Coaching in die Pleite

Coaching verspricht Veränderung. Mehr Klarheit. Mehr Selbstvertrauen. Mehr Umsatz. Mehr Kunden. Mehr Erfolg. Und genau darin liegt eine der größten Chancen des Coachings – aber auch eine seiner gefährlichsten Seiten.

Denn was passiert, wenn das Versprechen nicht aufgeht?

Nicht nur emotional. Nicht nur im Sinne von „Ich fühle mich noch nicht dort, wo ich sein wollte“. Sondern ganz konkret auf dem Konto.

Was passiert, wenn jemand 5.000, 10.000 oder 20.000 Euro investiert und danach nicht mehr verdient, sondern weniger Geld hat als vorher? Dann ist Coaching nicht mehr nur eine Frage der persönlichen Entwicklung. Dann wird es eine wirtschaftlich gesehen keine Investition, sondern eine Ausgabe – aber auch Betrug.

Und genau darüber wird erstaunlich wenig gesprochen.

Dabei ist zunächst wichtig: Coaching ist nicht grundsätzlich unwirksam. Die Forschung zeigt durchaus positive Effekte, unter anderem auf Selbstwirksamkeit, Zielerreichung, Resilienz und psychologisches Kapital. Eine Meta-Analyse randomisierter Studien zu Executive Coaching fand beispielsweise positive Effekte auf verschiedene dieser Faktoren.

Aber genau hier beginnt die entscheidende Unterscheidung:

Eine höhere Selbstwirksamkeit ist noch kein höherer Kontostand.

Ein Mensch kann nach einem Coaching selbstbewusster sein, klarer auftreten, seine Ziele besser kennen und sich motivierter fühlen – und trotzdem wirtschaftlich schlechter dastehen.

Das ist kein Widerspruch.

Es sind schlicht unterschiedliche Ebenen.

Wenn psychologischer Erfolg und finanzieller Erfolg auseinanderfallen

Coaching arbeitet häufig mit psychologischen Mechanismen, die durchaus sinnvoll sind. Menschen sollen aus festgefahrenen Denkmustern herauskommen, Handlungsmöglichkeiten erkennen und wieder an ihre eigene Wirksamkeit glauben.

Das kann einen enormen Unterschied machen.

Nur entsteht dabei ein gefährlicher Kurzschluss, wenn aus „Ich glaube wieder an mich“ irgendwann „Jetzt muss mein Unternehmen funktionieren“ wird.

Selbstvertrauen ist keine Umsatzgarantie.

Motivation ist kein Geschäftsmodell.

Vision ist kein Cashflow.

Und persönliches Wachstum bezahlt keine Rechnung.

Gerade bei Unternehmern kann dieser Unterschied gravierend werden. Denn ein Coaching kann subjektiv sehr erfolgreich wirken, während das eigentliche wirtschaftliche Ziel verfehlt wird.

Der Unternehmer fühlt sich besser.

Er denkt größer. Setzt sicht Ziele, arbeitet an seiner Persönlichkeit, entwickelt eine neue Positionierung, investiert in seine Marke, in Content, Webseite, Webinare und Funnel. Er besucht weitere Seminare und arbeitet an seinem Mindset und den persönlichen Themen.

Und währenddessen läuft die Uhr.

Miete läuft. Software kostet. Werbung kostet. Steuern werden fällig. Mitarbeiter wollen bezahlt werden. Privatentnahmen müssen finanziert werden. Und irgendwann steht die unangenehme Frage im Raum:

Wann verdient das alles eigentlich Geld?

Das gefährliche Versprechen

Problematisch wird Coaching nicht dort, wo ein Coach hohe Ziele setzt.

Problematisch wird es dort, wo aus einem Ziel implizit eine Erwartung oder sogar eine wirtschaftliche Zusicherung wird.

  • Du kannst sechsstellige Umsätze erreichen.
  • Du musst nur größer denken.
  • Du bist nicht gescheitert – du bist nur noch nicht lange genug drangeblieben.
  • Investiere noch einmal in dich.
  • Du musst jetzt all in gehen.

Solche Aussagen können motivieren. Sie können aber auch eine gefährliche psychologische Dynamik erzeugen. Denn wenn die Ergebnisse ausbleiben, entsteht nicht automatisch die Schlussfolgerung: Vielleicht funktioniert die Strategie nicht. Stattdessen kann der Kunde denken:

  • Ich bin noch nicht diszipliniert genug.
  • Ich habe noch nicht genug umgesetzt.
  • Ich habe mein Mindset noch nicht vollständig verändert.
  • Ich muss noch mehr investieren.

Und genau an diesem Punkt kann Coaching paradoxerweise zum Teil des Problems werden.

Warum Menschen weitermachen, obwohl es nicht funktioniert

Die Psychologie kennt dafür einen gut untersuchten Mechanismus: Escalation of Commitment – die Eskalation des Engagements.

Menschen investieren zusätzliche Ressourcen in einen eingeschlagenen Weg, obwohl negative Rückmeldungen darauf hindeuten, dass dieser Weg möglicherweise nicht funktioniert.

Eine Meta-Analyse zum sogenannten Sunk-Cost-Effekt zeigt, dass bereits getätigte Investitionen Entscheidungen beeinflussen können, obwohl diese Kosten eigentlich irreversibel sind.

Das lässt sich auf Coaching sehr einfach übertragen. 10.000 Euro sind bereits investiert. Das Coaching hat bisher nicht den gewünschten Umsatz gebracht. Eigentlich wäre jetzt die nüchterne Frage:

„Was sagt die Realität über diese Strategie aus?“

Psychologisch entsteht aber eine andere Versuchung:

„Jetzt kann ich doch nicht aufhören. Ich habe bereits 10.000 Euro investiert.“

Und dann folgt die nächste Investition.

  • Weitere 5.000 Euro.
  • Weitere sechs Monate.
  • Eine neue Strategie.
  • Ein weiteres Programm.
  • Noch mehr Umsetzung.
  • Noch mehr Hoffnung.

Das Verrückte daran: Das zusätzliche Geld kann sich subjektiv sogar wie eine rationale Entscheidung anfühlen.

Denn wenn man jetzt aufhört, muss man sich eingestehen, dass die bisherigen 10.000 Euro möglicherweise nicht die erhoffte Rendite gebracht haben. Wenn man dagegen weitermacht, bleibt die Möglichkeit bestehen, dass sich die ursprüngliche Entscheidung irgendwann doch noch als richtig herausstellt.

Das schützt nicht nur das Geld. Es schützt auch das eigene Selbstbild.

Aus einem schlechten Ergebnis wird ein Persönlichkeitsproblem

Und hier wird es psychologisch interessant. Wenn Coaching stark mit persönlicher Entwicklung verbunden ist, kann ein wirtschaftliches Scheitern schnell persönlich interpretiert werden.

  • Das Unternehmen funktioniert nicht?
  • Dann fehlt vielleicht das richtige Mindset.
  • Die Kunden kaufen nicht?
  • Dann ist vielleicht die eigene Energie falsch.
  • Die Kampagne funktioniert nicht?
  • Dann muss vielleicht noch an den inneren Blockaden gearbeitet werden.
  • Der Umsatz bleibt aus?

Dann hat man vielleicht nicht konsequent genug umgesetzt.

Natürlich können solche Faktoren eine Rolle spielen.

Aber sie sind nicht automatisch die Erklärung.

  • Manchmal ist das Angebot schlecht.
  • Manchmal ist der Markt zu klein.
  • Manchmal stimmt der Preis nicht.
  • Manchmal sind die Akquisitionskosten zu hoch.
  • Manchmal fehlt Vertrieb.
  • Manchmal ist die Zielgruppe falsch.
  • Manchmal ist das Geschäftsmodell schlicht nicht profitabel.

Und manchmal ist der Unternehmer zwar hervorragend entwickelt – aber sein Produkt kauft trotzdem niemand. Nicht jedes unternehmerische Problem ist ein Persönlichkeitsproblem.

Das ist eine der wichtigsten Grenzen zwischen Coaching und wirtschaftlicher Realität.

Wenn „Du musst nur dranbleiben“ gefährlich wird

Durchhaltevermögen gilt als Tugend. Und grundsätzlich ist es das auch. Unternehmer müssen Rückschläge aushalten können. Wer bei jedem Problem sofort aufgibt, wird kaum etwas Großes aufbauen.

Aber Durchhalten ist nicht dasselbe wie Beharren. Der entscheidende Unterschied lautet:

Durchhalten trotz Widerstand ist etwas anderes als an einer widerlegten Annahme festzuhalten.

Wenn ein Geschäftsmodell funktioniert, aber noch nicht die gewünschte Größe erreicht hat, kann Durchhaltevermögen sinnvoll sein. Wenn die Zahlen dagegen wiederholt zeigen, dass die Mechanik nicht funktioniert, kann weiteres Durchhalten schlicht weiteres Geld verbrennen.

Forschung zur Eskalation von Commitment zeigt genau diese Problematik: Negative Rückmeldungen können paradoxerweise dazu führen, dass Menschen noch stärker handeln, statt einen eingeschlagenen Weg zu verlassen. In Experimenten zeigte sich, dass die Darstellung von Rückzug als „Nichtstun“ die Bereitschaft erhöhen kann, weiter zu investieren.

Das ist im Coaching besonders interessant.

Denn eine Kultur, in der Handeln grundsätzlich als besser als Nichtstun gilt, kann dazu führen, dass Menschen immer wieder neue Maßnahmen starten, obwohl manchmal gerade der Stopp die intelligenteste Handlung wäre.

Nicht jeder Stillstand ist ein Problem.

Manchmal ist er eine Entscheidung.

Der Coach muss auch sagen können: Hör auf

Ein guter Coach sollte deshalb nicht nur motivieren können.

Er sollte auch bremsen können.

Er sollte einem Unternehmer sagen können:

  • „Mach diese Investition nicht.“
  • „Stell diese Kampagne ein.“
  • „Dieses Produkt funktioniert offensichtlich nicht.“
  • „Du brauchst kein neues Branding.“
  • „Kauf nicht noch eine Ausbildung.“
  • „Beweise erst, dass jemand dafür bezahlt.“
  • „Rechne deine Zahlen durch.“

Und manchmal sogar:

„Vielleicht ist dein nächster Schritt nicht Wachstum, sondern Schadensbegrenzung.“

Das klingt weniger sexy als die klassische Coaching-Erzählung.

Aber genau darin liegt Professionalität. Denn wenn ein Kunde finanziell unter Druck steht, verändert sich die Aufgabe. Dann geht es nicht mehr darum, möglichst groß zu denken. Dann geht es zunächst darum, wieder handlungsfähig zu werden und rational eine Neuausrichtung vorzunehmen,

Der ROI von Coaching muss nicht sofort sichtbar sein – aber irgendwann

Natürlich ist nicht jedes Coaching direkt monetarisierbar. Ein Coaching kann Beziehungen verbessern, Führungskompetenz erhöhen, Selbstvertrauen stärken oder persönliche Klarheit schaffen. Nicht jeder Wert lässt sich unmittelbar in Euro messen.

Aber wenn Coaching explizit mit wirtschaftlichen Ergebnissen verkauft wird, muss irgendwann auch die wirtschaftliche Realität betrachtet werden.

Wenn jemand 10.000 Euro investiert, um mehr Umsatz zu erzielen, sollte man nicht nach sechs Monaten ausschließlich darüber sprechen, wie sehr sich sein Mindset verändert hat.

Dann gehören Zahlen auf den Tisch.

  • Wie viel wurde investiert?
  • Wie viel Umsatz wurde zusätzlich erzielt?
  • Wie hoch ist der zusätzliche Gewinn?
  • Welche Kosten sind entstanden?
  • Wie viele Kunden wurden gewonnen?
  • Was hat ein Kunde gekostet?
  • Wie hoch ist der Deckungsbeitrag?
  • Wie lange dauert es, bis sich die Investition amortisiert?

Und die wichtigste Frage:

Würde man diese Entscheidung heute noch einmal treffen, wenn man das Ergebnis bereits kennen würde?

Diese Frage trennt Hoffnung von Analyse.

Der vielleicht wichtigste Satz im Coaching

Coaching sollte Menschen nicht abhängig von Hoffnung machen.

Es sollte sie unabhängiger von ihr machen.

Das bedeutet nicht, keine Vision zu haben.

Es bedeutet, Vision und Realität miteinander zu verbinden.

Träumen – aber rechnen.

Wachsen – aber messen.

Investieren – aber mit einem Plan.

Durchhalten – aber auf Signale reagieren.

An sich glauben – ohne die Zahlen zu ignorieren.

Denn am Ende ist Coaching nicht dann erfolgreich, wenn ein Kunde nach einem Gespräch sagt:

„Ich glaube wieder daran.“

Das ist ein Anfang.

Erfolgreich wird es, wenn aus diesem Glauben irgendwann eine überprüfbare Veränderung entsteht.

Und wenn das Versprechen von Coaching ausdrücklich lautet, dass sich diese Veränderung finanziell auszahlt, muss man irgendwann den Mut haben, die einfachste und härteste Frage zu stellen:

Hat es sich gerechnet? Wenn die Antwort dauerhaft Nein lautet, braucht der Kunde vielleicht nicht noch mehr Motivation. Vielleicht braucht er die Fähigkeit und Klarheit die Richtung zu verändern.