Wenn Führung Empathie vermissen lässt: Wie selbstsichere Entscheider Vertrauen und Organisationen beschädigen

Es gibt Führungspersönlichkeiten, die durch ihre Selbstsicherheit, ihre klare Sprache und ihr entschiedenes Auftreten beeindrucken. Sie vermitteln Orientierung, beanspruchen Deutungshoheit und erwecken den Eindruck, auch schwierige Situationen souverän kontrollieren zu können.

Doch hinter dieser Fassade kann sich ein Führungsverständnis verbergen, das erhebliche Schäden verursacht: Entscheidungen werden getroffen, ohne die Lebensrealität der Betroffenen ausreichend zu berücksichtigen, Kritik wird als Widerstand interpretiert und die eigene Überzeugung mit tatsächlicher Kompetenz verwechselt.

Ein solcher Führungsstil ist nicht nur in Unternehmen problematisch. Er wirft auch grundsätzliche Fragen über politische Führung auf.

Die öffentliche Wahrnehmung von Friedrich Merz kann zum Anlass genommen werden, diese Dynamiken zu untersuchen, ohne damit eine klinische oder psychologische Diagnose über ihn als Person oder andere zu behaupten.

Selbstsicherheit ist nicht gleich Kompetenz

In der Sozialpsychologie ist seit Langem bekannt, dass Menschen ihre Fähigkeiten und ihr Wissen nicht immer realistisch einschätzen. Der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt beschreibt bestimmte Zusammenhänge zwischen geringer Kompetenz in einem Bereich und der Schwierigkeit, die eigene Leistungsfähigkeit angemessen zu beurteilen. Er wird allerdings in der öffentlichen Diskussion häufig überinterpretiert und ist keine pauschale Erklärung für selbstbewusst auftretende Führungskräfte.

Für die Bewertung von Führung ist eine andere Unterscheidung besonders relevant: Selbstsicheres Auftreten, rhetorische Gewandtheit und tatsächliche Problemlösungskompetenz sind unterschiedliche Eigenschaften.

Wer überzeugend kommuniziert, kann dadurch kompetent wirken, selbst wenn die fachlichen Grundlagen einer Entscheidung unzureichend sind. In Organisationen wird dieser Eindruck zusätzlich durch Hierarchien verstärkt. Je höher die Position einer Person, desto eher können ihre Aussagen als maßgeblich wahrgenommen werden, selbst wenn fachkundige Mitarbeiter begründete Zweifel äußern.

Das Problem entsteht, wenn Selbstsicherheit die Bereitschaft ersetzt, die eigene Einschätzung zu überprüfen. Führung verlangt nicht, auf jede Frage sofort eine Antwort zu haben. Sie verlangt, zwischen gesichertem Wissen, begründeten Annahmen und bloßen Vermutungen unterscheiden zu können.

Wer diese Unterscheidung nicht vornimmt, riskiert Fehlentscheidungen – und erschwert zugleich deren rechtzeitige Korrektur.

Empathie als Voraussetzung guter Entscheidungen

Empathie wird häufig auf Freundlichkeit, Mitgefühl oder emotionale Nähe reduziert. Für Führung ist jedoch vor allem die Fähigkeit entscheidend, die Perspektive anderer Menschen einzunehmen und die möglichen Folgen des eigenen Handelns realistisch einzuschätzen.

In der psychologischen Forschung wird dabei unter anderem zwischen kognitiver Empathie, also dem Verstehen fremder Perspektiven, und emotionaler Empathie, also dem emotionalen Mitvollziehen fremder Zustände, unterschieden.

Eine Führungskraft muss nicht jede persönliche Erfahrung ihrer Mitarbeiter teilen. Sie muss aber verstehen wollen, unter welchen Bedingungen diese arbeiten, welche Belastungen sie bewältigen und welche Konsequenzen Entscheidungen für sie haben.

Das gilt ebenso für politische Verantwortung. Eine Reform lässt sich nicht allein anhand ihrer theoretischen Zielsetzung beurteilen. Entscheidend ist auch, wie sie sich auf Menschen mit unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten, beruflichen Voraussetzungen und sozialen Verpflichtungen auswirkt.

Fehlt diese Perspektivübernahme, entsteht eine gefährliche Verkürzung: Menschen werden zu abstrakten Größen in einem Modell. Beschäftigte erscheinen als Kostenstellen, Bürger als Zielgruppen und gesellschaftliche Probleme als Zahlen in einer Präsentation. Was auf dem Papier logisch erscheint, kann in der praktischen Umsetzung erhebliche Schäden verursachen.

Empathie bedeutet dabei nicht, jede Forderung zu erfüllen oder schwierige Entscheidungen zu vermeiden. Eine empathische Führungskraft kann unpopuläre Entscheidungen treffen. Der Unterschied liegt darin, ob sie die Folgen ernst nimmt, Alternativen prüft, nachvollziehbar begründet und bereit ist, ihre Vorgehensweise anhand neuer Erkenntnisse anzupassen.

Was passiert, wenn Widerspruch unerwünscht ist?

Organisationen sind auf Rückmeldungen angewiesen. Mitarbeiter kennen häufig operative Probleme, die auf höheren Führungsebenen nicht sichtbar sind. Sie wissen, wo Prozesse scheitern, welche technischen Abhängigkeiten unterschätzt werden und welche Folgen Entscheidungen im Alltag haben. Dieses Wissen kann jedoch nur dann wirksam werden, wenn es auch nach oben kommuniziert werden darf.

Die Forschung zu psychologischer Sicherheit, insbesondere die Arbeiten von Amy Edmondson, zeigt, wie wichtig ein Umfeld ist, in dem Menschen Fragen stellen, Fehler ansprechen und begründeten Widerspruch äußern können, ohne soziale Bestrafung befürchten zu müssen.

Psychologische Sicherheit bedeutet nicht Anspruchslosigkeit. Sie schafft vielmehr die Voraussetzung dafür, Probleme frühzeitig zu erkennen und gemeinsam zu bearbeiten.

Ein autoritärer oder stark selbstbezogener Führungsstil kann diese Rückkopplung beeinträchtigen. Wenn Kritik regelmäßig abgewertet wird, lernen Mitarbeiter, ihre Bedenken zurückzuhalten. Wenn schlechte Nachrichten unerwünscht sind, werden sie später oder beschönigt weitergegeben. Wenn Führungskräfte vor allem Zustimmung belohnen, erhalten sie zunehmend Informationen, die ihre eigenen Überzeugungen bestätigen.

So entsteht ein paradoxer Effekt: Je stärker eine Führungskraft davon überzeugt ist, alles unter Kontrolle zu haben, desto weniger verlässliche Informationen erhält sie möglicherweise über die tatsächliche Situation. Die Organisation verliert ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur. Fehler werden nicht mehr als Lerngelegenheiten genutzt, sondern als Bedrohung für das Ansehen der Verantwortlichen behandelt.

Die unsichtbaren Kosten schlechter Führung

Schlechte Führung zeigt sich nicht immer unmittelbar in einem einzelnen Ereignis. Ihre Folgen entwickeln sich häufig schleichend. Mitarbeiter verlieren Vertrauen, engagieren sich weniger und beschränken ihre Verantwortung auf das unbedingt Notwendige.

Kompetente Beschäftigte verlassen die Organisation, während andere lernen, sich vor allem an den Erwartungen ihrer Vorgesetzten zu orientieren. Entscheidungen werden formal umgesetzt, aber innerlich nicht mehr getragen.

Die Organisationspsychologie untersucht solche Zusammenhänge unter anderem im Kontext von Führungsverhalten, organisationalem Vertrauen, Arbeitszufriedenheit und Kündigungsabsichten.

Die Ergebnisse sind nicht auf eine einzige Ursache reduzierbar: Arbeitsbedingungen, Vergütung, persönliche Lebenssituationen und Unternehmenskultur spielen ebenfalls eine Rolle. Dennoch ist die Qualität der Führung ein wesentlicher Einflussfaktor.

Besonders problematisch ist die Verbindung aus geringer Empfänglichkeit für Kritik und hoher Entscheidungsmacht. Eine Führungskraft kann Fehler machen und trotzdem eine lernfähige Organisation führen, wenn sie Kritik zulässt und Korrekturen ermöglicht.

Gefährlich wird es, wenn Fehlentscheidungen zusätzlich verteidigt, Verantwortung abgeschoben und negative Folgen anderen zugerechnet werden.

Dann entsteht ein System, in dem Menschen zwar für die Umsetzung verantwortlich gemacht werden, aber kaum Einfluss auf die Entscheidungen haben, die ihre Arbeit bestimmen. Verantwortung und Handlungsspielraum fallen auseinander. Das beschädigt nicht nur die Motivation, sondern auch die Qualität der Ergebnisse.

Warum diese Dynamik in der Politik besonders relevant ist

Politische Führung unterscheidet sich von Unternehmensführung, weil Entscheidungen eine heterogene Gesellschaft betreffen und demokratischer Kontrolle unterliegen. Dennoch sind einige psychologische Mechanismen vergleichbar.

Auch politische Entscheidungsträger benötigen belastbare Informationen, fachliche Beratung, die Fähigkeit zur Perspektivübernahme und funktionierende Rückmeldesysteme.

Die öffentliche Kommunikation politischer Führungskräfte ist dabei häufig von Zuspitzung, strategischer Botschaft und dem Anspruch auf Entschlossenheit geprägt. Das ist nicht grundsätzlich problematisch. Politische Führung muss Positionen vertreten und Entscheidungen begründen.

Kritisch wird es, wenn die Inszenierung von Stärke wichtiger wird als die Bereitschaft, Zielkonflikte offenzulegen, Unsicherheit anzuerkennen oder unbequeme Erkenntnisse zu berücksichtigen.

Friedrich Merz kann in diesem Zusammenhang als Ausgangspunkt für eine Diskussion über politische Kommunikation und Führung dienen. Die Frage ist dabei nicht, ob ihm aus der Ferne eine bestimmte Persönlichkeitseigenschaft zugeschrieben werden kann. Dafür wäre eine fundierte psychologische Untersuchung erforderlich.

Entscheidend ist vielmehr, welches Führungsverhalten öffentlich sichtbar wird, wie Entscheidungen begründet werden, wie mit Kritik umgegangen wird und ob die Auswirkungen politischer Maßnahmen nachvollziehbar berücksichtigt werden.

Wer politische Führung beurteilt, sollte deshalb weder rhetorische Stärke automatisch mit Kompetenz gleichsetzen noch aus persönlicher Ablehnung auf fehlende Fähigkeiten schließen. Sinnvoller ist es, konkrete Aussagen, Entscheidungen, deren Begründungen und ihre tatsächlichen Folgen zu prüfen.

Gerade eine kritische Auseinandersetzung muss denselben Maßstab erfüllen, den sie von den Verantwortlichen verlangt: nachvollziehbare Argumente statt bloßer Zuschreibungen.

Gute Führung beginnt mit der Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen

In einer komplexen Welt kann niemand sämtliche relevanten Informationen besitzen. Technologische Entwicklungen, wirtschaftliche Abhängigkeiten und gesellschaftliche Veränderungen erzeugen Situationen, in denen Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen.

Die entscheidende Kompetenz besteht deshalb nicht darin, immer recht zu haben. Sie besteht darin, Irrtümer frühzeitig zu erkennen und korrigieren zu können.

Wissenschaftlich betrachtet entspricht dies einem lernorientierten Umgang mit Fehlern und Rückmeldungen. Für Unternehmen bedeutet es, Fachwissen ernst zu nehmen, operative Erfahrungen einzubeziehen und Entscheidungen regelmäßig auf ihre tatsächliche Wirkung zu überprüfen.

Für politische Institutionen bedeutet es, Kritik nicht nur auszuhalten, sondern sie als Bestandteil demokratischer Kontrolle zu begreifen.

Empathie ergänzt diese Lernfähigkeit um eine menschliche Dimension. Sie erinnert Führungskräfte daran, dass Entscheidungen nicht in abstrakten Modellen enden. Sie verändern den Alltag konkreter Menschen. Wer diese Folgen nicht verstehen will, kann kurzfristig entschlossen wirken und langfristig Vertrauen verlieren.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet deshalb: Eine Führungskraft muss nicht allwissend sein, um gute Entscheidungen zu treffen. Sie muss allerdings erkennen können, wo ihr Wissen endet, welche Perspektiven ihr fehlen und wann andere Menschen etwas sehen, das sie selbst übersehen hat.

Führung zeigt sich nicht darin, wie überzeugend jemand erklärt, dass er recht hat. Sie zeigt sich darin, ob eine Organisation oder Gesellschaft durch seine Entscheidungen tatsächlich besser handlungsfähig wird.


Quellen und weiterführende Literatur

Edmondson, Amy (1999): Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. Grundlegende empirische Untersuchung zum Zusammenhang zwischen psychologischer Sicherheit und organisationalem Lernen. https://doi.org/10.2307/2666999

Davis, Mark H. (1983): Measuring Individual Differences in Empathy: Evidence for a Multidimensional Approach.Journal of Personality and Social Psychology, 44(1), 113–126. Entwicklung eines multidimensionalen Verständnisses von Empathie. https://doi.org/10.1037/0022-3514.44.1.113

Kahneman, Daniel (2011): Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux. Darstellung psychologischer Mechanismen bei Urteilsbildung, Intuition und kognitiven Verzerrungen. https://us.macmillan.com/books/9780374533557/thinkingfastandslow/

Kluger, Avraham N.; DeNisi, Angelo (1996): The Effects of Feedback Interventions on Performance: A Historical Review, a Meta-Analysis, and a Preliminary Feedback Intervention Theory. Psychological Bulletin, 119(2), 254–284. Metaanalyse zu den differenzierten Auswirkungen von Rückmeldungen auf die Leistung. https://doi.org/10.1037/0033-2909.119.2.254

Edmondson, Amy C. (2018): The Fearless Organization: Creating Psychological Safety in the Workplace for Learning, Innovation, and Growth. Wiley. Praxisorientierte Vertiefung zu psychologischer Sicherheit, Fehlerkultur und organisationalem Lernen. https://www.wiley.com/en-us/The+Fearless+Organization%3A+Creating+Psychological+Safety+in+the+Workplace+for+Learning%2C+Innovation%2C+and+Growth-p-9781119477242

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