Es ist ein weit verbreiteter Irrtum in den Personalabteilungen: „Wer die Fachbegriffe kennt, beherrscht sein Handwerk.“ In der Realität identifiziert die Abfrage von Fachwissen oft nur zwei Gruppen von Menschen, die nicht zwangsläufig die besten Mitarbeiter sind: Auswendiglerner und Player.
1. Der Unterschied zwischen Wissen und Können
Wissen ist passiv. Man kann jedes Buch über Statik gelesen haben, ohne jemals eine Brücke bauen zu können, die einem Sturm standhält.
- Wissen (Knowledge): Das Speichern von Daten, Fakten und Definitionen. Es ist statisch.
- Können (Skill/Mastery): Die Fähigkeit, dieses Wissen in unvorhersehbaren Situationen anzuwenden. Es ist dynamisch.
Ein „Könner“ zeichnet sich dadurch aus, dass er das „Warum“ versteht, während der Wissensabfrager nur das „Was“kennt. Wer nur Fachwissen reproduziert, bricht zusammen, sobald ein Problem auftaucht, das so nicht im Lehrbuch steht.
2. Die „Player“: Rhetorik statt Substanz
In Vorstellungsgesprächen gibt es eine Spezies, die das System perfekt bespielt: die Player. Sie wissen genau, welche Schlagworte (Buzzwords) gerade Konjunktur haben.
- Sie nutzen Fachwissen als Status-Signal. Durch das Jonglieren mit komplizierten Begriffen schüchtern sie die Gegenseite ein oder suggerieren eine Kompetenz, die in der Tiefe gar nicht existiert.
- Personaler fallen oft auf diese „Blender“ herein, weil deren Antworten exakt mit dem Anforderungsprofil übereinstimmen. Doch ein Player verwaltet nur Fassaden; ein Könner hingegen löst Probleme.
3. Das „Schul-Phänomen“: Belohnung für Gehorsam
Wie bereits erwähnt, ist das Auswendiglernen von Fachwissen oft ein Aspekt, der Frauen aufgrund ihrer tendenziell höheren schulischen Anpassung und Gewissenhaftigkeit entgegenkommt.
- In der Schule bedeutet Erfolg: Lerne, was im Buch steht, und gib es exakt so wieder. * Das ist eine Form von intellektuellem Gehorsam.
- Männer neigen oft dazu, diesen Gehorsam zu verweigern, wenn sie den Sinn nicht sehen. Sie wirken dann im Gespräch „weniger vorbereitet“, weil sie sich weigern, Definitionen auswendig zu lernen, die man in drei Sekunden googeln könnte.
4. Das Paradoxon: Fachwissen blockiert Innovation
Wer zu sehr in seinem gelernten Fachwissen gefangen ist, leidet oft unter der sogenannten „Expertisen-Blindheit“. Er sieht nur noch die Wege, die er gelernt hat. Echte Könner hingegen besitzen oft eine gesunde Distanz zum rein theoretischen Wissen. Sie sind bereit, Regeln zu brechen, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Ein reiner Auswendiglerner wird niemals eine Innovation hervorbringen, da er sich nur innerhalb der Grenzen des bereits Bekannten bewegt.
Das Fazit für die Praxis: Wer Menschen nach ihrem Fachwissen aussiebt, stellt „Bibliotheken“ ein. Wer Menschen nach ihrem Problemlösungsansatz und ihrer Intuition sucht, stellt „Architekten“ ein.
Unternehmen, die weiterhin das „Schulmodell“ (Wissen = Sicherheit) anwenden, werden langfristig von denen überholt, die verstehen, dass ein Mann, der eine unkonventionelle Lösung findet, wertvoller ist als eine Person, die das gesamte Handbuch rezitieren kann, aber vor dem ersten echten Problem kapituliert.
Was denkst du: Sollten Fachfragen in Interviews komplett durch praktische Case-Studies ersetzt werden?
1 Gedanke zu „Warum Fachwissen keine Könner macht – Die „Player“-Falle“
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