Patchwork nur auf Staatsebene:

Leben in der Flickschusterei

Es ist ein eigenartiges Gefühl, in einem Land zu leben, in dem vieles noch funktioniert – und gleichzeitig immer mehr den Eindruck macht, als würde es nur noch notdürftig zusammengehalten.

Hier eine neue Regelung. Dort eine Förderung. Eine Übergangslösung, eine Reparatur, eine Ausnahme. Das Problem wird nicht grundsätzlich gelöst, sondern zunächst so weit entschärft, dass es nicht mehr ganz so laut ist.

Flickschusterei als politisches Prinzip.

Besonders deutlich wird das beim Thema Energie und Klima.

Wir wissen seit Jahrzehnten, wie abhängig unsere Wirtschaft von Energie ist. Wir haben Ölkrisen erlebt und gleichzeitig gesehen, dass Krisen nicht für alle Verlierer bedeuten: Große Ölkonzerne konnten in den „Krisenmonaten“ enorme Gewinne erzielen, während Verbraucher mit steigenden Kosten konfrontiert waren.

Heute wissen wir zusätzlich, dass sich unser Klima verändert. Hitze wird zu einer Infrastrukturfrage. Gebäude, Städte, Verkehr und Arbeitsplätze müssen sich darauf einstellen.

Und dann sieht man Beispiele, die fast wie eine Satire wirken.

In Dortmund wurden neue Stadtbahnen angeschafft – bewusst ohne Klimaanlage. Diese Ausstattung hätte nach Angaben von DSW21 rund 70 Millionen Euro zusätzlich gekostet. Stattdessen wurde das Geld unter anderem in zusätzliche Fahrzeuge investiert.

Natürlich kann man das wirtschaftlich begründen. Natürlich kostet Klimatisierung Energie. Natürlich muss ein Verkehrsunternehmen mit seinem Budget umgehen.

Aber genau hier beginnt die eigentlich interessante Frage:

Was passiert, wenn wir bei einer Investition, die jahrzehntelang eingesetzt werden soll, heute sparen – und dabei eine Entwicklung ignorieren, die wir längst kennen?

Die neuen Dortmunder Bahnen sind technisch durchaus modern. Sie verfügen unter anderem über eine verbesserte Dämmung, wodurch sie sich im Sommer weniger schnell aufheizen sollen.

Aber reicht das?

Wenn Hitzeperioden weiter zunehmen, müssen wir irgendwann aufhören, Klimaanpassung als Komfortfrage zu behandeln.

Denn vielleicht ist genau das die deutsche Flickschusterei: Wir bauen etwas für die Zukunft und sparen gleichzeitig an genau dem Teil, von dem wir wissen, dass sich die Rahmenbedingungen verändern.

Das Problem ist nicht, dass 70 Millionen Euro eingespart werden.

Das Problem ist die Frage, ob wir gerade am richtigen Ende sparen.

Denn ein Gebäude wird nicht für eine Legislaturperiode gebaut.

Ein Stromnetz nicht für vier Jahre.

Und eine Stadtbahn fährt nicht nur durch das Wetter von heute.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, was eine Reparatur kostet.

Und wieder häufiger darüber sprechen, was es kostet, eine bekannte Entwicklung jahrelang zu unterschätzen.

Denn irgendwann ist Flickschusterei nicht mehr billig.

Sie wird nur noch teuer – weil man dann nicht mehr repariert, sondern nachrüsten muss.