Ruiniert durch größte Anstrenungen: Warum Freiheit wichtiger ist als Geld

Geld gilt in unserer Gesellschaft als eine der wichtigsten Kennzahlen für Erfolg.

Unternehmen werden nach Umsatz, Gewinn und Unternehmenswert bewertet, Führungskräfte nach ihrem Einkommen und Privatpersonen nach Gehalt, Vermögen und finanzieller Sicherheit.

Diese Logik ist nachvollziehbar, weil Geld tatsächlich Möglichkeiten schafft: Es ermöglicht Sicherheit, reduziert Abhängigkeiten und eröffnet Handlungsspielräume.

Trotzdem greift die Gleichsetzung von Geld und Lebensqualität zu kurz. Denn Geld besitzt keinen eigenen Wert, wenn es nicht in etwas übersetzt werden kann, das für einen Menschen tatsächlich Bedeutung hat: Zeit, Beziehungen, Gesundheit, Gestaltungsmöglichkeiten, Sicherheit und persönliche Freiheit.

Gerade für Menschen in verantwortungsvollen Positionen lohnt sich deshalb eine andere Perspektive. Die entscheidende Frage lautet nicht ausschließlich, wie viel Einkommen ein Mensch erzielt, sondern wie viel Freiheit dieses Einkommen tatsächlich ermöglicht.

Ein C-Level-Manager kann ein hervorragendes Gehalt beziehen und gleichzeitig kaum über seine eigene Zeit verfügen. Ein Unternehmer kann hohe Umsätze erzielen und dennoch von Kunden, Mitarbeitern, Banken, Lieferanten, Behörden und permanenten operativen Problemen abhängig sein.

Ein Selbstständiger kann formal unabhängig sein und faktisch jeden Abend damit verbringen, Buchhaltung, Steuerangelegenheiten, Verträge und administrative Verpflichtungen zu bearbeiten. Einkommen und Freiheit können deshalb miteinander verbunden sein, müssen es aber keineswegs sein.

Diese Perspektive führt zu einer unbequemen Frage über unsere Vorstellung von Leistung und Vergütung: Bezahlen wir in Deutschland eigentlich diejenigen Tätigkeiten besonders gut, die für die Gesellschaft den größten Mehrwert erzeugen – oder häufig diejenigen, von denen Menschen aufgrund ihrer Abhängigkeit besonders schwer wegkommen?

Bezahlung nach erzeugter Abhängigkeit, nicht nach Mehrwert oder Leistung

Ein Blick auf bestimmte Berufsgruppen macht diese Frage zumindest diskussionswürdig. Ärzte, Rechtsanwälte und Steuerberater verfügen über hohe fachliche Qualifikationen und tragen erhebliche Verantwortung; ihre Vergütung ist daher keineswegs grundsätzlich ungerechtfertigt.

Gleichzeitig haben diese Berufe etwas gemeinsam: Sie bewegen sich in stark regulierten, komplexen und für Laien schwer zugänglichen Systemen. Der Patient ist auf den Arzt angewiesen, der Mandant auf den Rechtsanwalt und der Steuerpflichtige auf steuerliche Expertise, sobald die eigene Situation komplex genug wird. Hinzu kommen gesetzliche Zugangshürden, Haftungsrisiken und ein erheblicher Informationsvorsprung gegenüber dem Kunden.

Daraus entsteht ein ökonomisch interessantes Phänomen: Der Preis einer Leistung kann stärker durch Abhängigkeit, Knappheit und Komplexität bestimmt werden als durch den unmittelbar wahrgenommenen gesellschaftlichen Mehrwert.

Ein Mensch kann eine Tätigkeit ausüben, die für andere Menschen enorm wichtig ist und trotzdem vergleichsweise wenig verdienen, während eine andere Tätigkeit sehr hohe Einkommen ermöglicht, weil der Zugang zu Wissen, Zulassung oder Infrastruktur künstlich oder strukturell begrenzt ist.

Man könnte auch behaupten, das gewisse Systeme absichtlich komplex strukturiert werden um Barrieren aufzubauen und Vorteile zu erschweren.

Das bedeutet nicht, dass Ärzte, Anwälte oder Steuerberater „zu viel“ verdienen. Eine solche pauschale Aussage wäre weder sachlich noch gerecht. Interessanter ist die dahinterliegende Systemfrage: Welche Mechanismen bestimmen eigentlich, was eine Gesellschaft als wertvoll vergütet?

Warum kann beispielsweise eine Tätigkeit, die Menschen emotional, sozial oder gesellschaftlich enorm weiterbringt, wirtschaftlich weniger attraktiv sein als eine Tätigkeit, die vor allem dabei hilft, sich in einem komplexen Regelwerk zurechtzufinden? Warum wird die Fähigkeit, ein kompliziertes System zu verwalten, teilweise höher vergütet als die Fähigkeit, dieses System durch bessere Prozesse überflüssig zu machen?

Künstlich erzeugte Komplexität statt Lebensqualität

Genau hier entsteht eine Verbindung zwischen Vergütung und Bürokratie. Je komplizierter ein System wird, desto mehr Spezialisten entstehen, die diese Komplexität für andere Menschen verwalten.

Komplexität schafft damit nicht nur Probleme, sondern auch Märkte. Steuerberater werden benötigt, weil Steuerrecht komplex ist. Rechtsanwälte werden benötigt, weil Recht komplex ist. Unternehmensberater werden benötigt, weil Organisationen komplex sind. IT-Spezialisten werden benötigt, weil digitale Systeme komplex sind.

Das kann sinnvoll und notwendig sein. Es kann aber auch zu einem paradoxen Zustand führen: Menschen verdienen Geld damit, andere Menschen durch die Komplexität eines Systems zu führen, während gleichzeitig kaum jemand dafür bezahlt wird, diese Komplexität grundsätzlich zu reduzieren.

Gerade aus Sicht von Digitalisierung und moderner Verwaltung ist das eine zentrale Frage. Wenn ein Steuerpflichtiger einen Steuerberater benötigt, weil das Steuerrecht für ihn kaum noch verständlich ist, kann man das als funktionierende Arbeitsteilung betrachten. Man kann aber ebenso fragen, ob das System selbst nicht einfacher gestaltet werden könnte.

Andere Länder entlasten Bürger

Andere europäische Länder zeigen, dass zumindest Teile dieses Problems technisch anders gelöst werden können. In Estland werden Steuererklärungen mit zahlreichen bereits vorliegenden Informationen vorausgefüllt.

In den Niederlanden werden ebenfalls wesentliche Daten durch die Steuerverwaltung bereitgestellt. Dänemark verfolgt einen ähnlichen Ansatz: Die Steuerverwaltung erhält zahlreiche Informationen bereits automatisiert und erstellt daraus den jährlichen Steuerbescheid, den Bürger kontrollieren und gegebenenfalls korrigieren können.

Der entscheidende Punkt ist nicht, dass Deutschland einfach ein anderes Land kopieren sollte. Entscheidend ist das Prinzip dahinter: Warum soll der Bürger Informationen zusammentragen, die der Staat bereits besitzt oder rechtssicher erhalten kann?

Digitalisierung sollte nicht bedeuten, dass ein kompliziertes Formular jetzt online ausgefüllt werden kann. Wirkliche Digitalisierung bedeutet, dass ein Prozess grundsätzlich neu gedacht wird. Wenn Daten bereits vorhanden sind, sollte der Mensch nicht zum Datenträger zwischen Behörden, Unternehmen und Systemen gemacht werden.

Damit wird Bürokratie zu einer Frage der Lebensqualität und sie ist auch Hebel zur Macht.

Eine Stunde Steuererklärung ist eine Stunde, die nicht mit der Familie verbracht wird. Eine Stunde Behördenkommunikation ist eine Stunde, in der kein Unternehmen entwickelt wird. Eine Stunde administrativer Arbeit ist eine Stunde, in der kein Mensch Sport macht, Freunde trifft, kreativ arbeitet oder sich erholt.

Diese Kosten tauchen in keinem staatlichen Haushalt vollständig auf. Sie werden auf Millionen Menschen verteilt. Und sowohl die Steuererklärung als andere administrative Aufgaben dauern inzwischen oft mehr als eine Stunde pro Woche. Enormes Potential, wenn man das gesamtökonomisch aufsummiert.

Deshalb ist Lebenszeit eine ökonomische Größe, die wir viel ernster nehmen sollten.

Menschen arbeiten nicht ausschließlich für Geld. Sie arbeiten, um Sicherheit zu schaffen, Verantwortung zu übernehmen, etwas aufzubauen und ihren Angehörigen ein gutes Leben zu ermöglichen. Wenn aber immer größere Teile dieser Lebenszeit durch Arbeit, Verwaltung und die Bewältigung künstlich oder unnötig komplexer Systeme gebunden werden, entsteht ein gesellschaftlicher Zielkonflikt.

Denn der Sinn wirtschaftlichen Erfolgs besteht eigentlich darin, mehr Möglichkeiten für ein gutes Leben zu schaffen.

Familie ist dabei kein Nebenthema. Menschen nehmen berufliche Belastung häufig gerade deshalb auf sich, weil sie ihrer Familie Sicherheit und Wohlstand ermöglichen wollen. Wenn der berufliche Erfolg jedoch dazu führt, dass kaum noch Zeit für die Familie vorhanden ist, verliert das ursprüngliche Ziel an Bedeutung. Dann wird das Leben zunehmend dem Einkommen untergeordnet, obwohl das Einkommen ursprünglich dem Leben dienen sollte.

Das gleiche Problem betrifft Unternehmer. Ein Unternehmen kann wirtschaftlich erfolgreich sein und gleichzeitig seinen Gründer vollständig vereinnahmen. Ein hoher Umsatz bedeutet noch keine unternehmerische Freiheit. Erst wenn Strukturen, Prozesse und Mitarbeiter Verantwortung übernehmen können, entsteht tatsächlicher Handlungsspielraum.

Auch für Führungskräfte gilt diese Logik. Die beste Organisation ist nicht zwangsläufig diejenige mit den meisten Prozessen, Meetings und Kontrollmechanismen, sondern häufig diejenige, die mit möglichst wenig unnötiger Reibung gute Entscheidungen ermöglicht.

Freiheit bedeutet deshalb nicht, keine Verantwortung zu übernehmen. Freiheit bedeutet, Verantwortung mit Gestaltungsspielraum verbinden zu können.

Das führt zu einer anderen Definition von Wohlstand. Wohlstand besteht nicht nur darin, sich mehr leisten zu können. Wohlstand bedeutet auch, entscheiden zu können, wofür die eigene Zeit verwendet wird. Wer über ein hohes Einkommen verfügt, aber keine Zeit für Familie, Freunde, Gesundheit oder eigene Interessen hat, besitzt finanziellen Wohlstand und gleichzeitig einen erheblichen Mangel an persönlicher Freiheit.

Vielleicht sollten wir deshalb beginnen, wirtschaftlichen Erfolg anders zu bewerten. Nicht nur danach, wie viel Umsatz, Einkommen oder Vermögen erzeugt wird, sondern auch danach, wie viel Freiheit daraus entsteht.

Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr nur: „Wie viel verdiene ich?“

Sie lautet: „Wie viel meines Lebens kann ich selbst gestalten?“

Ein moderner Staat sollte deshalb nicht nur möglichst viele Regeln verwalten, sondern unnötige Komplexität reduzieren. Unternehmen sollten nicht nur Arbeitsplätze schaffen, sondern Strukturen entwickeln, die Menschen wirksam arbeiten lassen. Und Menschen sollten sich fragen, ob ihr Streben nach höherem Einkommen tatsächlich mehr Lebensqualität erzeugt oder lediglich einen größeren Kreislauf aus Arbeit, Konsum, Verpflichtungen und Verwaltung finanziert.

Geld bleibt wichtig. Aber es ist ein Mittel und kein Lebenszweck.

Denn die eigentliche Ressource, die wir niemals zurückbekommen, ist nicht das Geld auf unserem Konto.

Es ist unsere Zeit.

Und Freiheit bedeutet letztlich, möglichst viel dieser Zeit für die Menschen, Aufgaben und Erfahrungen verwenden zu können, die unserem Leben tatsächlich Wert geben. Das ist Aufgabe eines Staates, dies zu ermöglichen und Rahmenbedingungen zu schafffen, die nicht auf den stärksten Anstrengungen beruhen, sondern die eingesetzte Lebenszeit besser, eine Wirtschaft effizient und das Leben lebenswert erhalten.