Dunning-Kruger-Effekt: Wann Mentoren zur Gefahr werden

Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass jahrelange Berufserfahrung automatisch für die Rolle eines Mentors qualifiziert. Doch Mentoring ist kein Nebenprodukt von verstrichener Zeit, sondern eine hochkomplexe psychologische und verantwortungsvolle Tätigkeit.

Wenn Mentoren schaden, liegt das selten an bewusster Bösartigkeit. Es liegt an einem gefährlichen Cocktail aus Unerfahrenheit in der Begleitungmangelndem Training und eigenen ungelösten Themen. Gute Absicht, schlechtes Ergebnis.

Hier ist die psychologische Analyse, warum „gut gemeint“ oft das Gegenteil von „gut gemacht“ ist.


1. Das Problem der „unreflektierten Biografie“

Viele Mentoren haben ihre eigenen Karrierewege nie psychologisch aufgearbeitet.

Sie sind „durchgekommen“, haben Krisen überstanden und sind aufgestiegen. Doch wer seine eigenen Wunden nur mit Arbeit betäubt, statt sie zu heilen, gibt diese ungelösten Themen ungefiltert weiter.

  • Der „Überlebenden-Bias“: Der Mentor denkt: „Ich wurde damals auch hart rangenommen, das hat mir nicht geschadet.“ Er legitimiert toxisches Verhalten, weil er es selbst nie anders gelernt hat.
  • Projektion eigener Defizite: Mentoren, die ihre eigenen Versagensängste nie gelöst haben, reagieren allergisch auf die Unsicherheiten ihrer Mentees. Statt Empathie zeigen sie Härte – ein unbewusster Abwehrmechanismus, um nicht an die eigene Zerbrechlichkeit erinnert zu werden.

2. Fehlendes Handwerkszeug: Empathie ist kein Ersatz für Training

Mentoring wird oft als „lockerer Austausch“ missverstanden. In Wahrheit ist es eine Form der Prozessbegleitung, die methodisches Wissen erfordert. Ohne Training tappen Mentoren in klassische Fallen:

  • Ratschläge als Schläge: Ein untrainierter Mentor neigt dazu, Lösungen vorzugeben („Ich würde das so machen…“), statt den Mentee zur Selbstreflexion zu befähigen oder mit wertfreien und offenen Fragen zu konfrontieren. Indirekte Manipulation erzeugt Abhängigkeit und unterdrückt die Entwicklung einer eigenen professionellen Identität. Warum? Der Mentee glaubt, er müsse den Anweisungen folgen, sich anpassen – selbst wenn das gar nicht zu ihm selbst oder den eigenen wahren Absichten, Zielen und Lebensumständen zu passen scheint.
  • Fehlende Distanz: Ohne professionelle Schulung können Mentoren Nähe und Distanz nicht regulieren. Sie verstricken sich emotional mit dem Mentee, was zu Grenzüberschreitungen oder übermäßigem Druck führt.

3. Die Gefahr der „Laien-Psychologie“

Unerfahrene Mentoren neigen dazu, sich als Hobby-Psychologen zu versuchen. Ohne fundierte Ausbildung interpretieren sie Verhaltensweisen ihrer Mentees falsch oder versuchen, tiefsitzende Blockaden zu lösen, für die sie nicht qualifiziert sind.

  • Gefährliche Interventionen: Wer nicht gelernt hat, wie man Feedback gibt, ohne das Gegenüber zu destabilisieren, kann mit einem einzigen Satz das Selbstvertrauen eines jungen Talents für Jahre beschädigen.
  • Machtmissbrauch aus Unwissenheit: Einem Mentor fehlt oft das Bewusstsein für die enorme Machtasymmetrie in der Beziehung. Unerfahrene Mentoren nutzen diese Macht unbewusst, um ihr eigenes Ego zu füttern, indem sie sich als der „große Wissende“ inszenieren.

4. Wenn der Blinde den Lahmen führt

Das größte Risiko entsteht, wenn Mentoren selbst im System feststecken. Wer selbst unter Burnout leidet oder in einer toxischen Unternehmenskultur sozialisiert wurde, kann keinen gesunden Weg aufzeigen.

Ein Mentor, der seine eigenen Themen (Work-Life-Balance, Grenzen setzen, Konfliktfähigkeit) nicht gelöst hat, wird seinen Mentee unbewusst dazu animieren, dieselben Fehler zu machen. Er wird den Mentee in die „Extrameile“ treiben, weil er selbst keinen anderen Wertmaßstab kennt.


Fazit: Mentoring ist eine Verantwortung, kein Privileg

Ein Mentor, der nicht an sich selbst arbeitet, schadet seinem Umfeld. Wahre Mentorenschaft erfordert:

  1. Regelmäßige Supervision: Jemand, der auf die Beziehung schaut.
  2. Methodisches Training: Wissen über Gesprächsführung und Psychodynamik.
  3. Die Heilung eigener Themen: Nur wer seinen eigenen Schatten kennt, wird den Mentee nicht darin einsperren.

Die hässlichsten Worte entstehen oft dort, wo Kompetenz fehlt, aber Macht vorhanden ist. Ein Mentor ohne Training ist wie ein Chirurg ohne Anatomiekenntnisse: Er mag helfen wollen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass er Schaden anrichtet, ist erschreckend hoch.


Frage an dich: Hast du schon einmal einen Mentor erlebt, der mehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt war als mit deiner Förderung?