Demokratisch geführte Unternehmen? Ich halte das für einen Fehler.

Die Idee klingt zunächst sympathisch: Unternehmen sollen demokratischer werden. Mitarbeiter sollen mitentscheiden, Führung soll weniger hierarchisch funktionieren und möglichst viele Entscheidungen gemeinsam getroffen werden.

Warum eigentlich nicht?

Weil ein Unternehmen kein Parlament ist.

Ein Unternehmen muss Probleme lösen, Entscheidungen treffen und Wert schaffen. Dafür braucht es Kompetenz, Verantwortung und eine klare Richtung. Der Kunde? Sieht das nicht. Sein Interesse ist ein völlig anderes: günstige Preise, maximale Leistung, möglichst wenig mitwirken: Komfort.

Und genau hier beginnt mein Problem mit dem Gedanken des demokratisch geführten Unternehmens.

Was passiert, wenn der Kunde zum Chef wird?

Ein besonders interessantes Beispiel ist die häufige Vorstellung:

„Der Kunde entscheidet.“

Natürlich sollte ein Unternehmen seine Kunden verstehen. Ohne Kunden gibt es keinen Umsatz. Kundenfeedback ist wertvoll und Marktforschung kann wichtige Erkenntnisse liefern.

Aber daraus folgt nicht, dass Kunden darüber entscheiden sollten, was ein Unternehmen entwickelt oder wie es geführt wird.

Denn der Kunde kennt häufig nur sein eigenes Problem – und manchmal nicht einmal dieses besonders gut.

Steve Jobs hat sinngemäß einmal darauf hingewiesen, dass Kunden nicht immer wissen, was sie wollen, bevor man es ihnen zeigt.

Ein Kunde kann hervorragend sagen:

„Das funktioniert für mich nicht.“

Aber daraus folgt noch lange nicht:

„Deshalb weiß ich, wie Ihr Produkt aussehen muss.“

Wenn wir jede Entscheidung demokratisch an Kunden, Mitarbeitern und anderen Interessengruppen ausrichten, entsteht schnell eine gefährliche Dynamik:

Die Entscheidung wird nicht mehr von derjenigen Person getroffen, die das Problem am besten versteht, sondern von der Gruppe mit der größten unmittelbaren Meinung.

Und damit kann man im Extremfall dem schwächsten Glied die Führung überlassen.


Expertise lässt sich nicht wegabstimmen

Stellen wir uns einen Softwareentwickler vor, der seit zehn Jahren hochkomplexe Systeme entwickelt.

Daneben sitzen neun Kollegen aus Vertrieb, Marketing, HR und Verwaltung.

Soll nun demokratisch darüber abgestimmt werden, welche Architektur verwendet wird?

Natürlich nicht.

Warum sollte es bei anderen Unternehmensentscheidungen grundsätzlich anders sein?

Organisationen brauchen Kompetenz und Verantwortlichkeit.

Wer eine Entscheidung fachlich verantwortet, sollte die entsprechende Entscheidungsbefugnis besitzen.

Das bedeutet nicht, dass andere nicht gehört werden sollen.

Im Gegenteil.

Gute Führung hört zu.

Sie holt Perspektiven ein.

Sie diskutiert Alternativen.

Aber Zuhören ist nicht dasselbe wie Entscheiden.


Das Problem ist nicht Hierarchie

Wir haben uns angewöhnt, Hierarchie fast automatisch mit schlechter Führung gleichzusetzen.

Dabei ist Hierarchie zunächst nur eine Organisationsstruktur.

Die entscheidende Frage lautet:

Wie wird Macht innerhalb dieser Struktur eingesetzt?

Ein Unternehmen kann autoritär geführt werden und schlecht funktionieren.

Ein Unternehmen kann aber auch extrem flach organisiert sein und genauso schlecht funktionieren.

Entscheidend sind klare Verantwortlichkeiten, Kompetenz, Kommunikation und Vertrauen.


Beteiligung statt Demokratie

Ich halte deshalb ein anderes Modell für sinnvoller.

Mitarbeiter sollten Einfluss haben, ohne dass jede Entscheidung demokratisch abgestimmt werden muss.

Kunden sollten gehört werden, ohne dass sie automatisch Produktmanager werden.

Experten sollten beraten, ohne dass ihre Verantwortung in einem Konsens aufgelöst wird.

Marktforschung sollte Erkenntnisse liefern, aber nicht die Unternehmensstrategie ersetzen.

Und Führungskräfte sollten am Ende entscheiden dürfen.

Denn Verantwortung und Entscheidung gehören zusammen.

Wer verantwortlich ist, muss entscheiden können.


Der Kunde ist nicht automatisch König

Der Satz „Der Kunde ist König“ kann gefährlich werden, wenn man ihn wörtlich nimmt.

Ein Unternehmen ist nicht dazu da, jeden Kundenwunsch zu erfüllen.

Es muss entscheiden, welche Kunden es bedienen möchte, welches Problem es lösen will und welchen Wert es schaffen kann.

Der Kunde liefert Informationen. Der Markt liefert Signale. Mitarbeiter liefern Perspektiven. Experten liefern Wissen. Aber daraus muss jemand eine Entscheidung ableiten.

Denn wenn jede Stimme gleich viel Gewicht bekommt, obwohl nicht jede Stimme gleich viel Wissen besitzt, wird Demokratie schnell zur Abstimmung über Kompetenz.

Und genau deshalb halte ich demokratische Unternehmensführung für problematisch.

Nicht weil Mitarbeiter nicht mitreden sollten.

Nicht weil Kunden unwichtig wären.

Sondern weil ein Unternehmen am Ende Führung braucht.

Vielleicht ist die bessere Frage deshalb nicht:

Wie demokratisch soll unser Unternehmen sein?

But rather:

Wer besitzt die Kompetenz, diese Entscheidung zu treffen – und wer übernimmt dafür die Verantwortung?

Denn wenn wir diese Frage nicht beantworten können, passiert etwas Gefährliches:

Wir übergeben die Führung nicht dem Besten – sondern möglicherweise dem Lautesten, der Mehrheit, dem Skeptischsten, den Destruktivsten oder sogar dem Schwächsten.