Warum funktioniert der Unsinn aus gesellschaftlichen Maßstäben, Anreizen und Vergleichen

Wie Status, Vergleich und Selbstwert gesellschaftliche Maßstäbe erzeugen

Es gehört zu den bemerkenswertesten Eigenschaften moderner Gesellschaften, dass sich bestimmte Vorstellungen vom „richtigen“ Leben verbreiten können, obwohl ihre psychologischen und sozialen Folgen keineswegs eindeutig positiv sind.

Ein erfolgreicher Mann soll beruflich etabliert sein, über ein gutes Einkommen verfügen, möglichst eine attraktive Wohnung oder ein Haus besitzen, ein entsprechendes Auto fahren und sein Leben souverän organisieren. Eine Frau soll selbstbewusst, unabhängig, attraktiv, emotional stabil und wirtschaftlich erfolgreich sein. Beziehungen sollen erfüllend sein, der Beruf Sinn stiften, der Körper leistungsfähig bleiben und die persönliche Entwicklung möglichst niemals stagnieren.

Solche Vorstellungen wirken auf den ersten Blick harmlos, teilweise sogar vernünftig. Menschen dürfen schließlich Erwartungen haben, Ziele verfolgen und bestimmte Eigenschaften attraktiv finden. Psychologisch interessant wird die Sache allerdings dort, wo aus individuellen Präferenzen soziale Normen entstehen und aus sozialen Normen implizite Aussagen über den Wert eines Menschen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob ein bestimmter Lebensstandard „richtig“ oder „falsch“ ist. Interessanter ist die Frage, warum solche Standards eine derartige psychologische Macht entwickeln. Warum übernehmen Menschen Maßstäbe, die sie nie bewusst beschlossen haben? Warum kann ein Mensch, dessen Leben objektiv tragfähig ist, plötzlich den Eindruck entwickeln, nicht gut genug zu sein, nur weil ihm im Vergleich zu einem idealisierten Gegenüber bestimmte Statusmerkmale fehlen? Und wie entsteht überhaupt eine gesellschaftliche Realität, in der solche Merkmale irgendwann nicht mehr wie persönliche Präferenzen, sondern wie Selbstverständlichkeiten behandelt werden?

Warum brauchen Menschen überhaupt soziale Referenzpunkte?

Eine Erklärung liegt in einem grundlegenden Prinzip der Sozialpsychologie: Menschen bewerten sich nicht ausschließlich anhand absoluter Kriterien, sondern auch im Verhältnis zu anderen. Soziale Vergleiche erfüllen eine wichtige Orientierungsfunktion. Sie helfen dabei, die eigene Leistung, den eigenen sozialen Status oder die eigenen Fähigkeiten einzuordnen.

Die Forschung zu sozialen Vergleichsprozessen zeigt allerdings ebenso, dass solche Vergleiche keineswegs neutral sind. Insbesondere sogenannte Aufwärtsvergleiche, bei denen Menschen sich an Personen orientieren, die in einem relevanten Bereich scheinbar besser gestellt sind, können zu einer Verschlechterung der eigenen Selbstbewertung führen.

Eine große Metaanalyse über mehr als sechs Jahrzehnte Forschung bestätigt, dass soziale Vergleiche je nach Richtung und Kontext deutliche Kontrasteffekte auf Selbstwahrnehmung und Emotionen erzeugen können.

Was würde aber geschehen, wenn es diese Vergleichsmaßstäbe gar nicht gäbe? Wie würden Menschen dann beurteilen, ob sie erfolgreich, attraktiv, leistungsfähig oder „weit genug“ entwickelt sind? Wahrscheinlich würde ein erheblicher Teil der Orientierung wegfallen. Genau diese psychologische Notwendigkeit macht soziale Normen so wirksam.

Wenn eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe wiederholt signalisiert, dass ein bestimmtes Einkommen, ein bestimmter Lebensstil oder ein bestimmter Beziehungsstatus als Zeichen von Erfolg gilt, entsteht ein Referenzrahmen.

Wann wird aus diesem Referenzrahmen jedoch eine Norm? Und wie verändert sich unsere Wahrnehmung, wenn das, was ursprünglich außergewöhnlich war, nach und nach als selbstverständlich erscheint?

Was passiert, wenn das Außergewöhnliche zum Mindeststandard wird?

Dieser Mechanismus ist nicht auf Beziehungen beschränkt. Er lässt sich in nahezu allen sozialen Bereichen beobachten. Menschen vergleichen ihre berufliche Entwicklung, ihr Einkommen, ihren Körper, ihre Reichweite, ihre Wohnsituation, ihren Familienstand und ihre Lebensführung. Besonders digitale Medien können solche Prozesse verstärken, weil dort nicht die vollständige soziale Realität sichtbar wird, sondern häufig selektierte Ausschnitte. Menschen präsentieren bevorzugt das, was erfolgreich, attraktiv oder bemerkenswert erscheint. Der Beobachter vergleicht seine gesamte Realität mit dem öffentlich sichtbaren Ausschnitt anderer Menschen.

Was geschieht dabei mit dem eigenen Maßstab? Was gestern noch als außergewöhnlich galt, kann heute bereits als durchschnittlich erscheinen. Was gestern ein Luxus war, wird heute zum Mindeststandard. Was gestern eine Möglichkeit war, wird heute zur Erwartung.

Die tatsächliche Lebenssituation muss sich dafür nicht einmal verändern. Es reicht, wenn sich der Referenzrahmen verschiebt.

Wie leicht kann dadurch aus einem guten Leben ein vermeintlich unzureichendes Leben werden? Und wie häufig verwechseln Menschen dabei eine veränderte Perspektive mit einer tatsächlichen Veränderung ihrer Lebensqualität?

Wie stark hängt unser Selbstwert von sozialer Rückmeldung ab?

Der Selbstwert ist keine vollständig unabhängige innere Größe. Längsschnittliche Forschung zeigt einen wechselseitigen Zusammenhang zwischen Selbstwert und sozialen Beziehungen: Positive Beziehungserfahrungen können den Selbstwert fördern, während ein höherer Selbstwert wiederum mit späteren positiven Beziehungserfahrungen verbunden ist.

Die Effekte sind nicht deterministisch und erklären nicht das gesamte menschliche Verhalten, sie zeigen aber, dass Selbstwert und soziale Umwelt miteinander verbunden sind.

Was bedeutet das für Menschen, die ihren sozialen Wert zunehmend über äußere Merkmale definieren? Was geschieht, wenn Anerkennung, Attraktivität oder Zugehörigkeit nicht mehr einfach als soziale Erfahrungen betrachtet werden, sondern als Bestätigung der eigenen Person? Und was passiert im Umkehrschluss, wenn diese Bestätigung ausbleibt?

Gerade in Partnerschaften kann diese Dynamik besonders deutlich werden. Es ist vollkommen legitim, bestimmte Eigenschaften bei einem potenziellen Partner zu bevorzugen. Finanzielle Stabilität kann ein wichtiger Wert sein. Berufliche Ambition kann attraktiv wirken. Eine bestimmte Lebensweise kann für die eigene Zukunftsplanung relevant sein.

Auch Forschung zur Partnerwahl zeigt, dass ökonomische und ressourcenbezogene Merkmale bei der Partnerwahl eine Rolle spielen können und dass sich dabei zwischen Männern und Frauen im Durchschnitt bestimmte Unterschiede finden lassen.

Gleichzeitig zeigt die Forschung erhebliche kulturelle Variation und individuelle Unterschiede. Aus einer beobachtbaren Präferenz folgt daher keineswegs eine universelle Norm darüber, wie Männer oder Frauen sein sollten.

Wann wird aus einer Präferenz eine Hierarchie?

„Ich wünsche mir einen finanziell stabilen Partner“ ist zunächst eine persönliche Präferenz. Was geschieht jedoch, wenn daraus die Aussage wird: „Ein Mann sollte finanziell erfolgreich sein“? Und was geschieht, wenn daraus schließlich folgt: „Ein Mann ohne finanziellen Erfolg ist weniger attraktiv“?

An welchem Punkt wird aus einer persönlichen Auswahlentscheidung eine gesellschaftliche Wertung? Wann wird aus einem Merkmal ein Qualitätsurteil und aus einem Qualitätsurteil ein Identitätsurteil? Und welche Folgen kann es haben, wenn ein Mensch beginnt, diese gesellschaftliche Bewertung auf sich selbst anzuwenden?

Genau diese Verschiebung ist psychologisch bedeutsam. Denn dann bewertet der Mensch nicht mehr nur seine Lebenssituation, sondern seine Person. Einkommen ist nicht mehr ausschließlich Einkommen. Ein fehlendes Eigenheim ist nicht mehr ausschließlich eine Eigentumssituation. Beruflicher Misserfolg ist nicht mehr lediglich ein beruflicher Misserfolg. Die einzelnen Merkmale werden zu Symbolen einer vermeintlich globalen persönlichen Defizitstruktur.

Aus „Ich habe weniger“ kann dann „Ich bin weniger“ werden.

Was geschieht, wenn wirtschaftliche Merkmale identitär werden?

Genau diese Gleichsetzung kann erheblichen psychischen Druck erzeugen. Ein Mensch, der sich selbst an externen Statusmerkmalen misst, lebt nicht mehr allein mit der Frage, ob bestimmte Ziele erreicht werden. Er lebt zunehmend mit der Frage, ob sein aktueller Zustand ihm soziale Anerkennung ermöglicht.

Was verändert sich, wenn ein materielles Merkmal nicht mehr nur eine Ressource, sondern ein Beweis für persönlichen Wert sein soll? Was passiert mit einem Menschen, wenn ein wirtschaftlicher Rückschlag nicht mehr als Problem einer Situation erlebt wird, sondern als Bestätigung einer vermeintlichen persönlichen Unzulänglichkeit?

Ziele können scheitern, ohne dass die Identität beschädigt werden muss. Werden Ziele jedoch zu Bedingungen des Selbstwerts, erhält jedes Scheitern eine zweite Bedeutung. Auf der Sachebene funktioniert etwas nicht. Auf der Identitätsebene scheint plötzlich die eigene Person infrage zu stehen.

Ist es dann wirklich noch Entwicklung, wenn ein Mensch sich verändern möchte? Oder versucht er bereits, einen inneren Mangel zu kompensieren?

Warum wirkt Selbstoptimierung so überzeugend?

Selbstoptimierung ist nicht grundsätzlich problematisch. Lernen, Wachstum und Entwicklung sind zentrale menschliche Fähigkeiten. Aber was geschieht, wenn Entwicklung nicht mehr primär aus einem eigenen Ziel entsteht, sondern aus dem Gefühl, noch nicht ausreichend zu sein?

„Ich möchte erfolgreicher werden“ beschreibt ein Ziel.

„Ich muss erfolgreicher werden, damit ich etwas wert bin“ beschreibt eine Identitätsbedingung.

Wie unterschiedlich fühlt sich Entwicklung an, je nachdem, welcher dieser beiden Sätze im Hintergrund wirkt? Und was passiert, wenn der zweite Satz gar nicht bewusst ausgesprochen wird, sondern sich langsam aus sozialen Vergleichen, Rückmeldungen und wiederholten Erwartungen entwickelt?

Dann wird Selbstoptimierung leicht zu einer Form permanenter Selbstkorrektur. Es reicht nicht mehr, dass das eigene Leben funktioniert. Es muss sichtbar erfolgreich sein. Es reicht nicht mehr, dass eine Beziehung tragfähig ist. Sie muss bestimmten äußeren Kriterien entsprechen. Es reicht nicht mehr, sich selbst zu akzeptieren. Man soll gleichzeitig immer weiter an sich arbeiten.

Wann endet eine solche Entwicklung eigentlich?

Warum reicht ein erreicherter Status nie endgültig aus?

Status ist relativ. Es gibt immer jemanden, der mehr verdient, eine größere Immobilie besitzt, ein teureres Auto fährt, erfolgreicher erscheint, jünger aussieht, mehr Reichweite besitzt oder gesellschaftlich sichtbarer ist.

Was geschieht deshalb mit einem Selbstwert, der auf relativer Überlegenheit basiert? Wann wäre der Punkt erreicht, an dem ein Mensch sagen könnte: „Jetzt bin ich endgültig genug“?

Wahrscheinlich gibt es diesen Punkt strukturell nicht. Sobald ein bestimmter Standard erreicht wird, kann sich der Referenzrahmen erneut verschieben. Was gestern außergewöhnlich war, erscheint heute normal. Der Mensch erreicht einen Zustand, der früher als Erfolg gegolten hätte, und nimmt ihn kaum noch als solchen wahr.

Kann ein System, das permanent neue Vergleichsmaßstäbe erzeugt, überhaupt dauerhaft Zufriedenheit herstellen? Oder produziert es zwangsläufig neue Differenzen, neue Ziele und neue Gründe für Selbstoptimierung?

Warum funktionieren solche Systeme trotzdem so gut?

Die Antwort könnte gerade darin liegen, dass sie mehrere psychologische Bedürfnisse gleichzeitig bedienen. Menschen suchen Orientierung, Anerkennung, Zugehörigkeit, Sicherheit und Handlungsmöglichkeiten. Ein klarer sozialer Maßstab kann diese Bedürfnisse scheinbar gleichzeitig bedienen.

Was könnte einfacher sein als die Botschaft: „Wenn du erfolgreicher sein willst, musst du erfolgreicher werden“? Sie gibt ein Problem und gleichzeitig eine Lösung vor. Wer noch nicht dort ist, muss sich entwickeln. Wer scheitert, kann weiter an sich arbeiten. Wer sich unzulänglich fühlt, bekommt ein Programm, mit dem er diese Unzulänglichkeit überwinden soll.

Wie attraktiv ist eine Erklärung, die komplexe Unsicherheit in eine scheinbar klare Aufgabe übersetzt?

Und vielleicht liegt genau hier die gesellschaftliche Stabilität solcher Systeme. Sie müssen nicht vollständig richtig sein, um wirksam zu sein. Sie müssen nur ausreichend plausibel erscheinen und gleichzeitig eine klare Handlungslogik anbieten.

Was passiert, wenn Statussignale die komplexe Persönlichkeit ersetzen?

Eine Beziehung ist ein hochkomplexes soziales System. Zwei Biografien treffen aufeinander, zwei Bindungsgeschichten, zwei Wertesysteme, zwei Vorstellungen von Nähe, Freiheit, Geld, Familie und Zukunft. Hinzu kommen Kommunikation, Konfliktfähigkeit, Loyalität, emotionale Regulation, Sexualität, gemeinsame Ziele und unzählige situative Bedingungen.

Warum werden trotzdem sichtbare Merkmale so häufig als Abkürzungen verwendet? Warum ist es so einfach zu sagen „Er ist erfolgreich“ oder „Sie ist attraktiv“, während es erheblich schwieriger ist, über längere Zeit herauszufinden, wie ein Mensch mit Konflikten, Verantwortung, Verletzlichkeit und Nähe umgeht?

Statussignale können Orientierung liefern. Aber wann beginnen wir, das Signal mit der dahinter vermuteten Eigenschaft zu verwechseln?

Ein gutes Auto kann finanziellen Spielraum signalisieren. Beweist es Beziehungsfähigkeit? Eine hohe berufliche Position kann Kompetenz in einem bestimmten Bereich anzeigen. Beweist sie emotionale Reife? Eine Immobilie kann Vermögen repräsentieren. Beweist sie Loyalität?

Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn solche Signale nicht mehr als Hinweise, sondern als Beweise behandelt werden?

Was geschieht mit einem Menschen, der permanent nach oben vergleicht?

Der Mensch sieht andere Menschen mit mehr Geld, mehr Status, mehr Reichweite, besseren Beziehungen oder attraktiverem Lebensstil. Was macht dieser Vergleich mit der eigenen Wahrnehmung?

Entsteht Motivation oder entsteht Mangel?

Entsteht Orientierung oder entsteht Scham?

Entsteht ein realistisches Entwicklungsziel oder das Gefühl, grundsätzlich nicht zu genügen?

Die Forschung zu sozialen Vergleichen zeigt, dass Aufwärtsvergleiche je nach Kontext sowohl motivierende als auch kontrastierende Wirkungen haben können. Gerade dann, wenn der Abstand zum Vergleichsobjekt als relevant und erheblich wahrgenommen wird, kann sich die Selbstbewertung verschlechtern.

Wie häufig beobachten wir daher nicht mehr nur, was andere erreicht haben, sondern machen daraus eine Aussage darüber, wo wir selbst „stehen“? Und wie schnell wird aus einem Vergleich eine Identitätsaussage?

„Er hat mehr.“ wird zu „Er ist weiter.“ und schließlich vielleicht zu „Ich bin weniger.“

Was wäre, wenn gerade der letzte Schritt gar keine Tatsache wäre, sondern eine Interpretation?

Welche Rolle spielt dabei der eigene Fokus?

Nicht alles im Leben ist veränderbar. Nicht jede wirtschaftliche Situation lässt sich kurzfristig verändern. Nicht jede Partnerpräferenz kann beeinflusst werden. Nicht jeder soziale Nachteil verschwindet durch eine andere Denkweise. Und nicht jeder Mensch verfügt über dieselben Ressourcen.

Aber lässt sich manchmal zumindest verändern, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten? Welche Fragen wir stellen? Welche Informationen wir zusätzlich suchen? Welche Bedeutung wir einer Beobachtung geben? Und welche Teile einer Situation überhaupt noch als beeinflussbar wahrgenommen werden?

Der Unterschied kann erheblich sein.

Was geschieht, wenn die Aufmerksamkeit ausschließlich auf das gerichtet wird, was andere besitzen? Was geschieht, wenn der Fokus permanent auf dem eigenen Abstand zu einem Ideal liegt? Und was könnte sich verändern, wenn stattdessen die Frage im Mittelpunkt steht: „Was ist für mein eigenes Leben tatsächlich relevant?“

Das bedeutet nicht positives Denken. Es bedeutet nicht, reale Probleme zu verdrängen. Und es bedeutet schon gar nicht, strukturelle oder wirtschaftliche Bedingungen zu ignorieren.

Es bedeutet, zwischen der Realität einer Situation und der Interpretation dieser Situation unterscheiden zu können.

„Ich habe weniger“ kann eine sachliche Beschreibung sein. „Ich bin weniger“ ist eine zusätzliche Schlussfolgerung. „Diese Person bevorzugt einen anderen Lebensstil“ ist eine soziale Information.

„Deshalb muss ich meinen Wert erhöhen“ ist eine Interpretation. Wo genau liegt der Unterschied? Und welche dieser Ebenen liegt tatsächlich in unserem Einflussbereich?

Wer entscheidet eigentlich darüber, was „gut genug“ bedeutet?

Vielleicht liegt hier die tiefere gesellschaftliche Frage. Wer definiert, was Erfolg bedeutet? Wer legt fest, welcher Lebensstandard normal ist? Wer bestimmt, welche Eigenschaften einen attraktiven Partner ausmachen? Und auf welcher Grundlage werden diese Maßstäbe übernommen?

Sind es tatsächlich die eigenen Werte – oder handelt es sich um übernommene soziale Referenzpunkte?

Eine Frau kann einen wohlhabenden Partner bevorzugen. Ein Mann kann eine finanziell unabhängige Frau suchen. Ein Mensch kann ein Haus besitzen wollen. Ein anderer kann Miete bevorzugen. Jemand kann Karriere zum zentralen Lebensziel machen. Ein anderer kann Zeit, Familie oder Freiheit höher gewichten.

Warum sollte einer dieser Lebensentwürfe automatisch den Wert des jeweils anderen Menschen bestimmen?

Vielleicht ist genau die Unterscheidung zwischen Kompatibilität und Wert entscheidend. Nicht jeder Mensch passt zu jedem Menschen. Das ist keine Abwertung, sondern eine normale Eigenschaft komplexer Beziehungen.

Eine bestimmte Präferenz kann darüber entscheiden, mit wem ich eine Beziehung eingehen möchte. Muss sie deshalb auch darüber entscheiden, wie ich mich selbst bewerte?

Was wäre, wenn Entwicklung nicht aus Mangel entstehen müsste?

Ein Mensch kann erfolgreicher werden wollen, ohne zuvor minderwertig zu sein. Er kann mehr Geld verdienen wollen, ohne sich für sein gegenwärtiges Einkommen zu schämen. Er kann ein Haus bauen wollen, ohne dass das Fehlen eines Hauses ein persönliches Defizit darstellt. Er kann attraktiver werden wollen, ohne seinen bisherigen Körper abzuwerten.

Was verändert sich, wenn persönliche Entwicklung nicht mehr die Reparatur eines angeblich unzureichenden Selbst bedeutet? Wie würde sich ein Ziel anfühlen, das aus Interesse, Neugier oder Gestaltungskraft entsteht statt aus Angst vor sozialer Ablehnung?

Vielleicht liegt genau hier der Unterschied zwischen Wachstum und Selbstentwertung.

Wachstum sagt: „Da ist etwas, das ich gestalten möchte.“

Selbstentwertung sagt: „Da ist etwas, das mit mir nicht stimmt.“

Die Handlung kann äußerlich identisch aussehen. Die psychologische Ausgangslage ist es nicht.

Was passiert, wenn wir zwischen unserem Leben und dem Maßstab anderer unterscheiden?

Vielleicht besteht eine der schwierigsten Aufgaben in einer Gesellschaft voller Vergleichsmöglichkeiten darin, zwischen dem eigenen Leben und den Maßstäben anderer unterscheiden zu lernen.

  • Welche Ziele sind tatsächlich meine?
  • Welche Erwartungen habe ich übernommen?
  • Welche Standards dienen meiner Lebensgestaltung?
  • Welche Standards dienen hauptsächlich der sozialen Anerkennung?
  • Wann motiviert mich ein Vergleich?
  • Wann entwertet er mich?

Und woran möchte ich meinen eigenen Wert überhaupt festmachen?

Das bedeutet nicht, gesellschaftliche Realität zu ignorieren. Es bedeutet, ihre Maßstäbe nicht automatisch mit den eigenen zu verwechseln.

Vielleicht ist das die eigentliche Form von Selbstwirksamkeit: nicht jeden angebotenen Maßstab erfüllen zu müssen, sondern erkennen zu können, welche Ziele man bewusst wählen möchte und welche Erwartungen lediglich deshalb mächtig geworden sind, weil sie oft genug wiederholt wurden.

Und was bleibt vom eigenen Wert, wenn all diese Maßstäbe wegfallen?

Wenn Einkommen, Auto, Haus, beruflicher Status, Attraktivität, Beziehung und gesellschaftliche Anerkennung einmal nicht als Wertmaßstab dienen würden, was bliebe dann übrig?

Vielleicht ist genau das die unbequemste Frage.

Denn sie zwingt dazu, den Menschen nicht über seine sichtbaren Merkmale zu definieren. Sie verlangt die Trennung von Besitz und Identität, von Präferenz und Wertung, von Leistung und Selbstwert, von Kompatibilität und persönlicher Würde.

Ein Mensch kann wirtschaftlich gerade nicht erfolgreich sein und trotzdem ein wertvoller Mensch sein. Er kann keine Immobilie besitzen und trotzdem ein guter Partner sein. Er kann beruflich gescheitert sein und trotzdem Fähigkeiten besitzen. Er kann weniger Geld verdienen als andere und trotzdem ein erfülltes Leben führen.

Und umgekehrt ist wirtschaftlicher Erfolg kein Beweis dafür, dass ein Mensch als Partner, Führungskraft oder Persönlichkeit automatisch überlegen wäre.

Vielleicht müssen wir deshalb nicht zuerst die Frage beantworten, wie wir besser werden können, sondern eine andere:

Nach welchem Maßstab möchte ich überhaupt beurteilen, ob mein Leben gelungen ist?

Denn möglicherweise beginnt echte Freiheit genau dort, wo der Mensch zwischen dem unterscheiden kann, was gesellschaftlich sichtbar ist, und dem, was für sein eigenes Leben tatsächlich Bedeutung besitzt.


Quellen und Nachweise

Gerber, J. P., Wheeler, L. & Suls, J. (2018). „A Social Comparison Theory Meta-Analysis 60+ Years On“. Psychological Bulletin, 144(2), 177–197.
Sehr wichtige Quelle für den Artikel. Die Metaanalyse wertet über 60 Jahre Forschung zu sozialen Vergleichen aus und zeigt insbesondere deutliche Kontrasteffekte auf Selbstbewertung und Emotionen, wenn Menschen sich mit anderen vergleichen.
https://doi.org/10.1037/bul0000127

Harris, M. A. & Orth, U. (2020). „The Link Between Self-Esteem and Social Relationships: A Meta-Analysis of Longitudinal Studies“. Journal of Personality and Social Psychology, 119(6), 1459–1477.
Relevant für die Passage über Selbstwert und soziale Beziehungen. Die Metaanalyse longitudinaler Studien zeigt eine wechselseitige Beziehung: Soziale Beziehungen beeinflussen den Selbstwert und der Selbstwert beeinflusst wiederum spätere Beziehungserfahrungen.
https://doi.org/10.1037/pspp0000265

Dittmar, H., Bond, R., Hurst, M. & Kasser, T. (2014). „The Relationship Between Materialism and Personal Well-Being: A Meta-Analysis“. Journal of Personality and Social Psychology, 107(5), 879–924.
Das ist die zentrale Quelle für die Argumentation über Geld, Besitz und Selbstwert. Die Arbeit analysiert 753 Effektstärken aus 259 unabhängigen Stichproben und findet einen negativen Zusammenhang zwischen materialistischer Orientierung und persönlichem Wohlbefinden. Wichtig: Daraus folgt nicht, dass Geld oder Besitz grundsätzlich schädlich sind; untersucht wird die Orientierung an materiellen Zielen.
https://doi.org/10.1037/a0037409

Kim, H., Callan, M. J., Gheorghiu, A. I. & Matthews, W. J. (2017). „Social Comparison, Personal Relative Deprivation, and Materialism“. British Journal of Social Psychology, 56(2), 223–241.
Für Deinen Artikel besonders interessant. Die fünf Studien untersuchen den Zusammenhang zwischen sozialen Vergleichen, subjektiv empfundener relativer Benachteiligung und materialistischen Wertvorstellungen. Die Autoren fanden Hinweise darauf, dass soziale Vergleichsprozesse über wahrgenommene relative Benachteiligung mit stärkerer Orientierung an materiellen Zielen zusammenhängen.
https://doi.org/10.1111/bjso.12176

Walter, K. V. et al. (2020). „Sex Differences in Mate Preferences Across 45 Countries: A Large-Scale Replication“. Psychological Science, 31(4), 408–423.
Diese Studie ist wichtig, damit der Artikel bei der Frage nach männlichen und weiblichen Partnerpräferenzen wissenschaftlich sauber bleibt. Die Untersuchung umfasst 14.399 Personen aus 45 Ländern und findet durchschnittliche Geschlechtsunterschiede bei bestimmten Partnerpräferenzen, darunter finanzielle Perspektiven; gleichzeitig zeigt sie kulturelle Variation. Sie belegt damit Präferenzen, nicht die Aussage, dass ein bestimmter Lebensstandard objektiv notwendig oder moralisch überlegen wäre.
https://doi.org/10.1177/0956797620904154