Was, wenn 70 Stunden pro Woche nicht reichen? Ich habe es ausprobiert.
Ein Jahr lang habe ich fast sieben Tage die Woche gearbeitet. KI, Blogartikel, Bücher, Online-Events, Social Media, 1:1-Coachings, Workshops, Freelancer-Aufträge, LinkedIn, Instagram, TikTok, Threads, X, YouTube – immer wieder neue Dinge ausprobiert, aufgebaut und umgesetzt.
Es gab nur wenige Ausnahmen: Wenn mein Körper irgendwann nicht mehr konnte. Wenn ich Sport machen wollte. Wenn ich raus in die Natur musste. Wenn das Bedürfnis nach sozialen Kontakten stärker wurde. Oder wenn ich meine Kinder sehen wollte.
Und trotzdem ist etwas Interessantes passiert: Ich habe praktisch alle meine Kunden verloren, Coachings wurden nicht verlängert, Workshops nicht gebucht. Das ist zunächst einmal nur eine Feststellung. Kein Schlechtreden meiner Kunden. Keine Anklage. Einfach ein Phänomen. Ich glaube auch zu wissen, warum. Denn irgendwann habe ich entschlossen, auch Leistung von meinen Kunden zu erwarten: Erfolge, Abschlüsse, durchstarten, Beiträge. Warum? Weil mir klar war, das mein Unternehmen auch nur weitergehen kann, wenn auch die Nachweise da sind und zwar nicht nur Gerede, sondern auch Ergebnisse. Ich habe also lieber Kunden losgelassen, als unproduktive Leute zu unterstützen.
Und gerade deshalb finde ich es interessant. Jetzt geht es nicht darum sich mit Leistung mehr Anerkennung zu holen, sondern für mich war es ein Feldversuch, bei der ganzen Arbeitszeitdiskussion mal zu gucken, was überhaupt passiert.
Wenn mein Beitrag online dafür vielleicht ganz gut war, blieb ein Umsatzwachstum eigenartigerweise aus.
Denn während ich mein Business mit enormem Einsatz betrieben habe, bekam ich von Kunden teilweise Aussagen wie:
- „So viel wie Du für Dein Business machst, so viel Zeit habe ich nicht.“
- „Ich gehe lieber in den Garten.“
- „Work-Life-Balance ist auch wichtig.“
- „Die Kapazität habe ich nicht.“
- „Ich arbeite lieber ehrenamtlich.„
- „Da macht mein Partner nicht mit.“
Was ich dagegen kaum hörte, waren Fragen wie:
- „Krass, was Du alles machst. Was hast Du daraus gelernt?“
- „Warum arbeitest Du so viel?“
- „Welche Erkenntnisse kannst Du daraus mitgeben?“
- „Wie viel Energie hast Du bitte?“
- „Wie kann man KI denn zur Produktivitätssteigerung nutzen?“
- „Was sind Deine Best practices oder Lessons learned?“
Stattdessen entstand offenbar etwas anderes: Distanz.
Und genau das ist psychologisch interessant.
Menschen kaufen nicht automatisch das, was sie bewundern
Vielleicht liegt hier eine unangenehme Wahrheit über Coaching und Unternehmertum:
Extreme Leistung ist nicht automatisch attraktiv.
Mehr noch: Sie kann sogar abschreckend wirken.
Warum? Wenn jemand sieht, dass ein anderer Mensch so viel arbeitet, Bücher schreibt, Content produziert, Kunden betreut, neue Plattformen ausprobiert und gleichzeitig versucht, sein Unternehmen weiterzuentwickeln, kann daraus nicht nur Bewunderung entstehen.
Es kann auch ein innerer Vergleich entstehen:
„Das könnte ich niemals leisten.“ oder „Das will ich gar nicht leisten.„
Und daraus folgt möglicherweise nicht Motivation, sondern Rückzug.
Der potenzielle Kunde vergleicht dann nicht mehr: „Was könnte ich von diesem Menschen lernen?“
Sondern: „Müsste ich dann auch so leben?“ Genau an diesem Punkt fehlt Abstraktion.
Und wenn die Antwort gefühlt „ja“ lautet, wird das Angebot unattraktiv – selbst wenn die Kompetenz vorhanden ist.
Das ist interessant, weil ich tatsächlich einige Projekte total erfolgreich umgesetzt habe.
Ich habe mich intensiv mit KI beschäftigt, Blogartikel geschrieben, Bücher veröffentlicht, Online-Events durchgeführt, Workshops gegeben und Freelancer-Aufträge übernommen. Auf Instagram hatte ich kürzlich über 100.000 Aufrufe innerhalb von 30 Tagen, zeitweise mehr als 500 Aufrufe pro Tag auf meinem Blog.
Und trotzdem entstand daraus nicht automatisch eine entsprechende Nachfrage.
Vielleicht liegt unser Problem doch nicht bei der Leistung?
Das ist für mich inzwischen der wichtigere Punkt.
Denn die Zahlen zeigen durchaus, dass Aufmerksamkeit erzeugt werden kann.
Das Problem war offenbar eher die Übersetzung von Aufmerksamkeit in Kaufbereitschaft.
Content kann Reichweite erzeugen.
Reichweite kann Bekanntheit erzeugen.
Bekanntheit kann Vertrauen erzeugen.
Aber daraus entsteht noch lange kein Kauf.
Vielleicht war die Zielgruppe, die ich über meinen Content erreicht habe, schlicht nicht in einer konkreten Kaufsituation.
Vielleicht war das Problem nicht dringend genug.
Vielleicht war mein Content interessant, aber nicht unmittelbar mit einem kaufbaren Problem verbunden.
Oder vielleicht ist Coaching einfach ein Bereich, in dem Menschen sehr viel konsumieren, reflektieren und sich inspirieren lassen, ohne anschließend Geld für eine Begleitung auszugeben.
Das wäre keine persönliche Niederlage.
Es wäre eine Markterkenntnis.
Content ist nicht automatisch Vertrieb
Das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Jahr.
Ich habe viel veröffentlicht.
Aber Veröffentlichung ist noch kein Vertrieb.
- 100.000 Aufrufe sind keine 100.000 Interessenten.
- 500 Aufrufe am Tag sind keine 500 Verkaufsgespräche.
- Ein Buch ist kein Kunde.
- Ein Blogartikel ist kein Auftrag.
- Und ein Instagram-Follower ist noch lange kein Käufer.
Vielleicht habe ich deshalb einen Teil meiner Energie an der falschen Stelle eingesetzt.
Nicht zu wenig gearbeitet.
Sondern zu viel Produktion betrieben und zu wenig direkten Vertrieb.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Und genau darin liegt für mich die nächste Entwicklung
Ich nehme aus diesem Jahr deshalb nicht mit:
„Ich muss noch mehr arbeiten.“
But rather:
„Ich muss präziser arbeiten.“
Ich weiß inzwischen, dass ich Inhalte wie am Fließband ausliefern kann. Das ist auch alles wertvoll. Ich weiß, dass ich Bücher schreiben und veröffentlichen kann. Ich weiß, dass ich Reichweite erzeugen kann. Ich weiß, dass ich Coaching, Workshops, Beratung und digitale Angebote entwickeln kann.
Die offene Frage ist jetzt eine andere:
Welche Zielgruppe hat ein konkretes, wertvolles Problem und ist bereit, für eine Lösung tatsächlich Geld auszugeben?
Das ist eine wesentlich interessantere Frage als:
„Wie bekomme ich noch mehr Reichweite?“
Vielleicht braucht mein Business deshalb nicht mehr Content.
Vielleicht braucht es weniger Content und mehr konkrete Gespräche mit Menschen, die tatsächlich kaufen wollen. Und vielleicht war dieses Jahr deshalb nicht erfolglos.
Vielleicht war es ein ziemlich teures, aber sehr umfangreiches Experiment darüber, was ich kann, was Aufmerksamkeit erzeugt – und was noch keine Nachfrage erzeugt.
Das ist eine Erkenntnis, mit der sich arbeiten lässt. Denn am Ende entscheidet nicht die Anzahl der Stunden darüber, ob ein Unternehmen funktioniert. Und auch nicht die Anzahl der Aufrufe.
Entscheidend ist, ob ein relevantes Problem auf eine zahlungsbereite Zielgruppe und ein überzeugendes Angebot trifft. Auch ob die Zielgruppe wirklich kaufbereit ist oder sich von weiteren Beiträgen berieseln lässt.
Genau dort würde ich heute ansetzen.