein wissenschaftliches Ranking der gefährlichsten Substanzen.
Aber umgekehrt ist eine spirituelle Erzählung auch kein Sicherheitsnachweis.
„Natürlich“ bedeutet nicht harmlos
Eine der seltsamsten Argumentationen rund um Ayahuasca lautet:
„Das ist natürlich.“
Na und?
Giftige Pilze sind natürlich.
Tödliche Pflanzen sind natürlich.
Nikotin ist natürlich.
Natürlichkeit sagt praktisch nichts darüber aus, ob eine Substanz sicher ist.
Ayahuasca enthält DMT und zusätzlich β-Carboline mit MAO-hemmenden Eigenschaften. Dadurch entstehen pharmakologische Wirkungen und mögliche Wechselwirkungen, die bei der Bewertung des Risikos berücksichtigt werden müssen.
Das ist keine spirituelle Frage.
Das ist Pharmakologie.
Und dann kommt das Gehirn
DMT kann Wahrnehmung, Denken, Emotionen und das Erleben des eigenen Ichs massiv verändern.
Menschen können Bilder sehen.
Stimmen oder Geräusche anders wahrnehmen.
Zeit völlig anders erleben.
Das Gefühl für das eigene Ich kann sich verändern.
Emotionen können extrem intensiv werden.
Und genau hier beginnt die entscheidende Frage:
Ist eine radikal veränderte Wahrnehmung automatisch eine bessere Wahrnehmung?
Nein.
Eine Erfahrung kann intensiv sein, ohne richtig zu sein.
Sie kann emotional bedeutsam sein, ohne eine objektive Wahrheit zu enthalten.
Und sie kann sich wie eine Offenbarung anfühlen, obwohl sie letztlich eine veränderte Verarbeitung von Informationen ist.
Das Psychoserisiko darf man weder dramatisieren noch verharmlosen
Hier muss man wissenschaftlich sauber bleiben.
Wir wissen nicht, dass Ayahuasca bei einem bestimmten Prozentsatz der Konsumenten eine Psychose verursacht.
Dafür ist die Datenlage zu schlecht.
Psychotische Episoden im Zusammenhang mit Ayahuasca beziehungsweise DMT sind jedoch dokumentiert. Besonders relevant sind Menschen mit einer persönlichen oder familiären Vulnerabilität für Psychosen oder bestimmte andere psychische Erkrankungen.
Und genau hier wird es gefährlich:
Wenn jemand beginnt, einen möglichen Realitätsverlust als spirituelles Erwachen zu interpretieren.
- „Ich höre Stimmen.“
- „Mein Bewusstsein öffnet sich.“
- „Ich werde verfolgt.“
- „Ich habe eine besondere Mission.“
- „Ich kann Energien wahrnehmen.“
Das kann eine spirituelle Interpretation sein.
Es kann aber auch ein psychiatrisches Warnsignal sein.
Und nicht jede psychische Krise ist eine Initiation.
Manchmal braucht ein Mensch keinen Schamanen.
Sondern medizinische Hilfe.
Die vielleicht größere Gefahr: Wer sitzt eigentlich neben dir?
Ayahuasca ist nicht nur eine Substanz.
Es ist häufig ein Setting.
Eine Zeremonie.
Eine Gruppe.
Ein Ritual.
Und möglicherweise eine Person, die behauptet, zu wissen, was deine Erfahrung bedeutet.
Das verändert die Risikobewertung erheblich.
Denn wer sich in einem stark veränderten Bewusstseinszustand befindet, ist besonders vulnerabel.
Und wer gleichzeitig einem Guru, Schamanen oder „Heiler“ gegenübersteht, kann sich in einem massiven Machtgefälle befinden.
Damit entstehen Risiken, die in einer pharmakologischen Studie kaum abgebildet werden:
- Manipulation.
- Abhängigkeit.
- Grenzüberschreitungen.
- Sexuelle Übergriffe.
- Psychischer Druck.
- Finanzielle Ausbeutung.
Und besonders perfide:
die nachträgliche spirituelle Rechtfertigung eines Übergriffs.
„Das war für deine Heilung notwendig.“
Nein. Ein Übergriff wird nicht zu Heilung, nur weil jemand ihn spirituell erklärt.
Warum sollte ich mein Bewusstsein überhaupt chemisch verändern?
Das ist für mich die viel interessantere Frage. Wenn ich mein Bewusstsein entwickeln möchte, muss ich dafür wirklich eine psychoaktive Substanz nehmen? Oder kann ich lernen, mein eigenes Denken zu beobachten?
Kann ich lernen, meine Wahrnehmung zu hinterfragen? Sie eigenständig auf meine tatsächlichen Ziele zu lenken? Mein eigenes Ego und Handeln auch in bewussten Momenten wahrnehmen, hinterfragen und meinem Leben eine neue Absicht geben?
- Kann ich Perspektiven wechseln?
- Kann ich mit Imagination arbeiten?
- Kann ich meine Kommunikationsmuster untersuchen?
- Kann ich lernen, Emotionen zu regulieren?
- Kann ich psychologisches und neurowissenschaftliches Wissen nutzen?
- Kann ich meine eigenen Glaubenssätze überprüfen?
Ja.
Und das Interessante daran: Ich kann das alles tun, während ich vollständig bei Bewusstsein bin. Völlig legal und mit weit weniger Risiko.
Ich nenne Ayuhuasca-Trips liebevoll „spirituelles Bypassing„, genauso wie irgendwelche Pilze, andere Drogen oder Ablenkungen die nur dazu führen sich nicht mit sich selbst auseinanderzusetzen.
Coaching statt Bewusstseinsrausch
Genau deshalb halte ich Coaching für einen wesentlich interessanteren Weg der persönlichen Entwicklung.
Nicht weil Coaching ungefährlich oder magisch wäre.
Sondern weil ein guter Coaching-Prozess etwas anderes tut:
Er gibt dir nicht einfach eine außergewöhnliche Erfahrung.
Er hilft dir, deine Erfahrungen zu verstehen.
Du kannst mit Imagination arbeiten. Mit Perspektivwechseln. Mit gezielten kommunikativen Übungen. Mit Selbstreflexion. Mit Verhaltensexperimenten. Mit psychologischem Fachwissen.
Und vor allem:
Du kannst anschließend überprüfen, was tatsächlich passiert ist.
- Was war Wahrnehmung?
- Was war Interpretation?
- Was ist wirklich realistisch und erstrebenswert?
- Was war Emotion?
- Was war Erinnerung?
- Was war Projektion?
- Was war schlicht eine Annahme?
Das ist für mich echte Bewusstseinsarbeit.
Erwachen bedeutet für mich etwas anderes
Ich brauche keine Vision, um zu erkennen, dass ich mich selbst belüge.
Ich brauche keinen Guru, um zu erkennen, dass ich Angst habe.
Ich brauche kein Ritual, um meine Kommunikationsmuster zu verändern.
Und ich brauche keine psychoaktive Substanz, um festzustellen, dass ich Verantwortung für mein Leben übernehmen muss.
Das kann ich lernen.
Schritt für Schritt.
Mit klarem Verstand.
Mit guten Fragen.
Mit Fachwissen.
Und mit jemandem, der mir nicht erzählt, dass jede außergewöhnliche Erfahrung automatisch eine höhere Wahrheit ist.
Vielleicht ist das sogar die anspruchsvollere Form von Erwachen.
Nicht aus der Realität auszusteigen.
Sondern sie immer klarer zu sehen.
Die entscheidende Frage
Ich will Ayahuasca nicht zum Dämon machen.
Dafür ist die Wissenschaft zu differenziert.
Aber ich möchte auch nicht bei der romantischen Erzählung mitmachen, dass eine psychedelische Erfahrung automatisch Heilung, Wachstum oder Erwachen bedeutet.
Deutschland hat DMT nicht als Wellnessprodukt eingestuft.
Das Gesetz ist dabei kein wissenschaftliches Gefahrenranking.
Aber es ist ein Anlass, genauer hinzuschauen.
Und vielleicht sollten wir bei persönlicher Entwicklung generell weniger nach dem spektakulärsten Erlebnis suchen.
Und mehr nach dem, was danach übrig bleibt.
- Bist du klarer geworden?
- Verantwortungsvoller?
- Beziehungsfähiger?
- Reflektierter?
- Realitätsnäher?
- Entscheidungsfähiger?
Dann hat sich vielleicht tatsächlich etwas entwickelt.
Denn am Ende interessiert mich nicht, wie weit jemand während einer Zeremonie „gereist“ ist.
Mich interessiert:
Wie gut kann dieser Mensch anschließend sein echtes Leben führen?
Und genau dort beginnt für mich Coaching.