Wie ein Umfeld den Selbstwert eines Menschen zerstören kann

Selbstwert entsteht nicht im luftleeren Raum. Natürlich bringt jeder Mensch bestimmte Eigenschaften, Erfahrungen und Vorstellungen über sich selbst mit. Gleichzeitig entwickelt sich das eigene Selbstbild immer auch in Beziehung zu anderen Menschen. Wir erfahren, wer wir sind, was wir können und welchen Platz wir in der Welt haben, nicht zuletzt durch die Rückmeldungen unseres Umfelds.

Genau darin liegt eine große psychologische Macht von Beziehungen.

Ein Umfeld kann einen Menschen aufbauen. Es kann ihm Sicherheit geben, Fehler erlauben und vermitteln: Du bist nicht weniger wert, nur weil etwas nicht funktioniert.

Es kann aber auch das Gegenteil bewirken.

Wenn ein Mensch über längere Zeit immer wieder kritisiert, abgewertet, ignoriert, kontrolliert oder mit anderen verglichen wird, beginnt irgendwann eine Verschiebung. Zunächst denkt er vielleicht noch: „Die andere Person sieht mich falsch.“ Später entsteht daraus möglicherweise: „Vielleicht bin ich tatsächlich so.“

Aus einer fremden Bewertung wird eine eigene Überzeugung.

Das geschieht meistens nicht plötzlich. Es ist ein schleichender Prozess.

Ein Mensch trifft eine Entscheidung und bekommt regelmäßig zu hören, dass sie falsch ist. Er erzählt von einer Idee und wird belächelt. Er äußert ein Bedürfnis und bekommt vermittelt, dass er übertreibt. Er macht einen Fehler und erlebt nicht Unterstützung, sondern Abwertung. Er versucht etwas Neues und hört, warum es ohnehin nicht funktionieren wird.

Ein einzelner solcher Moment zerstört keinen Selbstwert.

Aber Menschen lernen aus Wiederholung.

Wenn dieselbe Botschaft über Monate oder Jahre immer wieder auftaucht, kann sie Teil des eigenen inneren Dialogs werden. Irgendwann braucht es die andere Person gar nicht mehr, um den Menschen kleinzumachen. Die Kritik ist bereits im eigenen Kopf angekommen.

Dann sagt man sich selbst Dinge, die früher andere gesagt haben:

  • „Ich bin nicht in Ordnung wie ich bin.“
  • „Das kann ich sowieso nicht.“
  • „Ich muss mich verändern um anderen zu gefallen.“
  • „Andere können das besser.“
  • „Ich mache bestimmt wieder etwas falsch.“
  • „Vielleicht bin ich tatsächlich schwierig.“
  • „Ich sollte lieber nichts sagen.“

Das ist einer der entscheidenden Punkte: Ein beschädigter Selbstwert zeigt sich nicht unbedingt darin, dass jemand ständig traurig ist. Häufig zeigt er sich viel subtiler. Menschen werden vorsichtiger. Sie fragen andere nach Entscheidungen, die sie früher selbstverständlich selbst getroffen hätten. Sie entschuldigen sich für ihre Bedürfnisse. Sie erklären sich übermäßig. Sie vermeiden Konflikte. Sie haben Angst vor Fehlern. Oder sie beginnen, ihre eigenen Leistungen herunterzuspielen.

Psychologisch lässt sich das unter anderem über Selbstwirksamkeit erklären. Selbstwirksamkeit beschreibt die Überzeugung eines Menschen, aufgrund eigener Fähigkeiten schwierige Situationen bewältigen und Einfluss auf das eigene Leben nehmen zu können. Wer wiederholt erlebt, dass die eigenen Entscheidungen scheitern, abgewertet oder von anderen korrigiert werden, kann diese Überzeugung verlieren.

Dann entsteht nicht unbedingt der Gedanke „Ich bin wertlos“.

Viel häufiger entsteht etwas wie: „Ich kann ohnehin nichts verändern.“

Das ist ein gravierender Unterschied.

Denn Selbstwert und Selbstwirksamkeit hängen zwar zusammen, sind aber nicht dasselbe. Ein Mensch kann wissen, dass er als Person wertvoll ist, und trotzdem kaum noch Vertrauen in seine eigene Handlungsfähigkeit haben. Umgekehrt kann jemand sehr leistungsfähig sein und trotzdem innerlich von dem Gefühl abhängig bleiben, Anerkennung verdienen zu müssen.

Besonders belastend wird ein Umfeld dann, wenn Anerkennung nicht verlässlich ist. Wenn Zuwendung davon abhängt, ob man sich so verhält, wie andere es erwarten. Wenn Nähe nach einem Fehler entzogen wird. Wenn Lob selten und Kritik permanent ist. Wenn man nie genau weiß, welche Version von sich selbst gerade akzeptiert wird.

Der Mensch beginnt dann, sein Verhalten ständig zu überwachen.

  • Was darf ich sagen?
  • Wie wird das aufgenommen?
  • Was könnte jetzt wieder falsch sein?
  • Wie muss ich mich verhalten, damit es keinen Streit gibt?

Damit verschiebt sich der Fokus vom eigenen Leben auf die Reaktion des Umfelds.

Man lebt nicht mehr primär danach, was man selbst für richtig hält, sondern danach, was möglichst wenig negative Reaktion hervorruft.

Auch soziale Vergleiche können diesen Prozess verstärken. Wer regelmäßig mit erfolgreicheren, attraktiveren, intelligenteren oder vermeintlich glücklicheren Menschen verglichen wird, erhält irgendwann nicht mehr nur die Information „Der andere kann etwas besser“. Die Botschaft kann sich zu „Mit mir stimmt etwas nicht“ verändern.

Dabei ist ein wichtiger psychologischer Unterschied zu beachten: Kritik ist nicht automatisch schädlich.

Ein gesundes Umfeld kann widersprechen. Es darf Grenzen setzen. Es darf auf Fehler hinweisen. Es darf sagen: „Das war nicht gut.“

Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob das Verhalten oder die Person bewertet wird.

  • „Diese Entscheidung war falsch“ lässt Raum für Entwicklung.
  • „Du bist einfach unfähig“ greift die Person an.
  • „Das hat nicht funktioniert“ lässt Veränderung zu.
  • „Bei dir funktioniert sowieso nie etwas“ macht aus einem Ereignis eine Identität.

Genau diese Verallgemeinerung kann besonders zerstörerisch sein.

Denn ein Fehler ist etwas, das einem Menschen passiert.

Wenn aus dem Fehler jedoch eine Aussage über die gesamte Persönlichkeit gemacht wird, beginnt der Mensch irgendwann, sich selbst durch diesen Fehler zu definieren.

Das gilt auch für Beziehungen. Eine Partnerschaft sollte kein Ort sein, an dem ein Mensch permanent beweisen muss, dass er liebenswert, kompetent oder ausreichend ist. Eine Beziehung kann Konflikte enthalten und trotzdem Sicherheit geben. Sie kann Kritik enthalten und trotzdem Würde erhalten.

Problematisch wird es, wenn ein Mensch dauerhaft das Gefühl bekommt, sich seine Zugehörigkeit verdienen zu müssen.

  • Dann kann aus Liebe Leistungsdruck werden.
  • Aus Partnerschaft wird Anpassung.
  • Aus Rücksicht wird Selbstaufgabe.

Und aus Selbstreflexion wird Selbstzweifel.

Der vielleicht schmerzhafteste Teil dieses Prozesses ist, dass Menschen ihr ursprüngliches Selbstbild oft nicht bewusst verlieren. Sie passen sich zunächst an. Sie wollen Frieden. Sie wollen verstanden werden. Sie wollen die Beziehung retten. Sie wollen keinen Streit. Sie versuchen, es besser zu machen.

Und genau deshalb kann ein destruktives Umfeld so lange funktionieren.

Der Mensch verändert sich zunächst freiwillig.

  • Er spricht weniger.
  • Er widerspricht weniger.
  • Er erwartet weniger.
  • Er versucht, weniger Fehler zu machen.
  • Er nimmt sich weniger Raum.

Bis er irgendwann feststellt, dass von der Person, die er einmal war, kaum noch etwas übrig zu sein scheint.

Dann entsteht häufig die falsche Frage:

„Was ist mit mir passiert?“

Die bessere Frage kann sein:

„In welchem Umfeld musste ich so lange funktionieren, dass ich aufgehört habe, mir selbst zu vertrauen?“

Denn ein niedriger Selbstwert ist nicht immer Ausdruck einer persönlichen Schwäche. Manchmal ist er auch das Ergebnis einer langen Lerngeschichte.

Wer über Jahre vermittelt bekommt, dass seine Wahrnehmung falsch, seine Bedürfnisse übertrieben, seine Entscheidungen schlecht und seine Fähigkeiten unzureichend sind, muss diese Botschaften nicht einfach abschütteln. Das Gehirn und die Psyche lernen aus wiederholten sozialen Erfahrungen.

Deshalb beginnt die Wiederherstellung von Selbstwert häufig auch nicht mit großen Motivationssprüchen.

Sie beginnt wesentlich nüchterner: mit der Möglichkeit, wieder eigene Entscheidungen zu treffen. Mit Menschen, bei denen man nicht permanent aufpassen muss. Mit Erfahrungen, die zeigen: Ich kann etwas entscheiden und mit den Konsequenzen umgehen. Mit der Erkenntnis, dass ein Fehler nicht die eigene Identität beschreibt.

Und manchmal auch mit dem Abstand zu einem Umfeld, in dem man über lange Zeit kleiner geworden ist. Der entscheidende Schritt besteht dabei nicht darin, sich plötzlich für großartig zu halten.Es reicht zunächst, sich selbst wieder ernst zu nehmen. Die eigene Wahrnehmung. Die eigenen Grenzen. Die eigenen Bedürfnisse. Die eigenen Fähigkeiten.

Und die eigene Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen.

Selbstwert bedeutet letztlich nicht, sich für besser als andere zu halten. Selbstwert bedeutet, den eigenen Wert nicht ständig von der Bewertung anderer abhängig machen zu müssen.

Ein Mensch kann kritisiert werden und trotzdem wissen, wer er ist. Er kann scheitern und trotzdem an sich glauben. Er kann einen Fehler machen und trotzdem seinen Wert behalten. Er kann still werden ohne sich rechtzufertigen oder beweisen zu müssen.

Und genau dort beginnt häufig die Rückkehr zu sich selbst.


Quellen

  1. Bandura, Albert (1997): Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman.
    Grundlagen zur Selbstwirksamkeit und dazu, wie Erfahrungen, soziale Rückmeldungen und die eigene Wahrnehmung von Handlungskompetenz zusammenwirken.
    WorldCat – bibliografische Angaben
  2. Rosenberg, Morris (1965): Society and the Adolescent Self-Image. Princeton University Press.
    Ein grundlegendes Werk zur Entwicklung des Selbstbildes und zum Einfluss sozialer Erfahrungen auf die eigene Selbstwahrnehmung.
    JSTOR – vollständige bibliografische Quelle
  3. Deci, Edward L. & Ryan, Richard M. (2000): “The ‘What’ and ‘Why’ of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior.” Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.
    Selbstbestimmungstheorie mit den drei psychologischen Grundbedürfnissen Autonomie, Kompetenz und soziale Verbundenheit. Besonders relevant für die Frage, wie ein Umfeld psychologisches Wachstum fördern oder beeinträchtigen kann.
    DOI / Taylor & Francis
  4. Ryan, Richard M. & Deci, Edward L. (2000): “Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being.” American Psychologist, 55(1), 68–78.
    Beschreibt den Zusammenhang zwischen sozialem Kontext, psychologischen Grundbedürfnissen, Motivation, Entwicklung und Wohlbefinden.
    PubMed – Originalquelle