Menschen lieben es, bei etwas dabei zu sein. Nicht unbedingt deshalb, weil sie selbst etwas geleistet haben. Oft reicht es schon, Teil von etwas zu sein, das gerade passiert. Bei einem Konzert. Bei einem Fußballspiel. Bei einem Unternehmenserfolg. Bei einer großen Veranstaltung. In einer Community. Bei einem neuen Projekt. Bei einer Bewegung.
„Ich war dabei.“
Dieser Satz besitzt eine erstaunliche emotionale Kraft. Er sagt natürlich allen anderen „Du warst nicht dabei.“ Das ist eine Form von Abgrenzung und Ausgrenzung. Bewusst oder unbewusst entsteht eine Macht.
Wir erzählen Jahre später, bei welchem Konzert wir waren, als eine bestimmte Band berühmt wurde. Wir erinnern uns daran, wo wir waren, als ein historisches Ereignis passierte. Wir zeigen Fotos von Veranstaltungen, auf denen wir selbst vielleicht kaum etwas getan haben. Trotzdem bedeuten diese Bilder etwas. Sie dokumentieren nicht nur ein Ereignis. Sie dokumentieren die eigene Zugehörigkeit zu diesem Ereignis.
Der Mensch möchte nicht nur leben. Er möchte irgendwo dazugehören.
Psychologisch ist dieses Bedürfnis gut untersucht. Die Forschung zur sozialen Identität beschreibt, wie Menschen einen Teil ihres Selbstbildes aus ihren wahrgenommenen Zugehörigkeiten ableiten. Gruppen sind deshalb nicht bloß Ansammlungen von Personen. Sie können zu einem Bestandteil der eigenen Identität werden. Aus „die machen das“ wird „wir machen das“.
Und genau dieses „Wir“ verändert alles.
Ein einzelner Mensch kann sich relativ unbedeutend fühlen. Als Teil einer Gruppe fühlt er sich plötzlich größer als allein. Der Erfolg einer Mannschaft wird zum eigenen Erfolg. Der Erfolg eines Unternehmens wird zum gemeinsamen Erfolg. Der Aufstieg einer Community wird zum eigenen Aufstieg. Selbst wenn der persönliche Beitrag objektiv klein war, entsteht das Gefühl, Teil von etwas Größerem gewesen zu sein.
Das erklärt auch, warum Menschen Dinge feiern, an denen sie selbst kaum beteiligt waren.
Sie feiern nicht ausschließlich die Leistung.
Sie feiern ihre Nähe zur Leistung.
Der Fan gewinnt kein Fußballspiel. Trotzdem springt er auf. Er jubelt, schreit, umarmt fremde Menschen und erlebt den Sieg emotional, als wäre er selbst auf dem Spielfeld gewesen. Für einige Stunden verschwindet die Grenze zwischen Individuum und Gruppe. Aus vielen Einzelpersonen wird ein „Wir“.
Dasselbe Prinzip funktioniert außerhalb des Sports.
Unternehmen sprechen von „unserem Erfolg“. Mitarbeiter feiern Meilensteine, Produktlaunches und Unternehmensjubiläen. Communities feiern Mitgliederzahlen. Konferenzen feiern ausverkaufte Veranstaltungen. Menschen posten Fotos von Events und markieren andere Teilnehmer. Social Media verstärkt diesen Mechanismus noch einmal, weil Zugehörigkeit öffentlich sichtbar gemacht werden kann.
Dabei entsteht ein interessanter psychologischer Effekt: Zugehörigkeit muss nicht nur empfunden, sie kann auch gezeigt werden.
- Das Foto vom Konzert sagt: Ich war dort.
- Das T-Shirt sagt: Ich gehöre dazu.
- Das Firmenlogo auf dem Profil sagt: Ich bin Teil dieser Organisation.
- Der Hashtag sagt: Ich bin Teil dieser Diskussion.
- Der Post sagt: Ich war dabei, als etwas stattgefunden hat.
Damit wird Zugehörigkeit zu einer sozialen Währung.
Vielleicht erklärt das auch, warum limitierte Veranstaltungen, exklusive Communities und besondere Zugänge eine solche Wirkung entfalten. Es geht nicht ausschließlich darum, was dort angeboten wird. Es geht um die Frage, wer Zugang bekommt. Wer dabei sein darf, erhält gleichzeitig eine soziale Information: Du gehörst zu denen, die dabei sind.
Ausschluss und Isolation funktioniert deshalb spiegelbildlich.
Wer nicht eingeladen wird, nicht dazugehört oder nicht berücksichtigt wird, erlebt nicht lediglich das Fehlen einer Veranstaltung. Er erlebt möglicherweise eine soziale Zurückweisung. Das kann wesentlich stärker wirken als die objektive Bedeutung des Ereignisses vermuten lässt.
Zugehörigkeit ist deshalb kein oberflächliches Bedürfnis. Sie berührt eine sehr grundlegende menschliche Dimension.
- Wir wollen gesehen werden.
- Wir wollen anerkannt werden.
- Wir wollen Teil von etwas sein.
Und wir wollen wissen, dass unser Platz in dieser Gruppe sicher ist.
Interessant wird es dort, wo Zugehörigkeit wichtiger wird als die Sache selbst.
Dann kann „dabei sein“ zum eigentlichen Ziel werden. Menschen besuchen Veranstaltungen, weil alle anderen dort sind. Sie treten Communities bei, weil sie dazugehören wollen. Sie übernehmen Meinungen, Sprachweisen und Verhaltensmuster, weil diese innerhalb der Gruppe akzeptiert werden. Nicht unbedingt, weil sie alles davon individuell geprüft haben.
Aus Zugehörigkeit kann dann Konformität entstehen.
Das ist die Schattenseite des „Wir“.
Eine Gruppe kann Halt geben, Orientierung schaffen und Menschen verbinden. Sie kann aber auch den individuellen Zweifel erschweren. Wer seinen Platz in einer Gruppe nicht verlieren möchte, hat einen Anreiz, die gemeinsame Sichtweise nicht zu stark infrage zu stellen.
Deshalb ist Zugehörigkeit gleichzeitig eine der stärksten sozialen Kräfte und eine der unterschätztesten Quellen menschlichen Verhaltens.
Menschen wollen nicht immer die Besten sein.
Sie wollen häufig einfach dabei sein.
Dabei sein, wenn etwas Großes entsteht. Dabei sein, wenn andere feiern. Dabei sein, wenn eine Gemeinschaft wächst. Dabei sein, wenn eine Geschichte geschrieben wird.
Vielleicht ist genau deshalb „Ich war dabei“ emotional oft stärker als „Ich habe gewonnen“.
Denn hinter dem Satz steckt eine viel grundlegendere Botschaft:
Ich war nicht außen vor. Ich gehörte dazu.
Und möglicherweise ist das einer der tiefsten Gründe, warum Menschen so gerne feiern.
Sie feiern nicht nur das Ereignis. Sie feiern, dass sie einen Platz darin hatten.
Bemerkenswert ist dabei, dass die subjektive Bedeutung der Zugehörigkeit und der objektive Beitrag zur tatsächlichen Leistung zwei völlig unterschiedliche Größen sein können. Wer bei einem Konzert, einem Unternehmenserfolg oder dem Sieg einer Mannschaft „dabei“ war, kann daraus ein starkes Gefühl persönlicher Beteiligung entwickeln, obwohl der eigene Beitrag zum Zustandekommen des Erfolgs praktisch null oder nur marginal war.
Die Forschung zum Basking in Reflected Glory zeigt genau dieses Phänomen: Menschen stellen eine öffentliche Verbindung zu erfolgreichen Gruppen her, obwohl sie selbst nicht Ursache des Erfolgs waren.
Das bedeutet nicht, dass Zugehörigkeit grundsätzlich keinen Leistungswert besitzt. Gruppen können Motivation und Leistung sogar erhöhen, etwa durch Identifikation, soziale Verantwortung oder gemeinsame Ziele; ebenso sind unter bestimmten Bedingungen Motivationsverluste bekannt.
Entscheidend ist vielmehr die Unterscheidung zwischen psychologischer Beteiligung und tatsächlicher Leistung: Das Gefühl, Teil eines Erfolges zu sein, kann enorm groß sein, während der individuelle Anteil am Ergebnis unverändert klein bleibt.
Genau diese Differenz macht Zugehörigkeit so attraktiv – sie ermöglicht Menschen, einen Teil der Bedeutung, Identität und emotionalen Wirkung eines Erfolges zu erleben, ohne dessen Leistung notwendigerweise selbst erbracht zu haben.
Doch bei aller psychologischen Bedeutung stellt sich eine unangenehme Frage: Ist „dabei sein“ eigentlich eine Leistung?
Macht es in der Welt tatsächlich einen Unterschied, ob ich bei einem Ereignis anwesend war, einem erfolgreichen Unternehmen angehöre, im Publikum stand oder später erzählen kann, dass ich es miterlebt habe?
Das Gefühl von Beteiligung kann subjektiv enorm stark sein, objektiv sagt es zunächst wenig über den eigenen Beitrag aus. Anwesenheit ist keine Leistung, Zugehörigkeit ist kein Verdienst und das Miterleben eines Erfolges macht einen nicht automatisch zu dessen Urheber.
Natürlich können Gruppenmitgliedschaft, Identifikation und gemeinsames Handeln Motivation und tatsächliche Leistung beeinflussen. Aber daraus folgt nicht, dass jeder Einzelne durch seine bloße Zugehörigkeit einen relevanten Unterschied erzeugt. Die Welt verändert sich nicht dadurch, dass jemand sagen kann: „Ich war dabei.“
Sie verändert sich durch das, was Menschen tatsächlich beitragen, entscheiden, erschaffen, riskieren, aufbauen, umsetzen oder verändern.
Vielleicht liegt genau hier eine der interessantesten Täuschungen der Zugehörigkeit: Wir können uns an der Bedeutung eines Ereignisses emotional beteiligen, ohne selbst etwas Bedeutendes zu ihm beigetragen zu haben. Das eine ist ein Gefühl von Teilhabe.
Das andere ist Wirkung. Und zwischen beidem liegt ein erheblicher Unterschied.
Quellen
- Cialdini, R. B. et al. (1976): „Basking in Reflected Glory: Three (Football) Field Studies“
Journal of Personality and Social Psychology, 34(3), 366–375.
Die drei Feldstudien zeigen, dass Menschen ihre Verbindung zu erfolgreichen Gruppen stärker öffentlich herausstellen, obwohl sie selbst nicht für deren Erfolg verantwortlich waren. Das ist die zentrale Quelle für den Gedanken „Ich war dabei“ bzw. „Wir haben gewonnen“.
DOI / Originalquelle - Turner, J. C. & Oakes, P. J. (1986): „The significance of the social identity concept for social psychology with reference to individualism, interactionism and social influence“
British Journal of Social Psychology, 25, 237–252.
Eine wichtige Grundlage der Social Identity Theory: Gruppenzugehörigkeiten können Bestandteil des eigenen Selbstbildes werden und beeinflussen soziale Wahrnehmung und Verhalten.
DOI / Wiley - Baumeister, R. F. & Leary, M. R. (1995): „The Need to Belong: Desire for Interpersonal Attachments as a Fundamental Human Motivation“
Psychological Bulletin, 117(3), 497–529.
Die Arbeit beschreibt Zugehörigkeit als grundlegendes menschliches Motiv und erklärt, weshalb stabile soziale Beziehungen und die Erfahrung, dazuzugehören, eine so starke psychologische Bedeutung besitzen. - Karau, S. J. & Williams, K. D. (1993): „Social Loafing: A Meta-Analytic Review and Theoretical Integration“
Journal of Personality and Social Psychology, 65(4), 681–706.
Besonders relevant für deinen zusätzlichen Gedanken zur tatsächlichen Leistung: Die Meta-Analyse von 78 Studien zeigt, dass individuelle Anstrengung in Gruppen unter bestimmten Bedingungen geringer ausfallen kann. Gleichzeitig beeinflussen Faktoren wie Identifizierbarkeit, Aufgabensinn und Erwartungen an andere diesen Effekt.
DOI / APA