Coaching – eine Branche voller Idioten?

Ein provokanter Titel. Aber manchmal braucht eine Branche vielleicht keine weitere Wohlfühlbotschaft, sondern eine Abrechnung mit ihren eigenen Denkfehlern.

Die Coachingbranche hat ein Problem.

Nicht, weil es zu viele Coaches gibt.

Sondern weil sich in ihr erstaunlich viele Menschen tummeln, die glauben, sie könnten ein Unternehmen aufbauen, ohne die grundlegenden Regeln von Wirtschaft verstanden zu haben.

Menschen, die seit Monaten oder Jahren kaum Geld mit ihrem eigenen Unternehmen verdienen, aber anderen erklären, wie Erfolg funktioniert.

Menschen, die ihre Leistung verschenken und das anschließend als „Wertschätzung“ oder Geschenk verkaufen.

Menschen, die glauben, Geld sei irgendwie eine niedrige oder unspirituelle Motivation.

Und Menschen, die ernsthaft behaupten, man müsse nicht immer alles monetarisieren.

Doch. Wenn du ein Unternehmen betreibst, musst du irgendwann monetarisieren.

Sonst betreibst du kein Unternehmen.

Du betreibst ein Hobby. Wir rechnen in diesem Blogartikel knallhart ab mit der Branche und decken die dümmsten Mindset-Fehler auf.


„Geld ist nicht so wichtig.“

Dieser Satz klingt zunächst sympathisch.

Ist er aber nicht.

Denn Geld ist in einer Volkswirtschaft kein moralisches Urteil. Geld ist ein Tausch- und Steuerungsmechanismus.

Wenn ein Coach für einen Kunden zehn Stunden arbeitet, entstehen Kosten: Lebenszeit, Ausbildung, Software, Räume, Versicherungen, Steuern, Marketing, Vertrieb, Verwaltung und Opportunitätskosten.

Wer diese Leistung dauerhaft nicht bezahlt bekommt, kann sie auch nicht dauerhaft erbringen.

Und genau hier beginnt die wirtschaftliche Realitätsverweigerung.

Ein Coach sagt:

„Ich möchte Menschen helfen.“

Sehr gut.

Aber womit?

Mit kostenloser Arbeit?

Wer soll dann die Miete bezahlen?

Die Krankenversicherung?

Die Altersvorsorge?

Die Mitarbeiter?

Die Technik?

Die Weiterbildung?

Die Steuern?


Tauschhandel ist keine moderne Unternehmensstrategie

Besonders absurd wird es, wenn Coaches anfangen, ihre Leistungen gegenseitig zu tauschen.

  • Ich mache dir ein Coaching und du machst mir dafür meine Website.
  • Ich helfe dir beim Marketing und du machst dafür meine Buchhaltung.
  • Ich gebe dir mein Training und du empfiehlst mich dafür weiter.

Einmal kann das sinnvoll sein.

Als Geschäftsmodell ist es katastrophal.

Denn wenn zehn Selbstständige ihre Leistungen gegenseitig tauschen, ist noch kein einziger Euro Umsatz entstanden. Es wurde lediglich Leistung verschoben.

Der entscheidende Wertschöpfungsprozess – nämlich dass ein zahlender Kunde außerhalb dieses geschlossenen Systems bereit ist, Geld für eine Leistung auszugeben – fehlt.

Das ist keine funktionierende Wirtschaft. Das ist ein geschlossenes System aus gegenseitigem Schulterklopfen.


„Geld macht nicht glücklich.“

Auch dieser Satz wird in der Coachingwelt gerne als vermeintliche Weisheit verwendet.

Natürlich macht Geld nicht automatisch glücklich. Aber darum geht es überhaupt nicht.

Die Frage lautet: Was ermöglicht Geld? Geld ermöglicht Handlungsspielraum. Geld ermöglicht Sicherheit. Geld ermöglicht Investitionen. Geld ermöglicht Mitarbeiter. Geld ermöglicht professionelle Infrastruktur. Geld ermöglicht Forschung, Entwicklung und Weiterbildung. Und Geld ermöglicht es einem Coach, seine Arbeit langfristig und professionell anzubieten. Deshalb ist „Geld macht nicht glücklich“ als Argument gegen wirtschaftlichen Erfolg ungefähr so hilfreich wie:

„Ein Auto macht nicht glücklich.“

Richtig.

Aber wenn du einen Geschäftstermin in 400 Kilometern Entfernung hast, kann ein Auto verdammt nützlich sein.


Und dann kommt der vierte Nebenjob

Irgendwann wird aus dem Coaching-Business ein erstaunliches Konstrukt.

Montag Coaching.
Dienstag Content.
Mittwoch Akquise.
Und nebenbei noch der erste Nebenjob.

Dann der zweite.

Dann vielleicht noch ein Freelance-Projekt.

Und irgendwann gibt es den vierten Nebenjob, der das Coachingunternehmen über Wasser halten soll.

Spätestens an diesem Punkt sollte man aufhören, sich etwas vorzumachen.

Wenn vier Nebenjobs notwendig sind, damit das eigene Coachingbusiness weiterexistieren kann, dann ist nicht automatisch „die Gesellschaft schuld“, dass die Menschen den Wert von Coaching nicht erkennen.

Vielleicht funktioniert das Geschäftsmodell oder die Kommunikation schlicht nicht richtig. Natürlich kann ein Nebenjob in der Gründungsphase sinnvoll sein. Das ist keine Schande. Im Gegenteil: Ein Nebenjob kann eine strategische Übergangslösung sein.

Aber wenn aus der Übergangslösung ein Dauerzustand wird, während man sich gleichzeitig als erfolgreicher Unternehmer positioniert, wird es absurd.

Ein Unternehmen sollte irgendwann seinen Unternehmer finanzieren – nicht umgekehrt.

Denn Zeit ist ebenfalls eine Ressource.

Wer 20 Stunden pro Woche in Nebenjobs investieren muss, hat diese 20 Stunden nicht mehr für Vertrieb, Kundenarbeit, Produktentwicklung, Führung und Unternehmensaufbau.

Das erzeugt einen fatalen Kreislauf:

Zu wenig Umsatz → Nebenjob → weniger Zeit fürs Unternehmen → noch weniger Umsatz → nächster Nebenjob → noch weniger Zeit.

Und irgendwann arbeitet der selbstständige Coach 60 Stunden pro Woche – nur eben nicht in seinem eigenen Unternehmen.

Das ist kein Freiheitsbusiness. Das ist eine besonders komplizierte Form der Selbstausbeutung.

Die Frage ist deshalb nicht, ob du vier Nebenjobs schaffen kannst.

Die Frage ist: Warum schafft es dein Unternehmen nicht, dich zu bezahlen oder warum sind die Kunden nicht bereit dazu? Ich verrate es: Es liegt am Setting und den Gespräche.


Der gefährlichste Glaubenssatz: „Ich muss nur authentisch sein.“

Nein.

Du musst auch gut sein.

Und danach musst du deine Leistung verkaufen können.

Du brauchst Positionierung. Du brauchst ein Angebot. Du brauchst Zielgruppenverständnis. Du brauchst Vertrieb. Du brauchst Preisgestaltung. Du brauchst Prozesse. Du brauchst Liquidität. Du brauchst Kunden.

Und du brauchst die Fähigkeit, einen wirtschaftlichen Gegenwert für deine Leistung zu verlangen.

Authentizität ersetzt keine Unternehmensführung.


Coaching ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung

Das bedeutet nicht, dass jede Leistung teuer sein muss. Und natürlich darf jeder Mensch kostenlos helfen. Das ist wunderbar. Aber es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen:

„Ich möchte gelegentlich etwas verschenken.“

und „Ich baue ein Unternehmen auf, dessen Geschäftsmodell darauf basiert, dass ich meine Leistungen nicht vernünftig bezahle lasse.“

Das zweite ist wirtschaftlich nicht nachhaltig.

Und irgendwann wird aus Idealismus Frustration.

Dann kommen die bekannten Sätze:

  • Der Markt ist schwierig.
  • Die Menschen wollen kein Coaching kaufen.
  • Die Kunden haben kein Geld.
  • Social Media funktioniert nicht.
  • Ich brauche mehr Reichweite.“
  • Die Konkurrenz ist zu groß/zu stark/viel jünger / viel besser….

Manchmal stimmt davon etwas. Sehr häufig liegt das Problem aber viel näher:

Das Geschäftsmodell funktioniert nicht beziehungsweise die Kommunikation stimmt nicht.


Wer kein Geld verdient, sollte nicht über finanziellen Erfolg predigen

Das ist vielleicht der unangenehmste Punkt. Wenn jemand selbst seit Jahren finanziell kämpft, kann er selbstverständlich wertvolle Erfahrungen haben. Aber daraus folgt nicht automatisch wirtschaftliche Kompetenz. Ein Coach kann ein hervorragender Mensch sein und gleichzeitig ein miserables Geschäftsmodell besitzen. Er kann ein guter Zuhörer sein und trotzdem keine Ahnung von Vertrieb haben.

Er kann beeindruckende Methoden kennen und trotzdem keine Kunden gewinnen. Er kann ein Zertifikat nach dem anderen sammeln und trotzdem wirtschaftlich nicht funktionieren. Methodenkompetenz ist keine Unternehmertumskompetenz.

Und ein Zertifikat ist noch lange kein Geschäftsmodell. Viele Coaches überschätzen sich hier: Business-Coaches, die selbst nicht bereit oder in der Lage sind Geld entgegenzunehmen, wollen anderen Unternehmertipps geben. Das geht nicht auf.


Die Branche braucht weniger Esoterik über Geld und mehr ökonomische Realität

Coaching darf menschlich sein.

Coaching darf tief gehen.

Coaching darf emotional sein.

Coaching darf spirituell sein.

Aber sobald daraus ein Unternehmen wird, gelten zusätzlich die Regeln der Wirtschaft.

Umsatz ist kein Schimpfwort. Gewinn ist kein Charakterfehler. Verkaufen ist keine Manipulation. Preise sind keine Gier. Und wirtschaftlicher Erfolg ist kein Beweis dafür, dass jemand seine Seele verkauft hat.

Im Gegenteil: Ein wirtschaftlich gesundes Coachingunternehmen kann Menschen langfristig helfen.

Ein wirtschaftlich kaputtes Coachingunternehmen kann das irgendwann nicht mehr.


Und deshalb brauchen wir mehr Coaches, die verkaufen können

Nicht mehr Coaches, die sich gegenseitig erklären, warum Verkaufen „nicht ihr Ding“ oder „Geld nicht so wichtig“ ist. Nicht mehr Coaches, die 5.000 Euro in Ausbildungen investieren und anschließend Angst haben, 500 Euro für ihre eigene Leistung aufzurufen.

Nicht mehr Coaches, die monatelang kostenlosen Content produzieren und sich anschließend darüber wundern, dass ihr Konto leer ist. Nicht mehr Coaches, die glauben, Sichtbarkeit sei Umsatz.

Und schon gar nicht mehr Coaches, die wirtschaftliches Scheitern als spirituelle Prüfung verklären. Wir brauchen Coaches, die verstehen: Wert entsteht nicht allein dadurch, dass ich etwas kann.

Wert entsteht auch dadurch, dass ein anderer Mensch bereit ist, dafür zu bezahlen und ich hier Grenzen oder die richtige Kommunikation setzen kann.

Und genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob aus einer Fähigkeit ein Beruf wird – oder aus einer Idee ein dauerhaftes Hobby.


Mein Buch „10.000 Euro mit einem Buch“ ist genau deshalb entstanden

Ich habe mein Buch 10.000 Euro mit einem Buch nicht geschrieben, um noch einen weiteren Traum vom schnellen passiven Einkommen zu verkaufen.

Es geht um eine wesentlich nüchternere Frage:

Wie wird aus Wissen ein Experten-Produkt? Ein Buch ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Du kannst dein Wissen verschenken. Du kannst darüber posten. Du kannst darüber sprechen. Du kannst anderen erklären, wie wertvoll dein Wissen ist. Oder du kannst daraus ein Produkt entwickeln, es positionieren, vermarkten und verkaufen. Der Unterschied ist nicht philosophisch. Der Unterschied ist wirtschaftlich.

Genau diese Fähigkeit fehlt vielen Menschen in der Coachingbranche.

  • Sie haben Wissen.
  • Sie haben Erfahrung.
  • Sie haben Fachkompetenz.
  • Sie haben Methoden.
  • Sie haben persönliche Erfolge.

Sie haben teilweise sogar hervorragende Ergebnisse bei ihren Kunden.

Aber sie haben keine funktionierende wirtschaftliche Architektur darum gebaut.

Und dann wundern sie sich, dass sie kein Geld verdienen.


Vielleicht brauchen wir deshalb tatsächlich weniger Menschen die Geld schlechtreden

Nicht weniger Coaches.

Nicht weniger Hilfe.

Nicht weniger Menschlichkeit.

Sondern weniger ökonomische Idiotie.

  • Weniger „Geld ist nicht wichtig“.
  • Weniger „Ich mache das erstmal kostenlos“ (und dann wieder und wieder).
  • Weniger Tauschhandel als Geschäftsmodell.
  • Weniger Angst vor Verkauf.
  • Weniger romantisierte Armut.
  • Weniger Glaubenssätze, die Menschen davon abhalten, ihre Leistung angemessen zu bepreisen.

Und mehr Klarheit:

Ein Unternehmen muss wirtschaftlich funktionieren.

  • Wenn du Menschen helfen willst, brauchst du Wirkung.
  • Wenn du Wirkung skalieren willst, brauchst du Strukturen.
  • Wenn du Strukturen finanzieren willst, brauchst du Umsatz.

Und wenn nach allen Kosten etwas übrig bleiben soll, brauchst du Gewinn.

Das ist keine Gier.

Das ist Betriebswirtschaft.

Coaching darf menschlich bleiben.
Aber ein Coachingunternehmen muss wirtschaftlich funktionieren.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Lektionen, die diese Branche endlich lernen muss.


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