„Nur 25 € pro Monat mehr“? Warum diese Rechnung falsch ist

Es ist eine beliebte rhetorische Figur in der Politik und bei manchen „Experten“: Eine Preiserhöhung beim Benzin wird kleingerechnet. „Das sind doch nur 25 Euro mehr im Monat – so viel wie ein Pizza-Abend oder 3 Döner“, heißt es dann oft gönnerhaft oder auch scherzhaft.

Doch wer so rechnet, hat entweder die Grundregeln der Mathematik ignoriert oder verweigert den Blick auf die systemische Belastung unserer Wirtschaft.

Die Tabelle der Wahrheit: Kleinvieh macht Mist

Schauen wir uns die beigefügte Kalkulation für Privatpersonen an. Sie entlarvt die „Nur-ein-paar-Euro“-Mentalität als gefährliche Illusion.

  • Der schleichende Ruin: Wer 120 Liter im Monat tankt (2 Tankfüllungen), zahlt bei einem Preissprung von 1,60 € auf 2,50 € zwar „nur“ 108 € mehr im Monat. Doch die wahre Zahl steht in der Jahresspalte: 1.296 € Mehrkosten pro Jahr. Das ist praktisch der Jahresurlaub.

  • Kaufkraftverlust: Diese 1.300 Euro fehlen eins zu eins im lokalen Handel, in der Gastronomie, in der Urlaubskasse, bei der Autoreparatur, dem Neuwagenkauf oder bei der Altersvorsorge. Für einen Pendler mit 240 Litern Bedarf sprechen wir bereits von über 4.000 € Netto-Verlust jährlich.
  • Das ist kein „Pizza-Abend“, das ist ein gebrauchter Kleinwagen oder die komplette Heizkostenrechnung.

Der Domino-Effekt in Handel und Logistik

Was privat schon schmerzt, führt in Wirtschaftsunternehmen zu einem toxischen Kreislauf. Unternehmen in Baunatal, Stuttgart, München oder Wolfsburg kalkulieren nicht mit einer Tankfüllung, sondern mit Flotten, die Millionen Kilometer im Jahr zurücklegen.

  1. Logistik als Preistreiber: Speditionen können diese Sprünge nicht abfedern. Ein Anstieg um 90 Cent pro Liter bedeutet für einen LKW-Fuhrpark Mehrkosten in Millionenhöhe. Diese werden über „Dieselzuschläge“ direkt an den Handel weitergereicht.
  2. Inflation an der Kasse: Wenn der Transport teurer wird, steigt der Preis für den Joghurt, den Stahlträger und das Ersatzteil. Der Bürger zahlt also doppelt: Einmal an der Zapfsäule und einmal im Supermarkt.
  3. Wettbewerbsnachteil: Während wir uns in Deutschland in Debatten über die „Zumutbarkeit“ von 30-Stunden-Wochen verlieren, kämpfen unsere Logistikunternehmen mit den höchsten Energiekosten weltweit. Das zerstört die Margen und stoppt Investitionen in Robotik und KI.

Fazit: Professionalität statt Schönrechnerei

Das Schönrechnen von Belastungen ist ein Symptom für die eingangs beschriebene Irrtum unserer Zeit.

Wer glaubt, dass 25 € oder 100 € mehr keine Rolle spielen, hat den Kontakt zur Basis der Wertschöpfungskette verloren.

Das Logistik-Dilemma: Wenn Cent-Beträge Existenzen bedrohen

In der Theorie klingen 25 oder 50 Cent mehr pro Liter nach einer überschaubaren Anpassung. Für ein Logistikunternehmen in Baunatal oder einem Knotenpunkt wie Kassel, das eine Flotte von beispielsweise 50 schweren Lkw (40-Tonner) betreibt, sieht die Kalkulation jedoch verheerend aus:

  • Der Mengen-Hebel: Ein moderner Fernverkehrs-Lkw verbraucht im Schnitt 30 Liter auf 100 Kilometer und legt jährlich ca. 100.000 Kilometer zurück. Das entspricht 30.000 Litern Diesel pro Fahrzeug.
  • Die Kostenexplosion: Steigt der Preis nur um 50 Cent pro Liter, bedeutet das 15.000 € Mehrkosten pro Lkw im Jahr. Bei einer Flotte von 50 Fahrzeugen summiert sich das auf 750.000 € zusätzliche Fixkosten.
  • Margen-Erosion: Da die Logistikbranche oft mit extrem knappen Margen von 2 % bis 5 % arbeitet, verbrennt dieser Preissprung den kompletten Jahresgewinn.

Systemischer Druck und die „Diesel-Floater“

Viele Unternehmen versuchen, dies über sogenannte Diesel-Floater (Preisanpassungsklauseln) an den Handel weiterzugeben. Doch das hat Folgen:

  1. Verzögerte Erstattung: Oft greifen diese Klauseln erst mit Zeitverzug. Die Spedition muss sechsstellige Beträge vorstrecken – ein massives Liquiditätsrisiko.
  2. Preistreiber für den Endkunden: Wenn der Transport teurer wird, steigt der Preis für jedes Produkt im Regal. Wir zahlen die Benzinpreiserhöhung also doppelt: an der Zapfsäule und beim Wocheneinkauf.
  3. Investitionsstau: Das Geld, das in den Tank fließt, fehlt für die dringend notwendige Transformation in Robotik für die Lagerlogistik oder die Digitalisierung der Lieferketten.

Fazit: Wer behauptet, solche Preissprünge seien „marginal“, ignoriert die physikalischen und ökonomischen Gesetze der Logistik. Es ist Zeit für eine ehrliche Debatte über die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts.

In meinem Coaching und Trainings lehre ich: Wahre Souveränität beginnt bei der Ehrlichkeit gegenüber den Zahlen, Mitarbeitern und Bürgern. Wir können die Inflation nicht weglächeln.

Wir müssen die Effizienz steigern, die Prozesse radikal entschlacken und aufhören, uns mit „schicken Hemden“ und eloquenter Sprache über die harte Realität an der Zapfsäule hinwegzutäuschen.

Sind Sie bereit, die echten Zahlen Ihres Unternehmens zu analysieren und gegenzusteuern?

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