Wenn im Coaching das Leben des Mentors wichtiger wird als die eigene Veränderung

Im Coaching kann ein interessantes Phänomen auftreten: Klient:innen beginnen, sich stärker für den Coach selbst zu interessieren als für die eigenen Themen. Warum ist das so? Es ist einfacher über andere zu urteilen oder darüber zu spekulieren, anstatt sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen und die Aufmerksamkeit der eigenen Entwicklung zu schenken.

Statt der eigenen Veränderung rücken die Person des Coaches, seine Meinung, sein Leben, Hobbys, unternehmerische Projekte und seine Entscheidungen in den Vordergrund.

Psychologisch ist das kein Zufall – sondern gut erklärbar.


1. Übertragung (Transference): Alte Muster im neuen Raum

In der Psychoanalyse beschrieb Sigmund Freud das Phänomen der Projektion und Übertragung: Menschen projizieren Gefühle, Erwartungen oder Beziehungsmuster aus früheren Beziehungen auf neue Personen.

Der Coach wird dann unbewusst zu einer Art Projektionsfläche:

  • Elternfiguren werden „reaktiviert
  • Autorität wird gesucht oder getestet
  • Sicherheit wird im Außen verankert

Freud beschreibt Übertragung als etwas, das im therapeutischen Prozess zwangsläufig entsteht:

„Die Übertragung ist ein notwendiges Mittel der Behandlung.“
https://www.gutenberg.org/ebooks/38219

Im Coaching kann das ähnlich wirken – nur ohne pathologische Bedeutung. Es zeigt eher, wie stark Beziehungsmuster aktiv sind und sich Klienten im außen orientieren, anstatt an sich selbst zu arbeiten. Eine meiner früheren Mentorinnen unterbrach dieses Muster sehr freundlich und klar mit einem „Bleib bei Dir.„, was so viel bedeutet die eigenen Gefühle, Gedanken, Ziele und Verhaltensweisen im Fokus zu behalten, anstatt über andere zu urteilen, sie zu beobachten oder womöglich noch zu kritisieren.

Man kann es auch anders sagen: „Wer noch Zeit und Energie hat andere zu kritisieren, ist nicht am Limit sich selbst zu verwirklichen, umzusetzen und zu optimieren.“


2. Bindung und Orientierung: Der Mensch sucht Stabilität

Aus Sicht der Bindungstheorie (Bowlby) suchen Menschen in unsicheren Situationen automatisch nach stabilen Bezugspunkten.

Wenn innere Klarheit fehlt, wird der Coach schnell zu so einem Punkt:

  • Was denkt er?“ ersetzt „Was denke ich?“
  • Was würde er tun?“ ersetzt „Was will ich tun?“

Das ist kein Fehler, sondern ein Schutzmechanismus gegen Unsicherheit.


3. Projektion: Der Coach als Spiegel

Psychologisch gesehen passiert eine zusätzliche Projektion: Eigene Anteile werden im Gegenüber gesehen. Auf der Basis von Aussagen, Verhaltensweisen oder Entscheidungen erkennt der Klient / die Klientin sich wieder. Das ist sehr wichtiger Punkt. Und hier ist es auch wichtig zu distanzieren und zu reflektieren: Was hat das, was ich wahrnehme mit mir und meinem eigenen Denken, Handeln oder Leben zu tun?

Warum ist das relevant? Naja, wir sehen im anderen etwas was in uns selbst gesehen werden will oder aber unser Bewusstsein will uns etwas zeigen. Genau dafür ist Coaching da.

Der Coach wirkt dann z.B.:

  • besonders kompetent, naiv/klug, faul/fleißig oder besonders kritisch
  • besonders nahbar, engagiert oder distanziert
  • richtig“ oder „falsch“ – einfach oder kompliziert, leicht oder schwierig

Carl Gustav Jung beschreibt Projektion so:

„Alles, was uns an anderen irritiert, kann uns zu einem besseren Verständnis von uns selbst führen.“
https://carljungdepthpsychologysite.blog/2020/02/19/carl-jung-quotes-on-projection/


4. Der eigentliche Effekt im Coaching

Wenn der Fokus zu stark auf dem Coach und Mentor liegt, passiert oft Folgendes:

  • Eigenverantwortung wird abgeschwächt
  • innere Prozesse werden nach außen verlagert
  • Veränderung stagniert, obwohl viel „Verbindung“ entsteht

Das Coaching wird dann weniger ein Entwicklungsraum und mehr ein Orientierungsraum.


5. Die zentrale Verschiebung

Der entscheidende Punkt ist nicht, dass der Mentor wichtig wird – sondern dass er wichtiger wird als die eigene Wahrnehmung und was man im Rahmen des Coachings denkt oder interpretiert. Warum? Na, weil das mehr über den Klient aussagt und ein Hinweis sein kann. Wofür? Entweder für eine frühere Erinnerung an eine negative Erfahrung die neu betrachtet werden will, eine Information die ausgewertet werden soll und das Unterbewusstsein darauf hinweisen will oder aber es gibt eine Denkweise die abgelegt werden will – z.B. fehlerhaft zu interpretieren und eigene Gedanken in andere zu projizieren.

Gute Klienten kehren diesen Prozess immer wieder um:
zurück zur Frage:

  • Was ist meins?
  • Was fühle ich wirklich? Was nehme ich wahr?
  • Was entscheide ich selbst?
  • Welche Ziele hatte ich?
  • Wie komme ich dorthin?

…und… was wollte eigentlich ich für mich im Coaching erreichen?


Fazit

Das Interesse am Coach ist psychologisch nachvollziehbar: Übertragung, Bindung und Projektion sind natürliche Prozesse.

Entscheidend ist nicht ihr Auftreten, sondern ob sie den Weg zur Selbstverantwortung öffnen – oder davon wegführen.

Oder einfach gesagt:
Nicht die Interpretationen über einen Coach verändern, sondern das, was im Coachingprozess darauf aufbauend entsteht und reflektiert wird: die Erkenntnis darüber so zu denken, zum Beispiel und das loszulassen.