Warum Fehler mehr auffallen, als 330 Tage Höchstleistung

Mich beschäftigt zunehmend eine Frage: Warum sehen wir so häufig das, was bei einem Menschen nicht funktioniert, während das, was er leistet, erstaunlich schnell unsichtbar wird?

Stell Dir einen Menschen vor, der sieben Tage die Woche arbeitet, teilweise bis spät in die Nacht. Er bereitet Workshops vor, kümmert sich um Kunden, macht Marketing, entwickelt neue Angebote und versucht gleichzeitig, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Nebenbei hat er zwei Kinder und trägt auch dort Verantwortung. Es gibt unzählige Stunden, die niemand sieht. Stunden, in denen gearbeitet, vorbereitet, organisiert, nachgedacht und Probleme gelöst werden.

Und dann kommt es vor, dass dieser Mensch zu spät ist, sich verschätzt, der Körper, den Schlaf einfordert, der sonst vielleicht fehlt oder er den Anfahrtsweg unterschätzt.

Was bleibt hängen? Nicht die sieben Tage Arbeit, 360 Tage pro Jahr – nicht die Überstunden, nicht die Nächte. Nicht die Kunden. Nicht die Workshops. Nicht das Unternehmen, das aufgebaut wird. Nicht die Verantwortung für die Familie. Es bleiben die drei Verspätungen und Fehler im Gedächtnis.

Warum? Das ist eine Reduktion. Plötzlich wird aus einer Beobachtung eine Bewertung: „Der ist unzuverlässig.“ Und aus drei Situationen wird eine Eigenschaft des gesamten Menschen.

Genau dieses Prinzip kennen wir bereits aus einem anderen Bereich unseres Lebens: der Schule.

Ein Schüler kann in Mathematik, Geschichte, Sport und Kunst hervorragende Leistungen zeigen. Er kann kreativ sein, komplexe Zusammenhänge verstehen, anderen helfen, ein gutes Sozialverhalten aufweisen, guten Antrieb, nimmt immer wieder andere gedanklich mit und motiviert. Trotzdem steht am Ende häufig nicht das im Vordergrund, was er besonders gut kann, sondern das, was nicht funktioniert. Rechtschreibfehler werden angestrichen. Falsche Antworten werden markiert. Fehler werden gezählt und in Noten übersetzt.

Das System fragt häufig: Was fehlt noch? Was ist falsch? Wo ist die Schwäche?

Viel seltener lautet die Frage: Was kann dieser Mensch außergewöhnlich gut? Wo liegt sein Talent? Welche Fähigkeit sollten wir weiterentwickeln?

Natürlich müssen Fehler erkannt werden. Ein Schüler muss wissen, dass eine Rechnung falsch ist. Ein Mitarbeiter muss wissen, wenn eine Aufgabe nicht funktioniert. Ein Unternehmen muss Risiken erkennen. Das Problem ist nicht die Kritik.

Das Problem entsteht dort, wo der Fehler größer wird als der Mensch.

Wir kennen das aus der Schule: Ein Schüler schreibt eine Arbeit mit neun richtigen und einer falschen Antwort. Der Blick wandert sofort auf die falsche Antwort. Die neun richtigen Antworten werden zur Selbstverständlichkeit. Dabei könnten genau diese neun Antworten zeigen, wo die Stärke dieses Menschen liegt.

Im Erwachsenenleben passiert dasselbe.

Jemand kann außergewöhnlich viel leisten und trotzdem Schwächen haben. Vielleicht arbeitet er zu viel. Vielleicht übernimmt er zu viele Projekte. Vielleicht verschätzt er sich bei seiner Belastbarkeit. Vielleicht kommt er gelegentlich zu spät. Vielleicht kommuniziert er in bestimmten Situationen nicht optimal.

Das alles kann real sein.

Aber es erzählt noch lange nicht die ganze Geschichte.

Ich finde es deshalb problematisch, wenn Menschen auf ihre Mängel reduziert werden. Nicht weil Mängel nicht angesprochen werden dürfen, sondern weil eine faire Beurteilung beides berücksichtigen sollte: Stärken und Schwächen, Leistung und Fehler, Potenzial und Grenzen.

Vielleicht wäre es sogar an der Zeit, unsere Vorstellung von Leistung grundsätzlich zu hinterfragen.

Denn was wäre, wenn wir nicht nur fragen würden, was jemand falsch gemacht hat, sondern auch, was dieser Mensch alles möglich gemacht hat?

Was wäre, wenn wir bei einem Mitarbeiter nicht nur drei Verspätungen sehen würden, sondern auch die hunderten Stunden, in denen er Verantwortung übernommen, Kunden betreut, Probleme gelöst und Ergebnisse geschaffen hat?

Was wäre, wenn wir bei einem Schüler nicht nur die fünf Fehler sehen würden, sondern auch die 95 Aufgaben, die er richtig gelöst hat?

Und was wäre, wenn wir bei uns selbst denselben Maßstab anlegen würden?

Ich glaube nicht, dass wir dadurch nachlässiger werden. Im Gegenteil. Eine differenzierte Betrachtung kann sogar anspruchsvoller sein. Denn dann müssen wir uns tatsächlich mit einem Menschen auseinandersetzen, anstatt ihn anhand eines einzelnen Merkmals schnell einzuordnen.

Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung: Menschen nicht auf ihre Fehler zu reduzieren, ohne ihre Fehler zu ignorieren.

Denn ein Mensch, der viel leistet, ist nicht automatisch perfekt. Und ein Mensch, der Fehler macht, ist deshalb noch lange kein Versager.

Zwischen diesen beiden Extremen liegt die Realität.

Und vielleicht sollten wir genau dort wieder genauer hinschauen.