Wenn Chefs nichts spüren

Es gibt Führungskräfte, die sehr viel sehen und wahrnehmen: Umsatzzahlen. Kennzahlen. Projektpläne. Budgets. Auslastung. Krankheitstage. Fluktuation. Und trotzdem bekommen sie erstaunlich wenig mit.

Sie merken nicht, wenn ein Mitarbeiter innerlich längst gekündigt hat. Sie hören zwar, was in einem Meeting gesagt wird, aber nicht, was bewusst nicht gesagt wird. Sie sehen sinkende Leistung, interpretieren sie als mangelnde Motivation und fragen sich anschließend, warum das Team immer weniger Eigeninitiative zeigt.

Dabei fehlt häufig keine Motivation, es fehlt Wahrnehmung und Integration.

Emotionale Intelligenz hilft im Berufsleben

Empathie wird im Management gerne mit Freundlichkeit verwechselt. Darum geht es aber nicht.

Verständnisvoll zu sein bedeutet nicht, mit jedem Mitarbeiter einer Meinung zu sein oder allen zu gefallen. Es bedeutet auch nicht, jede Entscheidung emotional abzufedern. Empathie bedeutet zunächst, wahrzunehmen, was bei anderen Menschen passiert.

Ein guter Vorgesetzter bemerkt beispielsweise, wenn jemand ungewöhnlich still ist. Er erkennt Spannungen im Team, bevor sie im Konfliktgespräch landen. Er merkt, wenn ein Mitarbeiter zwar „Ja“ sagt, aber eigentlich längst ausgestiegen ist.

Dafür braucht es keine besondere Menschenkenntnis.

Man muss lediglich anwesend sein.

Genau das scheint in manchen Organisationen erstaunlich schwer zu sein.

Wenn Kennzahlen wichtiger werden als Menschen

Je größer der Druck auf eine Führungskraft wird, desto stärker kann sich der Blick verengen.

Das nächste Quartal muss stimmen. Das Projekt darf nicht gefährdet werden. Der Kunde darf nichts merken. Die Kosten müssen runter. Also wird gesteuert. Mehr Meetings. Mehr Kontrolle. Mehr Reporting. Mehr Vorgaben. Und währenddessen wird übersehen, dass das eigentliche Problem längst woanders liegt.

Menschen lassen sich nicht wie Prozesse steuern. Man kann Verhalten anordnen. Man kann Anwesenheit kontrollieren. Man kann Ziele definieren. Aber man kann keine Motivation verordnen.

Und man kann auch kein Vertrauen in eine Organisation hineinreporten.

Der Satz „Das ist doch nicht persönlich“ ist manchmal genau das Problem

Eine der interessantesten Aussagen in solchen Situationen lautet:

„Das ist doch nichts Persönliches.“

Für die Führungskraft mag das stimmen.

Für den Betroffenen häufig nicht.

Eine Versetzung ist persönlich.

Eine öffentliche Kritik ist persönlich.

Eine Kündigung ist persönlich.

Ein dauerhaft ignorierter Hinweis ist persönlich.

Natürlich müssen Unternehmen Entscheidungen treffen. Führung bedeutet auch, unangenehme Entscheidungen zu treffen.

Aber Professionalität bedeutet nicht, menschliche Auswirkungen zu ignorieren.

Im Gegenteil.

Je größer die Verantwortung einer Führungskraft ist, desto wichtiger wird die Fähigkeit, die Wirkung des eigenen Handelns zu verstehen.

Manche Chefs hören nur noch auf ihre eigene Wahrnehmung

Das ist vielleicht die gefährlichste Form.

Die Führungskraft hat sich ein Bild von einem Mitarbeiter gemacht.

  • „Der ist schwierig.“
  • „Die ist nicht belastbar.“
  • „Der will nicht.“
  • „Die passt nicht ins Team.“

Von diesem Moment an werden neue Informationen häufig nur noch so interpretiert, dass sie das bestehende Bild bestätigen.

Der Mitarbeiter erklärt sich – und rechtfertigt sich angeblich.

  • Er schweigt – und zeigt angeblich Desinteresse.
  • Er widerspricht – und ist angeblich illoyal.
  • Er kündigt – und bestätigt damit angeblich, dass er ohnehin nicht ins Unternehmen gepasst hat.

Das Problem ist nicht fehlende Information.

Das Problem ist fehlende Bereitschaft, die eigene Interpretation zu hinterfragen.

Führung beginnt mit Wahrnehmung

Vielleicht wird über Führung zu viel gesprochen und zu wenig beobachtet.

Eine Führungskraft muss nicht alles wissen. Sie muss auch nicht jedes Problem lösen können. Aber sie sollte mitbekommen, was in ihrem Verantwortungsbereich passiert. Denn bevor man ein Team entwickelt, muss man es wahrnehmen. Bevor man Konflikte löst, muss man erkennen, dass überhaupt einer entsteht.

Und bevor man Menschen beurteilt, sollte man sich fragen, ob man sie tatsächlich verstanden hat.

Empathie ist deshalb kein weiches Extra für besonders soziale Führungskräfte.

Sie ist eine Form von Wahrnehmung.

Und wer Menschen führt, ohne wahrzunehmen, was mit ihnen passiert, führt am Ende vielleicht nur noch Zahlen, Prozesse und Organigramme.

Die Menschen darin sind dann zwar noch vorhanden.

Aber sie werden nicht mehr gesehen.