Die Arroganz der Langfristigkeit: Warum wir aufhören müssen, so zu tun, als könnten wir den „Sinn“ der Zukunft planen

Widersinnig“ – ein wunderbares, krampfhaftes Wort. Genauso wie „sinnlos“ oder die pauschale Aussage was sinvoll wäre und was nicht.

Es impliziert, dass es einen festen, unumstößlichen Pfad des Sinns gibt und alles, was davon abweicht, ein Fehler im System ist. Noch besser sind die allgegenwärtigen Business-Phrasen: „Wir müssen strategisch denken“, „Das ist langfristig nicht nachhaltig“ oder „Macht das auf lange Sicht überhaupt Sinn?“

Mal ganz ehrlich: Woher wollen wir das eigentlich wissen? Wir sind weder Gott – noch allwissend.

Die Unterstellung, wir könnten heute – am Schreibtisch, in Excel-Tabellen oder beim Brainstorming – festlegen, was in fünf, zehn oder zwanzig Jahren „Sinn macht“, ist kein strategisches Management. Es ist die pure Arroganz der Selbstüberschätzung. Viel klüger ist der offene Gedanke sich überraschen zu lassen, frei nach „Ich weiß, das ich nichts weiß.“

1. Die Illusion der Berechenbarkeit in einem komplexen System

Wir leben in Systemen, die so komplex und dynamisch sind, dass jede langfristige Kausalitätskette spätestens nach ein paar Monaten in sich zusammenbricht. Wer behauptet, eine Entscheidung sei „langfristig sinnvoll“, ignoriert die fundamentale Natur der Realität.

Was genau soll das denn bedeuten? Langfristig sinnvoll, kurzfristig sinnlos… Wir wissen doch gar nicht, welche Handlung oder Information wirklich nachhaltige Auswirkungen auf das Leben und die Zukunft hat.

  • Der Schmetterlingseffekt im Business: Eine minimale Veränderung am Markt, eine unvorhersehbare technologische Entwicklung oder eine geopolitische Verschiebung – und die mühsam konstruierte „Sinnhaftigkeit“ von heute ist der Sondermüll von morgen.
  • Die Arroganz der Prognose: Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, wissen die meisten Unternehmen nicht einmal verlässlich, was in sechs Monaten passiert. So zu tun, als könne man die Rentabilität oder den Sinn einer Methode über Dekaden vorausberechnen, ist reine Berater-Folklore zur Beruhigung nervöser Vorstände.

Genauso kann es andersherum sein. Das was wir heute glauben was „sinnvoll“ sein kann, kann sich morgen als Irrtum oder geniale Idee rausstellen.

2. Der „Sinn“ von heute ist der Irrtum von morgen

Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte reicht, um das Konstrukt der „langfristigen Nachhaltigkeit“ zu demontieren. Was zu einem bestimmten Zeitpunkt als der absolut logische, nachhaltige und zukunftsweisende Schritt galt, entpuppte sich oft als historischer Sackgasse.

  • Die Digitalisierung hat Geschäftsmodelle pulverisiert, die über Generationen als „bombensicher und sinnvoll“ galten.
  • Umgekehrt wurden Innovationen, die heute unser Leben bestimmen, anfangs als „völlig sinnloser Quatsch“ abgetan.

Sinn ist kein statischer Zustand, den man einmal baut und der dann die nächsten zwanzig Jahre hält. Sinn ist eine Momentaufnahme und auch hochindividuell. Er entsteht ausschließlich im Hier und Jetzt mit einer semantischen Bedeutung, im direkten Abgleich mit den aktuellen Variablen.

Wer sich starr an ein Konstrukt von „langfristigem Sinn“ klammert, verliert die Fähigkeit zur Evolution. Er wird blind für das, was jetzt notwendig ist.

3. Die psychologische Funktion: Planungs-Wahn als Schutzschild gegen die Angst

Warum klammern wir uns dann so vehement an diese krampfhaften Begriffe? Warum fordern wir in jedem Meeting „nachhaltige, langfristige Konzepte“?

Weil die Alternative verdammt ungemütlich ist.

Sich einzugestehen, dass wir die Zukunft nicht kontrollieren oder mit Bewertungen steuern, erzeugt Angst.

Der Fokus auf die „Langfristigkeit“ oder unsere eigene Gedanken fungiert als psychologischer Schutzmechanismus. Er suggeriert Kontrolle, wo keine ist. Es ist einfacher, sich hinter fünfjährigen Strategiepapieren zu verstecken, als die brutale Wahrheit zu akzeptieren: Wir müssen auf Sicht fahren.

Gleichzeitig verhindern solche Urteile neue Informationen. Wer fragt: „Warum planst Du das?“ oder „Wie genau meinst Du das?“ wird offen sein für neues Wissen und gerade davor haben viele Menschen in der Komfortzone so große Angst. Warum? Neue Informationen könnten neue Ergebnisse bringen und damit das eigene Leben verändern und den Horizont erweitern. Das kann gut oder erstmal schlecht sein, weil es im ersten Moment zunächst einmal verunsichert.

Das pragmatische Fazit

Hören wir auf, Gott zu spielen. Niemand weiß, was in der Zukunft Bestand hat. Die Fixierung auf einen vermeintlich „langfristigen Sinn“ lähmt Unternehmen und Individuen gleichermaßen.

Die Lösung ist nicht die perfekte Prognose, sondern echte Resilienz und kompromisslose Reaktionsgeschwindigkeit. Sinn ergibt nicht das, was theoretisch in zehn Jahren noch funktionieren könnte, sondern das, was heute ein reales Problem löst und uns gleichzeitig die Flexibilität gibt, morgen komplett umzusteuern. Alles andere ist Business-Astrologie.