Wenn am Freitag um 14 Uhr alle nach Hause gehen

Es gibt diesen Moment am Freitag Nachmittag, den vermutlich nur Menschen wirklich verstehen, die über längere Zeit ein Leben mit hoher Verantwortung geführt haben.

Um 14 Uhr beginnt sich die Welt zu verändern. Die Büros werden leerer. Mitarbeiter verabschieden sich ins Wochenende. Rasenmäher springen an. Die ersten Nachrichten kommen: „Schönes Wochenende.“ In den Gruppen werden Grillabende organisiert, im WhatsApp-Status werden hübsche Sprüche geteilt, jemand sitzt bereits im Biergarten, andere fahren mit den Kindern irgendwohin. Der eine holt seine Frau von der Arbeit ab, der andere seine Kinder aus der Schule. Im Garten wird der Grill vorbereitet. Das Wetter ist gut. Die Woche ist geschafft.

Und irgendwo sitzt ein Unternehmer an seinem Schreibtisch und arbeitet weiter.

Die Arbeit liegt weiterhin da. Das Unternehmen ist weiterhin da. Die Steuervoranmeldung wartet. Die offenen Entscheidungen sind da. Die Zahlen sind weiterhin da. Vielleicht läuft gerade ein Projekt, das seine volle Aufmerksamkeit benötigt. Vielleicht muss Geld verdient werden. Vielleicht muss ein Unternehmen nach einem schwierigen Jahr wieder aufgebaut werden. Vielleicht ist gerade eine Phase, in der jeder zusätzliche Monat darüber entscheidet, ob aus einer Idee ein funktionierendes Unternehmen wird. Die Konkurrenten schlafen nicht.

Während die meisten Menschen ihre Arbeitswoche beenden, beginnt für den Unternehmer häufig einfach ein anderer Teil derselben Woche. Das allein wäre noch keine besondere Beschreibung. Unternehmertum bringt lange Arbeitstage mit sich. Die eigentliche Härte entsteht an einer anderen Stelle.

Man kommt irgendwann nach Hause und dort wartet niemand. Mit vierzig ist das eine andere Erfahrung als mit fünfundzwanzig. Mit vierzig haben viele Menschen bereits ein Leben aufgebaut. Eine Familie. Eine Partnerschaft. Einen Freundeskreis, der seit zwanzig Jahren besteht. Ein Haus. Einen festen Bekanntenkreis. Gemeinsame Urlaube. Geburtstage. Routinen. Menschen, die selbstverständlich wissen, wo man am Freitagabend ist.

Bei anderen ist dieses Leben irgendwann auseinandergefallen.

Eine Beziehung ist gescheitert. Eine Ehe ist vorbei. Die Kinder leben beim anderen Elternteil. Freunde haben sich entfernt oder sind mit ihren eigenen Familien beschäftigt. Das Unternehmen hat vielleicht nicht so funktioniert, wie es einmal geplant war. Es gab finanzielle Rückschläge, berufliche Brüche, vielleicht eine Insolvenz oder Jahre, in denen man mit Dingen beschäftigt war, über die man heute kaum spricht.

Und trotzdem geht das Leben weiter.

Das ist die eigentliche Härte: Man ist alt genug, um bereits einiges verloren zu haben, und gleichzeitig jung genug, um noch sehr viel vor sich zu haben.

Man kann beruflich noch einmal von vorne anfangen. Man kann ein neues Unternehmen aufbauen. Man kann Vermögen wieder aufbauen. Man kann sich fachlich neu positionieren. Man kann neue Menschen kennenlernen. Man kann versuchen, die nächsten zehn Jahre anders zu gestalten.

Aber die verlorenen Jahre werden dadurch nicht zurückgebracht.

Wenn die eigenen Kinder am Wochenende beim anderen Elternteil sind, sitzen sie dort trotzdem. Wenn die Ehe beendet ist, ist sie beendet. Wenn Freundschaften über Jahre eingeschlafen sind, existieren die gemeinsamen Abende von früher nicht mehr automatisch wieder. Und während man selbst versucht, wirtschaftlich und beruflich wieder nach vorne zu kommen, lebt das Umfeld sein eigenes Leben.

Dafür muss niemand böse sein. Genau das macht es so schwer. Die Menschen haben ihre Familien, ihre Partner, ihre Kinder, ihre Verpflichtungen. Sie haben ihren Samstag bereits verplant. Sie haben ihren Sonntag. Sie haben ihr eigenes Leben.

Man kann sich Hilfe holen. Dafür existiert heute eine ganze Industrie.

Coaches, Berater, Mentoren, Therapeuten, Unternehmernetzwerke, Masterminds, Seminare, Hubs, Communities, Führungskräftezirkel. Für beinahe jedes Problem gibt es jemanden, der zuhört, analysiert, einen Prozess anbietet oder eine Strategie entwickelt.

Das kann wertvoll sein. Aber es verändert eine grundlegende Tatsache nicht: Irgendwann endet jedes Gespräch. Der Coach beendet den Termin und geht in sein eigenes Leben zurück. Der Berater hat Feierabend. Der Mentor verbringt den Abend mit seiner Familie. Der Unternehmerkollege fährt nach Hause. Jeder hat seine eigenen Verpflichtungen.

Und der Unternehmer sitzt wieder alleine da.

Diese Erfahrung wird von außen häufig unterschätzt, weil sie sich schwer erklären lässt. Nach außen funktioniert ein Mensch mit vierzig vielleicht hervorragend. Er führt Gespräche, verhandelt Verträge, entwickelt Strategien, hält Präsentationen, führt Mitarbeiter und trifft Entscheidungen. Er kann sehr souverän wirken. Er kann sogar anderen Menschen helfen, ihre Probleme zu lösen.

Am Abend sitzt er trotzdem alleine in seiner Wohnung.

Und am Wochenende wird dieser Unterschied besonders deutlich.

Unter der Woche ist die Gesellschaft auf Leistung organisiert. Montag und Dienstag wird gearbeitet. Mittwoch geht man zum Sport. Donnerstag wird noch einmal länger gearbeitet. Freitag wird früher Schluss gemacht. Danach beginnt das eigentliche Leben: Garten, Familie, Freunde, Restaurant, Grillabend, Fußball, Kinder, Ausflug.

Samstag und Sonntag gehören der Freizeit.

Montag beginnt alles wieder von vorne.

Es ist ein gesellschaftlicher Rhythmus, der für Menschen mit einem stabilen privaten Umfeld hervorragend funktioniert. Die Arbeit liefert Struktur und Einkommen. Das Wochenende liefert Beziehung, Familie, Erholung und soziale Zugehörigkeit.

Der Unternehmer, der alleine lebt, erlebt dieses System aus einer anderen Perspektive.

Er sieht am Freitag, wie alle anderen abschalten.

Er sieht am Samstag die Familien im Garten.

Er sieht die Paare beim Einkaufen.

Er sieht die Freunde auf der Terrasse.

Er sieht die Kinder auf dem Spielplatz.

Und er arbeitet.

Nicht zwangsläufig, weil er besonders diszipliniert sein möchte. Das Unternehmen ist schlicht noch nicht an dem Punkt, an dem es sich selbst trägt. Vielleicht braucht es gerade diese Arbeit. Vielleicht ist das Einkommen noch nicht ausreichend. Vielleicht müssen Schulden zurückgeführt werden. Vielleicht soll Vermögen aufgebaut werden. Vielleicht ist das Ziel groß und der aktuelle Abstand dazu ebenfalls.

Vielleicht ändert sich das auch nie?

Dann sitzt man am Samstag am Schreibtisch und arbeitet.

Und gleichzeitig weiß man sehr genau, was draußen gerade passiert.

Das macht den Unterschied zwischen einem langen Arbeitstag und Einsamkeit aus.

Arbeit kann einen acht oder zehn Stunden beschäftigen. Sie kann den Kopf vollständig ausfüllen. Sie kann Fortschritt erzeugen. Sie kann Geld verdienen. Sie kann sogar Freude machen.

Aber sie beantwortet nicht die Frage, wer am Abend neben einem sitzt.

Und genau deshalb wirken manche Erfolgsweisheiten für Menschen in dieser Lebensphase merkwürdig weltfremd wie z.B: „Man muss selbst das tun, was man von anderen erwartet.

Als Führungsprinzip können bestimmte Sätze und Prinzipien sinnvoll sein. Als allgemeine Lebensprinzipien führt sowas schnell in eine Sackgasse. Ein Unternehmer kann nicht gleichzeitig Geschäftsführer, Vertriebler, Buchhalter, Koch, Reinigungskraft, Hausmeister, Kinderbetreuer und alleinige emotionale Versorgungsstation seines eigenen Lebens sein.

Unternehmen funktionieren über Arbeitsteilung. Menschen werden eingestellt, Spezialisten beauftragt, Verantwortung wird verteilt, Netzwerke werden aufgebaut. Kein vernünftiger Unternehmer versucht, sämtliche Funktionen eines Unternehmens persönlich auszuführen.

Im privaten Leben wird dagegen häufig so getan, als wäre vollständige Selbstversorgung ein Zeichen besonderer Stärke.

Dabei hat jeder Mensch begrenzte Zeit und begrenzte Energie.

Und gerade Unternehmer wissen das eigentlich besser als jeder andere.

Auch die Erfolgsgeschichte „Ich habe alles alleine geschafft“ klingt bei genauer Betrachtung anders und ist oft nicht wahr. Wer mit Unternehmern spricht, die bereits größere Unternehmen aufgebaut haben, kennt die Bedeutung von Kapital, Beziehungen, Familie, Kontakten, Mentoren und sozialem Umfeld.

Die Ausgangslagen sind unterschiedlich. Ein Mensch wächst in eine Welt hinein, in der Unternehmer, Ärzte, Anwälte, Investoren und Führungskräfte zum Alltag gehören. Ein anderer muss sich dieses gesamte Umfeld erst erschließen.

Der Unterschied ist erheblich.

Und dann kommt wieder Freitag.

14 Uhr.

Die anderen fahren nach Hause.

Die Kinder werden abgeholt. Die Familien gehen einkaufen. Die Grills werden vorbereitet. Die ersten Flaschen werden geöffnet. Menschen freuen sich auf zwei Tage miteinander.

Der Unternehmer sitzt am Schreibtisch.

Vielleicht ist er seit zwölf Stunden wach. Vielleicht seit fünfzehn. Vielleicht hat er die Woche bereits sechzig Stunden gearbeitet. Vielleicht hat er gerade einen Rückschlag verarbeitet. Vielleicht ist das Unternehmen finanziell noch nicht dort, wo es sein müsste. Vielleicht fehlen ihm seine Kinder.

Und trotzdem öffnet er die nächste E-Mail.

Das ist der Teil des Unternehmertums, der auf LinkedIn selten auftaucht.

Nicht die Freiheit.

Nicht der Sportwagen.

Nicht die Villa.

Sondern der Freitag Nachmittag, an dem man erkennt, dass für die anderen das Wochenende beginnt und für einen selbst einfach weitergearbeitet wird.

Und manchmal ist es genau das, was einen durch dieses Wochenende bringt.

Arbeit. Struktur. Das nächste Projekt. Der nächste Kunde. Die nächste Rechnung. Die nächste Entscheidung. Der Aufbau. Die eigene Zukunft. Gleichzeitig bleibt die Wohnung still.

Die Kinder sind beim anderen Elternteil. Die Freunde haben ihre Familien. Der Coach hat Feierabend. Der Mentor ist bei seinen Kindern. Der Geschäftspartner sitzt beim Abendessen mit seiner Frau.

Und man selbst ist wieder alleine. So sieht es manchmal aus.

Nicht als theoretisches Modell, sondern als konkrete Lebensrealität eines Menschen, der Verantwortung übernommen hat, Risiken eingegangen ist, vielleicht gescheitert ist, vielleicht Beziehungen verloren hat und trotzdem weiter versucht, sein Leben wirtschaftlich und persönlich wieder aufzubauen.

Daran ist vieles schwer.

Das Wochenende ist schwer. Die Stille ist schwer. Die fehlende Familie ist schwer.

Die Distanz zu den eigenen Kindern ist schwer.

Und gleichzeitig muss am Montag das Unternehmen weiterlaufen.

Deshalb wird am Samstag gearbeitet, wenn Arbeit gerade das ist, was funktioniert. Am Sonntag ebenfalls, wenn es notwendig ist. Oder es wird ausgeschlafen, Sport gemacht und nichts getan, wenn genau das an diesem Wochenende gebraucht wird.

Das Leben ist in dieser Phase nicht sauber aufgeteilt.

Arbeit und Privatleben liegen übereinander. Erfolg und Scheitern liegen übereinander. Vergangenheit und Zukunft liegen übereinander. Verantwortung und Einsamkeit liegen übereinander.

Und manchmal sitzt man am Freitag Abend alleine am Schreibtisch, hört draußen die Menschen lachen und weiß sehr genau, dass man sich dieses Leben anders vorgestellt hat.

Dann arbeitet man weiter.