„Du musst dir nur selbst helfen lernen!“ – Es klingt nach Empowerment, nach Freiheit und nach der ultimativen Unabhängigkeit. Doch im Kontext von Mentoring und Ausbildung ist der inflationäre Aufruf zum Selbstcoaching oft ein gefährliches Wolfsschaf.
Hinter der Fassade des „Hilfe zur Selbsthilfe“-Mantras verbirgt sich häufig eine Strategie, die nicht nur deine Fortschritte bremst, sondern gezielt die Wirksamkeit von echtem, professionellem Coaching diskreditiert. Warum tun Mentoren das? Und wo sind die harten Grenzen, an denen Selbstcoaching nicht nur versagt, sondern schädlich wird?
1. Der tote Winkel: Warum wir uns nicht selbst „operieren“ können
Die größte Grenze des Selbstcoachings ist eine biologische Tatsache: Unser Gehirn ist darauf programmiert, unser Weltbild zu schützen. Echtes Coaching lebt vom „externen Spiegel“. Ein professioneller Coach sieht deine blinden Flecken, deine unbewussten Glaubenssätze und die Widersprüche in deiner Erzählung. Beim Selbstcoaching bleibst du in deiner eigenen Echokammer. Du nutzt dieselben Denkmuster, um Probleme zu lösen, die durch genau diese Denkmuster erst entstanden sind.
Die Grenze ist klar: Selbstcoaching kann Ordnung in Gedanken bringen, aber es kann keine tiefsitzenden, unbewussten Blockaden lösen. Wer behauptet, man könne alles mit einem Journal und einer App klären, verschweigt die Notwendigkeit der interpersonellen Resonanz.
2. Die Strategie der Entwertung: Coaching als „unnötiger Luxus“
Wenn ein Mentor oder Ausbilder auffällig stark betont, dass Coaching eigentlich überflüssig sei und „ein bisschen Selbstreflexion“ reiche, steckt oft ein knallhartes geschäftliches Kalkül dahinter.
Die Absicht: Den Markt kontrollieren. Indem die Wirksamkeit von professionellem Coaching reduziert oder als „Krücke für Schwache“ dargestellt wird, versucht der Mentor, den Mentee in seinem eigenen Einflussbereich zu halten.
- Monopolstellung: Wenn du glaubst, dass externes Coaching nichts bringt, bleibt der Mentor deine einzige Quelle für Wahrheit.
- Vernichtung von Konkurrenzmodellen: Professionelle Coaches sind für dogmatische Mentoren eine Gefahr. Ein Coach würde dem Mentee nämlich beibringen, die Methoden des Mentors kritisch zu hinterfragen.
Indem das Coaching-Modell als „Hype“ oder „unwirksam“ vernichtet wird, sichert der Mentor sein eigenes, oft starreres Ausbildungsmodell ab.
3. Selbstcoaching als Ausrede für mangelnde Verantwortung
Oft wird die Aufforderung zum Selbstcoaching auch als Schild benutzt, wenn der Mentor selbst überfordert ist. Hat der Mentor keine Lust oder keine Kompetenz, auf deine individuellen psychologischen Hürden einzugehen? Dann schickt er dich zurück in das „Selbstcoaching“.
Das ist eine Form der Verantwortungsabwehr. Anstatt zuzugeben, dass er an seine Grenzen stößt (weil er vielleicht nie gelernt hat, wie man Menschen wirklich prozesshaft begleitet), macht er dein „mangelndes Selbstmanagement“ zum Problem. Das Ergebnis ist eine Schuldumkehr: Du scheiterst nicht am schlechten Mentoring, sondern an deinem „unbeholfenen Selbstcoaching“.
4. Die Gefahr der Überforderung
Selbstcoaching in Krisenzeiten oder bei tiefen Mustern ist wie der Versuch, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Es führt oft zu:
- Gedankenschleifen: Man dreht sich im Kreis und die Selbstkritik nimmt zu.
- Fehldiagnosen: Ohne professionelles Gegenüber deutet man seine Symptome falsch.
- Erschöpfung: Der Druck, sich auch noch selbst „heilen“ zu müssen, während man bereits am Limit ist, beschleunigt den Burnout.
Fazit: Coaching braucht Augenhöhe, kein Dogma
Ein Mentor, der dich wirklich fördern will, wird dich ermutigen, dir externe Expertise zu suchen. Er weiß, dass er nicht alle Rollen ausfüllen kann und muss.
Wenn du jedoch hörst, dass Coaching „nur Geldmacherei“ sei und du „alles in dir selbst findest“, sei wachsam. Oft geht es dabei nicht um deine Freiheit, sondern um die Gewinnmaximierung und den Machterhalt eines Systems, das keine kritischen Zweitmeinungen duldet.
Echte Entwicklung braucht den Mut zum Dialog – nicht die einsame Zelle des Selbstcoachings.
Was denkst du? Hast du schon erlebt, dass Mentoren externes Coaching schlechtgeredet haben, um dich enger an sich zu binden?