Wenn alle mitreden, sinkt die Entscheidungsqualität

Ein Denkfehler demokratischer Unternehmensführung liegt in der Annahme, dass mehr Beteiligung automatisch zu besseren Entscheidungen führt.

Das Gegenteil kann der Fall sein.

Denn je mehr Menschen an einer Entscheidung beteiligt sind, desto mehr unterschiedliche Interessen, Wissensstände, Erfahrungen und persönliche Präferenzen fließen ein.

Das klingt zunächst nach Vielfalt.

In der Praxis kann daraus aber Verdünnung entstehen.

Die Person mit der höchsten Expertise hat plötzlich nur noch eine Stimme unter vielen.

Derjenige, der das Problem seit Jahren bearbeitet, wird genauso gewichtet wie jemand, der sich gestern zum ersten Mal damit beschäftigt hat.

Und irgendwann wird nicht mehr die beste Lösung gesucht.

Es wird die Lösung gesucht, auf die sich die meisten einigen können.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Diskussion führt nicht automatisch zu Qualität.

Eine Entscheidung kann von 90 Prozent der Beteiligten getragen werden und trotzdem fachlich schlecht sein.

Und eine hervorragende Entscheidung kann zunächst auf massive Ablehnung stoßen.

Gerade Innovation funktioniert häufig so.

Neue Ideen wirken zunächst unbequem, unnötig oder sogar falsch. Wären ausschließlich die bestehenden Meinungen entscheidend, würde man häufig genau das reproduzieren, was bereits bekannt ist.

Deshalb halte ich einen weiteren Grundsatz für wichtig:

Je größer die Gruppe der Entscheider, desto größer kann die Gefahr werden, dass Entscheidungsqualität durch Konsens ersetzt wird.

Das bedeutet nicht, dass wenige Menschen immer bessere Entscheidungen treffen.

Aber es bedeutet, dass Entscheidungskompetenz nicht mit Anzahl der Stimmen gleichgesetzt werden darf.

Wenn ich ein komplexes Softwareproblem habe, möchte ich nicht, dass zwanzig Menschen darüber abstimmen, welche Architektur „am besten gefällt“.

Ich möchte den besten verfügbaren Experten fragen.

Wenn ich ein medizinisches Problem habe, möchte ich keine demokratische Abstimmung im Wartezimmer.

Und wenn ich ein Unternehmen führe, möchte ich nicht darüber abstimmen, welche Strategie sich am angenehmsten anfühlt.

Ich möchte Informationen sammeln, Experten hören, Gegenargumente prüfen – und anschließend eine Entscheidung treffen.

Denn die Qualität einer Entscheidung hängt nicht davon ab, wie viele Menschen daran beteiligt waren.

Sie hängt davon ab, wie gut die relevanten Informationen verarbeitet wurden und wie kompetent die Entscheidung getroffen wurde.

Beteiligung kann die Entscheidungsqualität erhöhen.

Aber ab einem gewissen Punkt kann zusätzliche Beteiligung sie auch wieder senken.

Und genau diesen Punkt sollten wir in Unternehmen nicht ignorieren.

Mehr Stimmen bedeuten nicht automatisch mehr Qualität.

Manchmal bedeuten sie einfach nur mehr Stimmen.