Der Vorwurf des „Gaslighting“ ist in den letzten Jahren zu einem Schlagwort in der Beziehungsberatung geworden. Gleich gefolgt von der Pauschalbetitelung über „Narzissmus„.
Oft wird beides genutzt, um eine schmerzhafte Dynamik zu beschreiben, in der sich eine Person – häufig die Frau – als Zielscheibe permanenter Kritik sieht. Doch wer eine Ehe wirklich verstehen und heilen will, muss tiefer blicken als nur auf die Oberfläche von Täter-Opfer-Narrativen.
Die Dekonstruktion der Generalisierung: NLP und das Metamodell
Wenn Sätze fallen wie „Ich war immer schuld – an allem“, begegnen uns klassische Metamodellverletzungen aus der Neuro-Linguistischen Programmierung (NLP). Diese sprachlichen Verzerrungen verschleiern die Realität und zementieren den Konflikt. Leider damit auch jegliche Lösung.
Warum ist das so? Was steckt dahinter?
- „Immer“ (Universalquantor): Die zeitliche Verallgemeinerung suggeriert eine lückenlose Kette von Schuldzuweisungen. Doch psychologisch gesehen löscht das Gehirn hierbei alle Momente der Harmonie oder der Eigenverantwortung des Partners aus. Die Frage lautet: Gab es wirklich nie eine Situation, in der Verantwortung geteilt wurde? Gab es wirklich in jedem Moment „nur“ Streit, Konflikte und Schuldzuweisung oder gab es auch Verbindlichkeit, Lösungen, Verantwortungsübernahme, der Versuch zu Gesprächen und Positives?
- „An allem“ (Generalisierung): Hier findet eine inhaltliche Verallgemeinerung statt. Kleine Details werden groß ausgedehnt: Indem eine Person die Verantwortung für „alles“ übernimmt (oder sich so fühlt als würde man ihr die Schuld zuschieben), entzieht sie sich ironischerweise der spezifischen Lösung einzelner Konflikte. Wer für alles schuld ist, ist für nichts konkret verantwortlich.
Diese sprachlichen Muster halten Betroffene in einer emotionalen Lähmung fest, die eine lösungsorientierte Kommunikation unmöglich macht. Aber in einem solchen Beziehungsgeflecht steckt meistens noch etwas mehr dahinter.
Das Drama-Dreieck: Die Falle der Rollenzuweisung
In kriselnden Ehen und Beziehungen stabilisiert sich oft das sogenannte Drama-Dreieck nach Stephen Karpman. Es besteht aus drei Rollen: Opfer, Täter (Verfolger) und Retter.
Oft beobachten wir folgendes Phänomen: Eine Frau identifiziert sich mit der Opferrolle. Um diese Identität zu stützen, benötigt sie zwingend einen Täter. Hier kommt der Begriff des „Narzissten“ ins Spiel. Meistens orientiert sich die gelebte Beziehung und Dynamik sogar an den früheren Elternbeziehungen: wenn dort der Mann schon regelmäßig abgewertet wurde und das Familienthema nicht gelöst ist, wird das möglicherweise so fortgeführt. Da kann auch der neue Partner relativ wenig für. Er dient lediglich als Stellvertreter in diesem Familienmodell und er kann ggf. sogar tun was er will: man sortiert ihn in das Muster des Übeltäters ein.
Warum passiert das? Indem der Mann als pathologischer Täter etikettiert wird, befreit sich das „Opfer“ von der Notwendigkeit, das eigene Verhalten oder die eigene Anteile an der Systemdynamik zu reflektieren und eigene Beteiligung, Fehler und Verantwortung zu ignorieren. Natürlich geht es hier nicht Gewalttaten oder dergleichen. Das ist etwas anderes. Nein, das Täter-Opfer-Retter-Dreieck ist ein psychologisches Modell um diese Kommunikations- und Beziehungsdynamik darzustellen.
„Er war ein Narzisst.“ – immer und die ganz Zeit – nur
Psychologisch gesehen ist die Zuweisung „Er ist der Narzisst“ oft ein Schutzmechanismus, um den eigenen Schmerz über ungelöste Konflikte, mangelnde Kommunikationsfähigkeit, fehlende Bereitschaft sich in eine Beziehung einzubringen oder das Problem selbst lösen.
Anders gesagt: Es ist einfacher, einen „Täter“ zu beschimpfen und die Schuld jemanden anderen zuzuschreiben, als die tieferliegende kommunikative Dysfunktion der Ehe und Beziehung zu bearbeiten oder näher herauszufinden woran es fehlte um es schließlich nachhaltig zu lösen.
Verdrängung und die Sehnsucht nach äußerer Sicherheit
Ein Aspekt, der oft verschwiegen wird: Warum verharren Menschen in solchen Rollen? Psychologisch bietet die Opferrolle eine paradoxe Form von Sicherheit. Wer Opfer ist, muss keine riskanten Entscheidungen treffen und trägt keine Verantwortung für den Ausgang der Situation. Die Wiederholung des Musters gibt sozusagen Bestätigung und Sicherheit. Auch wenn es Sicherheit im Scheitern oder im Streiten ist.
Oft liegen die Herausforderungen tiefer:
- Verdrängte Bedürfnisse: Frauen (wie auch Männer) neigen dazu, eigene Wünsche nicht klar zu kommunizieren und stattdessen zu erwarten, dass der Partner sie errät. Bleibt dies aus, entsteht Groll, der als „Gaslighting“ fehlinterpretiert wird.
- Mangelnde Abgrenzung: Innere Sicherheit entsteht durch klare Grenzen. Wer sich „an allem schuld“ fühlt, hat oft die Fähigkeit verloren (oder nie gelernt), ein klares „Bis hierher und nicht weiter“ zu setzen.
- Fehlende Selbstreflexion: Selbst zu fragen welchen Anteil man eigentlich an der Situation hat, was man übersieht oder wo man sich destruktiv, ungenau und vielleicht ausweichend verhält um einen eigenen Vorteil zu wählen ist nicht einfach, sondern eher schwierig und die Frage ist oftmals auch warum man das tun sollte, wenn es doch viel einfacher ist andere Menschen zu beschuldigen
- Mangelnde Bereitschaft mehr zu investieren oder wirklich genau hinzusehen was in der Dynamik passiert
- Kein Kompetenzaufbau: Die Fähigkeit die Projektion zu erkennen, Familiendynamik zu hinterfragen und Verantwortung zu übernehmen fehlt – warum, einen eigenen Mangel anzunehmen oder zu akzeptieren ist manchmal emotional schmerzhaft und intellektuell eher schwierig
Fazit: Vom Vorwurf zur Verantwortung
Echte Heilung und Verbindung in der Ehe und in Beziehungen entsteht dort, wo das Drama-Dreieck verlassen wird. Das bedeutet:
- Sprachliche Präzision: Weg von „immer“ und „alles“, hin zu konkreten Situationen – was genau können wir denn jetzt tun, verändern oder etablieren um den Konflikt zu lösen? (als ein Beispiel)
- Rückzug aus der Opferrolle: Aufhören, den Partner als einzigen Akteur (Täter) der Dynamik zu sehen.
- Professionelle Unterstützung: Coaching und systematische Beratung helfen, die verdeckten Kommunikationsregeln aufzudecken, die das Paar unbewusst befolgt.
Großer Erfolg – auch in der Liebe – entsteht erst dann, wenn wir die Verantwortung für unsere Wahrnehmung übernehmen und aufhören, uns durch Etiketten wie „Narzissmus“ der eigenen Gestaltungskraft zu berauben.
Haben Sie das Gefühl, in einem kommunikativen Kreislauf festzustecken? Lassen Sie uns gemeinsam besprechen, welche Ebenen Ihrer Kommunikation wirklich eine Veränderung benötigen.