Es ist ein wiederkehrendes Muster in menschlichen Beziehungen – sowohl im privaten Kontext als auch in geschäftlichen Partnerschaften: Eine Dynamik gerät in Schieflage, Spannungen bauen sich auf, und plötzlich versucht eine Seite, die andere aktiv abzustoßen.
Oft geschieht dies durch plötzliche Distanzierung, unbegründete Vorwürfe oder die bewusste Inszenierung von Konflikten.
Wer diesen Prozess initiiert, folgt meist einer inneren Logik, die sich für ihn im Moment des Handelns absolut schlüssig anfühlt.
Betrachtet man diese Dynamik jedoch aus einer systemischen und psychologischen Perspektive, entpuppt sich diese Argumentation fast immer als fundamentale Fehlannahme – als eine falsche Logik.
Warum versuchen Menschen, andere abzustoßen, und wo liegt der systematische Denkfehler? Ein analytischer Blick auf ein tiefenpsychologisches Phänomen.
1. Die Schein-Logik: „Wenn ich dich wegstoße, bin ich sicher“
Der Impuls, eine andere Person wegzustoßen, entspringt selten echter Stärke oder rationaler Erwägung. In den allermeisten Fällen handelt es sich um einen unbewussten Schutz- und Abwehrmechanismus. Die dahinterliegende, fehlerhafte Argumentationskette lautet meist:
„Die aktuelle Situation (oder die Nähe zu dieser Person) erzeugt in mir Stress, Angst oder das Gefühl von Kontrollverlust. Wenn ich diese Person eliminierte, verschwindet auch mein innerer Konflikt.“
Hier wird die Ursache mit dem Auslöser verwechselt. Die falsche Logik besagt, dass das Problem im Außen (bei der anderen Person) liegt. Die Realität ist jedoch meist spiegelverkehrt: Die andere Person triggert lediglich ein ungelöstes, inneres Thema – sei es die Angst vor Abhängigkeit, Minderwertigkeitsgefühle, unbewusste Schuldgefühle oder die Überforderung mit der eigenen aktuellen Lebenssituation.
Das Abstoßen des anderen ist der Versuch, den internen Druck durch eine externe Handlung im Eilverfahren zu entlasten.
2. Das Phänomen der Projektion: Den Anderen zum Problem erklären
Um das eigene Verhalten vor sich selbst (und dem Umfeld) zu rechtfertigen, setzt bei der abstoßenden Person ein psychologischer Mechanismus ein: die Projektion.
Eigene Defizite, Ängste oder das Gefühl des eigenen Scheiterns werden auf das Gegenüber übertragen. Plötzlich werden Eigenschaften des anderen, die jahrelang geschätzt oder toleriert wurden, als unerträglich, toxisch oder feindselig uminterpretiert.
- Der Denkfehler: Die abstoßende Person konstruiert eine selektive Realität. Sie sucht gezielt nach Beweisen, die ihre negative Haltung untermauern, um den Abbruch als „einzig logische Konsequenz“ darzustellen.
- Die Konsequenz: Es entsteht eine argumentative Sackgasse. Da die Logik auf verzerrten Wahrnehmungen aufbaut, ist sie für rationale Argumente von außen nicht mehr zugänglich.
3. Die systemische Falle: Das Problem reist mit
Im Business Design wie auch in der Systemik gilt ein Grundsatz: Man kann ein System nicht reparieren, indem man einfach blind ein Element entfernt, ohne die zugrundeliegende Dynamik zu verstehen.
Wenn jemand versucht, einen Partner, Mentor, Freund oder Mitarbeiter abzustoßen, um einem inneren Konflikt zu entkommen, erlebt er meist eine temporäre Erleichterung. Der Druck lässt scheinbar nach. Doch diese Erleichterung ist eine Illusion.
Da das eigentliche Problem – die eigene Verlustangst, der Umgang mit Krisen, mangelnde Abgrenzungsfähigkeit oder strukturelle Überforderung – nicht gelöst, sondern nur verdrängt wurde, nimmt die Person das Verhaltensmuster mit in die nächste Beziehung oder das nächste Projekt. Die Geschichte wiederholt sich, lediglich mit neuen Akteuren.
4. Wie man mit dieser Dynamik professionell umgeht
Sollten Sie in Ihrem Umfeld – sei es im Team, bei Kunden oder im privaten Netzwerk – damit konfrontiert sein, dass jemand versucht, Sie oder andere unbegründet abzustoßen, hilft ein analytischer und distanzierter Umgang:
- Nicht emotional investieren: Verstehen Sie, dass das Verhalten des Gegenübers in erster Linie ein Monolog über dessen eigenen Zustand ist. Es hat selten mit Ihrer tatsächlichen Leistung oder Ihrem Wert zu tun.
- Keine Rechtfertigungsschleifen: Da die Logik des Gegenübers fehlerhaft und emotional gesteuert ist, laufen rationale Erklärungsversuche ins Leere. Sie stabilisieren oft nur das feindselige Narrativ des anderen.
- Klarheit und Distanz wahren: Setzen Sie professionelle Grenzen. Wenn eine Bindung oder Kooperation auf Basis falscher Logik einseitig aufgekündigt wird, ist der sauberste Weg oft die akzeptierende, aber konsequente Distanzierung.
Fazit
Das unbegründete Abstoßen von Menschen ist der verzweifelte Versuch des Nervensystems, Autonomie und Sicherheit vorzutäuschen, wo eigentlich Orientierungslosigkeit herrscht.
Wahre unternehmerische und persönliche Souveränität zeigt sich nicht im reflexartigen Beenden von Verbindungen, sondern in der Fähigkeit, hinzusehen, welche eigenen Themen durch das Gegenüber berührt werden. Nur wer diese Dynamik durchschaut, bricht den Kreislauf der ständigen Wiederholung auf.